Ein Großer Brauner


Sonntag, 13.11.2005, 14:10 Uhr, Café Bräunerhof, Stallburggasse 2, 1010 Wien. Ich setze mich auf eine Bank, deren Alter der durchgesessene Polsterbezug nur erahnen lässt. Ein Gleichgesinnter sitzt mir gegenüber. Er hat ebenfalls auf einer Bank mit durchgesessenem Polsterbezug Platz genommen. Er war bereits vor mir im Kaffeehaus gewesen und hat auf mich gewartet. Das Kaffeehaus ist gut besucht. Die meisten Anwesenden sitzen, wie wir, auf Bänken mit durchgesessenen Polsterbezügen. Einige wenige sitzen auf dunkelbraunen Holzstühlen ohne Polsterbezug. Der Gleichgesinnte beginnt damit, ein Cordon Bleue zu essen. Ich esse ein Kalbsgulasch. Der ältere Herr, schräg gegenüber in der Banknische, isst ein Salonbeuscherl. Er lässt seine Frau kosten - es würde auch ihr schmecken. Sie hat sich aber schon Eiernockerln bestellt. Etwas weiter weg sitzt ein Ehepaar mit Kind. Das Kind isst sein Essen nicht auf. In einem großen Wandspiegel sehe ich einen Jüngling, der seine Begleiterin, eine gutaussehende Blondine, - bei einem Großen Braunen - umgarnt. Er will mehr; das lässt sich denken. Am Abend wird es sich zeigen. Er sollte nicht derart zielgerichtet auf einen möglichen Höhepunkt hinarbeiten, denke ich, sonst wird er keinen Erfolg haben. Eine Dame sitzt allein am Tisch und trinkt eine Wiener Melanche. Der Jüngling und die Blondine amüsieren sich über ihre Frisur. Ich bestelle noch einen Großen Braunen. Der Kaffee schmeckt sehr gut hier. Der Ober nimmt die Bestellung auf. Er ist höflich zurückhaltend. Seine Bewegungen sind professionell ökonomisch - welch eine Wohltat. Der Gleichgesinnte und ich reden nicht viel. Eigentlich ist alles schon gesagt; also lasse ich meine Gedanken schweifen. Der Gleichgesinnte wird es mir verzeihen. Der Ober bringt meinen Großen Braunen - es wird der letzte sein, vor der Abfahrt.
Ich sollte mich künftig etwas mehr darum bemühen, die bestehende Kluft zwischen dem, was ich denke und dem, was ich tue, zu schließen, kommt mir, nach längerem Nachdenken, in den Sinn. Der Satz ist Bestandteil eines Manifestes, wie ich mich erinnere. Der Wille ist schon immer da. Schopenhauer zeigte sich zeitweise sehr verärgert darüber, dass er nicht im Stande gewesen war, diese Pflichtübung des Existentialisten zufriedenstellend zu erledigen. Er war damit nicht alleine. Viele sind daran gescheitert. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Es macht keinen Sinn, das Leben, ziel-gerichtet, auf das Erreichen eines Höhepunktes hin, zu leben, um die eigene Geschichte schließlich zu einem guten Ende zu bringen, denn auch dann kann die Kluft nicht vollständig aufgelöst werden - dies ist lediglich der Stoff aus dem Memoiren gemacht werden. Die eigene Geschichte muss hingegen immer wieder aufs Neue erzählt werden - im Sinne eines Anhäufens von Lebens-geschichten. Die Bedingungen, die das Leben stellt, erschweren es oder lassen es oftmals überhaupt nicht zu, die eigene Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Ständig wird erwartet, dass man seine Geschichte nicht immer wieder neu, sondern immer weiter erzählt. Dennoch: Man muss es tun! Auf die Gefahr hin, sich plötzlich in einer anderen, als der eigenen Geschichte wieder zu finden und sich von niemandem mehr verstanden zu sehen: Man muss es tun! Man darf den Vorgang des Erzählens der eigenen Geschichte nicht unterbrechen - auch dann nicht, wenn man es sich im Leben gut eingerichtet hat und sich auf der sicheren Seite wähnt. Dies ist einer der wenigen Verträge, die Gott mit den Menschen geschlossen hat.
Wir bezahlen und gehen zum Ausgang. Im Hinausgehen bemerke ich die Vorbereitungen des Kaffeehaus-Trios - Violine, Cello, Klavier. Die Musik beginnt, wie jeden Sonntag, um 15:15 Uhr. "Der Pianist ist ein Professor am Musikkonservatorium", höre ich eine elegante ältere Dame zu ihrer Tischnachbarin sagen. Diese nickt: "Ich weiß! Er spielt den Lehár vorzüglich." Wir gehen durch den Windfang und lassen eine Welt zurück. Im Café Bräunerhof erklingen die ersten Töne: Franz Lehár.


Augsburg, 25.11.2005 - Günter Schweigard

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