Römisches Recht

Die Tage des Regens sind endlich vorüber. Die Sonne entwickelt hier schon im Mai ihre Kraft. Die Reste des übellaunigen Wetters sind schnell verdunstet. Man sitzt auf der Straße, wie man sagt. Und nicht lange, dann sucht man den Schatten, hat man auch sehnlich die Wolken zum Teufel gewünscht. Menschen stöckeln, schlendern oder laufen ganz einfach über die schmalen Bürgersteige, die Straßen und durch die Gassen. An freier Stelle wird der Asphalt unverzüglich zur Unterhitze im Backofen Rom. Säße man seit zwei Tagen hier im Cafe, an dieser Schneise ungehinderter Sonneneinstrahlung, man müsste den Eindruck gewinnen, alle wünschten sich die Sonne herbei, nur um ihr schließlich auszuweichen zu können.
Die Mutter mit ihrem Bub scheint in Eile. Obgleich es hier eine richtige, eine unbedingte Eile, wie wir sie kennen, nicht gibt. Vor allem ist sie kein Grund es an nötiger Belehrung fehlen zu lassen, die den jungen Römer einmal zu einem überlebensfähigen Verkehrsteilnehmer machen soll. An der belebten Ecke steht eine der wenigen gelben Ampelsäulen und da der Verkehr undurchdringlich scheint nutzt die Mutter, allem Augenschein nach die Gelegenheit deutlich zu machen, dass gegenüber ein rotes und ein grünes Lichtmännchen versuchen zu signalisieren, wann endlich der Corso Emanuele zur Überquerung bereit steht. Der Bub verfolgt mit interessierter Miene das Spiel der Hände und Arme seiner Mutter. Anzunehmen, dass es schwer ist bei diesem Lärm die begleitenden Worte auszumachen. Die Erklärung ist augenscheinlich nicht halbherzig, oder gar als nebensächlich einzustufen. Mama lässt sich Zeit. Das Ampelmännchen strahlt rot und erhaben über den Corso und den Fluss von Autodächern, als wäre es sich bewusst im Moment Objekt ausführlicher Erläuterung zu sein. Das fortlaufende Band der Fahrzeuge lässt keine Alternative zum Warten. Mit einem Mal jedoch reißt der Strom ab und das rote Männchen steht allein den Beiden gegenüber. Unvermittelt greift die Mutter die Hand des Kleinen und reißt ihn mit sich über die Straße. Sie verschwinden im Schatten der gegenüberliegenden Straßenflucht. Jetzt wechseln auch die Ampelmännchen vom Stehenden zum Gehenden. Zu gern hätte ich die Rede der Mutter belauscht. Es scheint mir in Rom eine überlebensnotwendig Selbstverständlichkeit zu sein, bereits Kindern den Unterscheid von Recht und Vernunft beizubringen.

Rom, 2005 - Jürgen Mick

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