Meus amicus Gaius Maecenas,
Ich kann nur in aller Kürze auf deinen Brief antworten, denn, soeben haben die Gespräche mit den Parthern, über die Rückgabe unserer einst durch Crassus verlorenen Feldzeichen, zum Erfolg geführt. Wie du weißt, hatte ich Tiberius entsandt, um die Feldzeichen zurückzuholen. Du wirst es nicht glauben, aber Tiberius hat sie mir soeben überreicht. Wir haben SIE wieder! Erstmals konnte ein Verständigungsfriede mit den Parthern geschlossen werden. Mag sein, dass unsere römischen Legionen, allein durch ihre Präsenz, etwas nachgeholfen haben. Jedenfalls ist kein Tropfen Blut dabei geflossen. Ich denke dieses Zeichen des Friedens das nun von Rom ausgeht, wird unsere Machtvollkommenheit nur noch stärken. - Lasst uns feiern!
Ich habe vor, den heutigen Tag zum Staatsfeiertag zu machen. Bedauerlich ist nur, dass der Tempel des Mars-Utor noch nicht fertiggestellt werden konnte. Würdest du, mein teurer Maecenas, während meiner Abwesenheit bitte einen Ersatzbau erstellen lassen, welcher die Feldzeichen vorläufig aufnehmen kann? Man sollte die Feldzeichen öffentlich ausstellen. Das Volk wird es mir danken wollen, dass ich diese größte Schmach der römischen Geschichte von uns genommen habe, ohne auch nur einen einzigen unserer Söhne dafür opfern zu müssen.
Bezüglich der vom Senat geforderten Volkszählung erwarte von mir bitte keine Entscheidung. Ich gebe euch freie Hand, die Dinge zu regeln, doch habe ich größte Bedenken, wegen der unabweislichen Folgen eines derartigen Unternehmens. Meine Bedenken sind dahingehend, mein treuer Maecenas, dass ich befürchte, es könnte unter gewissen Umständen eine Entwicklung eintreten, die zum Ende unserer so erfolgreichen Ära beitragen würde oder die sogar im Stande sein würde, dieses Ende heraufzubeschwören.
Was geschieht, wenn sich die Individuen, durch Euere vorgeschlagene Zählung, bewusst darüber werden, dass es womöglich von jedem Einzelnen abhängen könnte, ob unser Reich weiter bestehen bleibt oder nicht? Wollen wir wirklich das Risiko eingehen, womöglich jedem Einzelnen das Bewusstsein zu geben, Herr seiner selbst zu sein, sich nicht mehr nur zu erleben, sondern auch zu erkennen? Würde er dann nicht den Eindruck gewinnen, dass er alles darf und zu nichts verpflichtet ist. Eine Zählung würde möglicherweise gerade das Gegenteil von dem bewirken, was ihr erreichen wollt, nämlich den Gemeinsinn zu stärken, sondern sie würde eine Zeit heraufbeschwören, in der niemand niemandem überlegen, aber sich auch niemand für niemanden verantwortlich fühlt. Der Plebs würde kein Risiko scheuen, um an die Macht zu kommen. Die Masse würde uns absorbieren, sie würde sich allen Genüssen hingeben, die sich ihnen bieten. Hatten wir nicht bereits zu Zeiten der Republik die Luxusgesetze durch die der verheerende Einfluss der Graeculi verhindert werden sollte? Dem gewaltigen Verführungspotential von Gelüsten und Macht ist die Masse nicht gewachsen. Das wäre das Ende von Rom! Wir sollten sorgfältig abwägen, und uns dahingehend eingehend beraten.
Sogar unser Freund Quintus Horatius Flaccus hat im dritten Buch seiner Oden bereits eindeutige Gedanken bezüglich des Sittenverfalles niedergeschrieben. Du kannst dich sicherlich an die Stelle im dritten Buch der Oden erinnern. Dort heißt es: Das Väteralter, schlechter, als die Großväter, trug uns, die Geringeren, die wir bald eine entartete Nachkommenschaft zeugen werden.
Wie könnte man sagen, vor dem Gesetz wären alle Menschen gleich? Das Wohl des einzelnen muss auch weiterhin von meinen Tugenden abhängen. Ich bin stolz auf das Erreichte, und ich bin zugleich voller Furcht, es zu verlieren. Ein betrüblicher Gedanke, unser Goldenes Zeitalter könnte einmal zu Ende, findest du nicht?
Augustus, Divi Caesaris filius
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BRIEF
VI - vom XXIV.III
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