Geschwätz

Im Kaffeehaus, hinter der Säule nehme ich Platz. Ich denke noch, man wird doch nicht von mir glauben, ich sei auf der Flucht. Das alte Gestühl und der gebrechliche Tisch standen nun mal an dieser uneinsehbaren Stelle. Lediglich in den Spiegeln rundherum scheine ich noch wirklich zu sein. Wie zu einem Punkt reduziert sich hier im Schummerlicht des fensterlosen Gastraumes meine Existenz. Siehe, hier gelingt es, nur Gedanke zu sein!
Die Asiatin, die mir meine Wünsche erfüllt, passt nicht ins Ambiente, wohl ist sie aber so angenehm in der Erscheinung, dass ich mich nicht gestört fühle. Wer allein sitzt, belauscht und beobachtet, was sollte er sonst tun? Darum nehme ich ein Buch zum Milchkaffee, um nicht in Verdacht zu geraten. Mich stößt das banale Geschwätz ab, aber dennoch klebt es gerade wegen seiner Banalität an meiner Aufmerksamkeit. Wie könnte man sich schützen gegen die Banalität, wenn man sie nicht wahrnähme? Meine Zuflucht ist im Stimmengewirr; versuche die Stimmen ohne Sinn zu vernehmen. Das ist nicht leicht. Man sagt so leicht dahin, das hat keinen Sinn. Leider hat alles Geschwätz einen Sinn, nur einen so furchtbaren Sinn, dass es grausam ist ihn anhören zu müssen. Nicht das Sinnlose ist grausam, der unmögliche Sinn ist grausam. Oh, könnte ich doch die Stimmen ohne Sinn vernehmen! Das Denken versuche ich in einen gemächlichen Trott zu zwingen, dass es bei sich bleibt. Man wird hier keine Gespräche aufschnappen, denke ich, über Tod oder Moral, nichts was die Welt bewegt. Doch falsch meine Freund! - bewegt sich das Detail, bewegt sich die Welt. Die großen Dinge sind nur groß, weil sie ganz viel außer Acht lassen. Sie sind die Größten im Ausblenden. Die Kleinen sollte man sich merken, muss sie aber vergessen. Doch am Schönsten ist heute sich selbst zu vergessen. Wie klein man doch sein kann. Im Augenblick weiß niemand, wo ich mich befinde. Kein Mensch könnte sagen, was ich jetzt mache. Eigentlich bin ich hier und jetzt im Kaffeehaus der Welt vergessen und ich darf, wie ein Gott, in die Banalität von Welt eintauchen, ohne, dass sie mich angeht.

Augsburg, 02.02.05 - Jürgen Mick

 

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