Im Bahnhofscafe

Er komme jeden Tag auf den Bahnhof und hoffe jeden Tag darauf abgeholt zu werden, hat er mir erzählt. In der Regel werde die Wahrscheinlichkeit dafür, an einem Bahnhof abgeholt zu werden, sehr hoch eingeschätzt, wie er meinte. Er lese viele Bücher in der Zeit, die ihm jeder Tag des Wartens bereit hält, die halbe Bahnhofsbibliothek habe er wohl an Lesestoff schon verschlungen, seit er hierher kommt auf den Bahnhof. Währenddessen sei er, sagte er mir, immer freundlich und wenn möglich zuvorkommend gewesen, zu allen Passanten, mit denen er es mittlerweile zu tun hatte, wie er mir versicherte, und er erwarte deshalb umgekehrt unbedingt, dass diese ihm gleichfalls freundlich begegneten. Die Tage gleichen sich zum einen sehr, zum anderen genieße er seine Freiheit. Und für einen ungeübten Wartenden sei es doch unvorstellbar, was sich an Unvorhergesehenem auf einem Bahnhof, wo sich ja alles, wie alle glauben, fahrplanmäßig abspiele, ereigne. Man könne einerseits nicht zu viel erwarten, das sei wohl wahr, wenn man mit der Absicht hier her komme und gleichsam mit der Absicht lebe, abgeholt zu werden. Es sei wohl eine Absicht, die von jedermann, wenn er sie einmal gefasst hat, vollkommenen Einsatz fordere. Er sei dabei immer Realist geblieben, und tue diesen Job mit heiterer Gelassenheit, wie er sich ausdrückte, aber immer noch mit vollem Einsatz. Es gäbe Tage, behauptete er, da empfinde er regelrecht Glücksgefühle, was zum großen Teil an den Büchern läge, die er sich angewöhnt habe immer bei sich zu tragen. Ich muss zugeben, sagte er mir, ohne Bücher wäre der Job ungleich schwerer und wie er glaubt, wahrscheinlich überhaupt nicht zu bewältigen. Mit Menschen habe er oft zu tun, aber sie nicht sehr oft mit ihm, bedauerte er, was durchaus sich zu einem Problem auswachsen könne, und was er jedoch immer bestrebe zu vermeiden. Zu Krisenzeiten käme es vor allem um die Zeit der Fahrplanumstellung herum. Zweimal im Jahr wird der Fahrplan umgestellt, im Frühling von Winter- auf Sommerfahrplan und im Herbst von Sommer- auf Winterfahrplan, wie jedem wohl bekannt sein müsse. In jenen Zeiten häufen sich dann die Kontakte, was er einerseits begrüße, ihn aber andererseits über Gebühr anstrenge. Man schreibe ihm mittlerweile große Erfahrung zu in Sachen Warten, weshalb man ihn regelmäßig engagiere, sich seiner Kompetenz wegen freundlicherweise der Zurückgebliebenen anzunehmen. Man könne sich gar nicht vorstellen wieviele Zurückgeblieben es gäbe auf einem Bahnhof. Es komme nämlich regelmäßig dazu, dass Zurückgebliebene in völliger Verzweiflung sich an ihn wendeten. Das trete zweimal im Jahr gehäuft auf, nämlich wenn der Fahrplan umgestellt würde, aber auch in den anderen Zeiten seien Unregelmäßigkeiten keine Seltenheit. Unregelmäßigkeiten führten immer zu Turbulenzen, hat er versichert, und es gäbe zudem neben den Fahrplanumstellungen, welche ja regelmäßige Unregelmäßigkeiten darstellten, unzählige unregelmäßige Unregelmäßigkeiten, die zu regelrechten chaotischen Zuständen führten. Darum warne er immer all diejenigen, die glauben an seiner Tätigkeit, die ja nichts anderes als ein Warten sei, Gefallen finden zu können, und sage ihnen bei jeder Gelegenheit, sie sollen keinesfalls irgendwelche Hoffnungen mitbringen, wenn sie sich für das Warten abgeholt zu werden entschlössen. Hoffnungen seien das allerletzte, was in diesem Job von Nutzen wäre. Das Warten darauf abgeholt zu werden, sei im Grunde ein völlig hoffnungsloser Job, weil er schlicht nur ein einfaches endloses Warten sei, wovon sich ein gewöhnlicher Passant kaum eine Vorstellung machen könne, wie er mir gegenüber betonte. Und er wisse wovon er spreche, er mache das jetzt bereits seit mehr als fünfundzwanzig Jahren, und er gebe zu bedenken, er sei bisher noch nicht einmal abgeholt worden. Er sage aber auch immer gleich dazu, dass man sich auf keinen Fall von seiner Bilanz abhalten lassen solle, und wenn man sich einmal für das Warten abgeholt zu werden entschieden habe, dürfe man sich nicht im mindesten durch seine Geschichte, die ja seine ganz persönliche sei und keinerlei Allgemeingültigkeit besitze, entmutigen lassen. Wenn mir der Mut manchmal schwindet und das Warten schwer ankommt, sagte er noch, bevor er zahlte, um zurück an seinen Bahnsteig gehen zu können, wo seine eigentliche Aufgabe schließlich auf ihn warte, dann verlasse er kurzzeitig seinen Bahnsteig, wie er ihn nannte, und komme hierher in das Bahnhofscafe, ein paar Zeilen in sein Notizbuch zu schreiben, was ja wohl erlaubt sein müsse, wo es ihm in seiner Not doch sehr helfe.


Augsburg, 20.05.2006 - Jürgen Mick

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