Unter Freunden

Heute war einer jener Tage, an denen sie, wie so oft, unaufhörlich versuchten, mich auf ihre Seite zu ziehen, mich zum Freund zu gewinnen - und wieder konnte ich ihnen widerstehen. Ich gab ihnen zwar Recht, doch nicht aus dem Grund, aus dem ich Ihnen in früherer Zeit Recht gab, als ich noch nicht den Mut gehabt hatte zu widersprechen. Früher hatte ich nicht widersprochen, aus einer Angst heraus, die mir heute lächerlich erscheint. Es war eine anerzogene, eine lähmende Angst, die bewirkte, dass ich nur ein leises "Ja" entgegnen konnte. Die Angst vor dem "Nein"! - Man macht sich keine Freunde, wenn man "Nein" sagt. -Diesmal gab ich ihnen Recht, weil es mir lächerlich vorkam, in einer Sache, die ich schon tausendmal in weit besserer Manier bewältigt hatte, zu widersprechen, um mich auf eine Diskussion einzulassen, die ja sowieso unausweichlich dazu geführt hätte, ihnen aufs Neue Recht geben zu müssen.
Ich gab ihnen also Recht, und damit hatte ich offenbar den weisungsbefugten Entscheidungs-trägern, die immer noch glauben, Macht über mich zu haben, ein klein wenig Anlass zur Hoffnung gegeben, dass sie künftig wieder über mich verfügen könnten, dass ich mich nicht mehr so widerborstig zeigen würde und dass sie mich vielleicht sogar zum Freund gewinnen könnten. Diese Hoffnung ist jedoch unbegründet! Sie glauben zwar, aufgrund meiner heutigen Zustimmung, dass sie in ihrem Bestreben, mich zum Freund zu gewinnen, einen entscheidenden Schritt weiter gekommen seien, meine, ihnen Hoffnung machende Äußerung war jedoch reiner Selbstschutz. Sie war nichts weiter, als der Ausdruck meiner persönlichen Überlebens-Strategie.
Zum Freund werden Sie mich niemals gewinnen können!
Wie kann auch jemand sich einbilden, einen ihm Untergebenen zum Freund gewinnen zu können? Doch nur einer, der sich innerhalb einer hierarchischen Ordnung, auf einer für ihn vorteilhaften Position eingenistet hat, einer, der sich sein Leben auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam aufgebaut hat, der sich nicht belehren lassen will, auch wenn er falsche Schlüsse zieht, der lediglich darauf aus ist, dass man ihm nicht widerspricht. Doch ist es genau dieser möglich gemachte Widerspruch, der eine Freundschaft ausmacht, die Sicherheit widersprechen zu dürfen, ohne Sorge haben zu müssen, aufgrund des Widerspruches, die Macht seines Gegenübers zu spüren zu bekommen.
Wenn jemand also denkt, nur weil ich ihm zustimme, wäre ich mit ihm gut Freund, so zieht er wiederum einen seiner falschen Schlüsse, denn es ist lediglich mein Marktwert, besser gesagt, der Marktwert meiner, von ihm wahrgenommenen Profession, der es bewirkt, dass ich widerspreche oder dass ich zustimmend, stumm, nicke. Doch auch wenn ich zustimmend, stumm, nicke, widerspreche ich - was er nicht wissen kann!
Freundschaft hingegen verträgt keine Verstellung. Sie verträgt nicht die Gesetzmäßigkeiten von Befehl und Gehorsam; Freundschaft ist absolut in ihrem Anspruch auf Gleichberechtigung - jedoch, sie verträgt den Widerspruch.


Augsburg, 22.06.2005 - Günter Schweigard

 
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