Sommerdepression

Es gibt Orte an denen wollen Pflanzen einfach nicht gedeihen. Naturgemäß ist dies für jede Pflanze ein anderer Ort. Aber kein Ort ist allen Pflanzen genehm. Stehen sie an einem falschen Ort, quittieren sie dies ganz einfach mit ihrem Ende.
Es macht wohl das Menschsein aus, dass es sich nicht mit der einfachen Konsequenz abfinden will. Es muss seine Freiheit sein, die den Menschen veranlasst die Umstände zu ändern, bevor er das Verenden billigt. Ja es ist seine Stärke, sein unbändiger Wille die Dinge zu richten, dass sich die Welt nach ihm dreht, dass er, der Mensch gedeihen mag. Wie kommt es, dass mich dennoch ein Umstand vermag in die Knie zu drücken, und ich ihm nicht einfach weiche. Ich ziehe mich allenfalls zurück, ins Kaffeehaus; als meinen Ort bevorzuge ich das Dunkel der geräucherten Holzmöbel. Hier scheine ich zu gedeihen; gerade in der Sommerhitze. Es ist ungewöhnlich, gewiss, drinnen ist es nicht einmal kühler, als Draußen. In der Sommerhitze fallen die Schranken der Vernunft. Das Cafe ist das Versteck der Existentialisten, weil sie es doch nicht über sich bringen konsequent allein zu sein. Einsamkeit ist überhaupt kein Problem an einem Ort, der der meine ist. Allerdings wird Einsamkeit zu einem Problem an einem Ort, von dem ich weiß, dass ich ihn nie zu meinem machen kann. Die Stadt ist der Ort der Existentialisten, aus eben diesem Grunde; man siehe Monsieur Roquentin im Cafe Mably, Bouville. Ich wähle das Versteck, weil ich nicht gedeihen mag an meinem Ort; weil ich nicht eingehen mag; weil ich meinen Ort nicht zu wechseln vermag. Der Mensch allein ist in der Lage sich zu verstecken; sich selbst irgendwohin zu stecken. Auch das Innere ist ihm ein Versteck, ein Ort, an den er in der Lage ist zu wechseln, bevor er eingeht. Seine Unzulänglichkeiten kann er in sich hinein verstecken, um sie sich vom Leib zu halten. Nur dem Menschen ist es möglich depressiv zu sein. Mir ist zu heiß, darum sitze ich nicht auf dem Trottoir, sondern drinnen im Kaffeehaus, allein. Ich lasse mir die Umstände nicht schön reden: Der Sommer ist die Hölle. Hitze lähmt den Verstand. Allein, dass ich keinen Gedanken zu Ende bringe, dass ich ihn nicht zu Ende denken vermag, beweist, dass die Vernunft sehr wohl vom Leib abhängt, ja ihm ausgeliefert, nicht in der Lage ist den Ort zu wechseln. Dem Leib, ausgeliefert macht es gar keinen Sinn den Ort zu wechseln. So bleibt der Mensch nur immer bei sich, weil er existieren muss. Die Pflanze kann den Ort nicht wechseln, auch wenn sie müsste, der Mensch kann, aber er braucht nicht; er existiert so oder so, wohin er geht, auch im Versteck. Deswegen kommt er in Bedrängnis, obwohl er sich seine Umstände richtet, wie er will.

Augsburg, 22.07.2005 - Jürgen Mick

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