Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen. Mein Name ist Lester Piggott. Lester Keith Piggott. Sehen Sie es nicht in erster Linie als einen Akt der Höflichkeit an, wenn ich mich Ihnen nun näher vorstellen werde. Ich habe keine andere Wahl. Es bleibt mir schlichtweg nichts anderes übrig, als Sie über meine Person sehr detailliert in Kenntnis zu setzen. - I take my chance - Indem ich Sie zu meinen Vertrauten mache, besteht für mich die Hoffnung, dass Sie mir etwas von der schweren Last abnehmen könnten, die ich als Wissender zu tragen habe.
Meinen Namen habe ich Ihnen schon mitgeteilt: Lester Piggott. Ich bin Brite, wie Sie unschwer an meinem Akzent feststellen können. Ich bin weltberühmter Jockey. Ich habe über 5.000 Pferderennen gewonnen, darunter neunmal das Englische Derby und dreimal das Deutsche Derby. Elfmal war ich Englischer Champion. Sie werden also zugeben müssen, dass ich ein Meister meines Faches, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des Galoppsportes, und somit berechtigt bin, Sie anzusprechen, die Sie auch allesamt Experten sind. Sie, die Sie wissen, was zu sagen ist, wenn Sie über Fragen des Lebens oder über ähnliche Dinge reden. Bevor ich mich nun mit meinem eigentlichen Anliegen an Sie wenden werde, habe ich Sie noch über ein weiteres wichtiges Detail, meine Person betreffend, in Kenntnis zu setzen. Ich hatte es bisher verschwiegen - indeed - Ich rede nicht gerne darüber: ich bin sehr klein! Vom Scheitel bis zur Sohle messe ich nur 5 Fuß und 1¼ Inch. Es wäre mir sehr unangenehm, zu Ihnen aufblicken zu müssen, wenn wir uns unterhalten. Ein Gespräch unter Experten sollte immer auf Augenhöhe geführt werden. - Setzen wir uns also! - Was meine Kleinwüchsigkeit angeht, so muss ich hier anmerken, dass diese in den meisten Lebenslagen als ärgerlicher Nachteil angesehen werden muss; für einen Jockey jedoch, ist sie von unschätzbarem Vorteil. Mehr noch, es ist sogar eine absolute Notwendigkeit, für einen Jockey, dass er klein gewachsen ist und ein geringes, für das Pferd kaum spürbares Körpergewicht besitzt. Die Masse des Pferdes wird am Schnellsten bewegt werden können, wenn der Schwerpunkt der Gesamtmasse, nämlich, mitsamt dem menschlichen Ballast, sich möglichst nicht nach oben hin verschiebt, was vor allem beim Kurvenritt nachteilig wäre, bei dem sich ein Rennen - wie schon so oft geschehen - entscheiden kann. Sieg oder Niederlage hängen davon ab. Es ist für den Jockey jedoch nicht damit getan, klein und leicht zu sein. Für diejenigen unter ihnen, die das Geschäft der Reiterei als ein durch und durch rohes ansehen, sei gesagt: der erfolgreiche Jockey ist auch ein feinfühliger Mensch - very sensitive. Er ist auch ein Lyriker. Er schreibt Liebesgedichte. Er kann das Pferd unter sich durch den Sattel hindurch spüren. Er nimmt jede Bewegung des unter ihm galoppierenden Tieres bereits wahr, bevor sie ausgeführt wurde. Er kann die Bewegungen des Pferdes behutsam unterdrücken oder verstärken. Er ist in der Lage zu - sychronize - die Pulsschläge von Mensch und Tier. Er lässt gewähren oder sorgt für klare Verhältnisse - beides steht in seiner Macht. Herr über den überaus komplexen Vorgang, der schnellen Zielgerichteten Fortbewegung des Rennpferdes, bin ich, Lester Piggott. Nein! Ich will ehrlich mit Ihnen sein: ich war der Herr der Bewegung. Ich habe meine aktive Laufbahn nämlich schon vor längerer Zeit beendet; doch spüre ich keinerlei Wehmut darüber. Seit ich nicht mehr dazu gezwungen bin, ständig im Kreis herum zu reiten, habe ich häufiger Gelegenheit dazu, meinen Blick auf die Dinge des Lebens zu richten, die abseits von Disziplin und Pflichterfüllung liegen, was ich durchaus als Bereicherung empfinde.
Ich sollte also überaus zufrieden sein können, wie Sie mit Recht bemerken werden, und ich würde Ihnen auch uneingeschränkt zustimmen und mein bisheriges Leben als ein sehr erfülltes zu bezeichnen wagen, wenn da nicht die Geschehnisse der letzten Monate wären, die mich völlig unvorbereitet trafen und die mich nicht mehr loslassen. Nacht für Nacht werde ich seither von Träumen heimgesucht, die sich meiner in unerträglicher Weise bemächtigen. Es sind Träume, die mich sehr irritieren, Träume, die meine seelische - balance - vollständig aus dem Gleichgewicht bringen und mich langsam, aber doch spürbar zu zerstören beginnen.
Dieser, meiner beginnenden Zerstörung entgegenzuwirken, habe ich bisher noch kein Mittel gefunden. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es das Beste wäre, ich könnte mich meiner Erinnerung stellen, und ich könnte das Erlebte verarbeiten; was jedoch naturgemäß nicht gelingen kann. Niemand hat je derartiges verarbeiten können. - Dazu ist der Mensch zu schwach. Schon der Versuch, es zu wagen, würde unausweichlich jeden zugrunde richten. Die einzige Möglichkeit, um doch noch meine Rettung herbeiführen zu können, sehe ich darin, meine Erinnerung an das Geschehene gänzlich auszulöschen, das mich Zerstörende mir vom Halse zu schaffen und alles, was mir in den letzten Monaten widerfahren ist, auf diese Weise zu vergessen. Dazu brauche ich möglichst viele Mitwissende. Ich werde Ihnen also meine Erlebnisse erzählen, wohlwissend, dass Sie mir womöglich nur aus reiner Sensationslust zuhören werden, und es möglicherweise gar nicht, oder jedenfalls viel zu spät merken werden, dass Sie, wie ich, nicht in der Lage sind, die von mir erzählten Erlebnisse zu verarbeiten und auch zu verkraften; vielleicht wird sogar Ihr bisheriges Gedankengebäude völlig zusammenstürzen, und die innere Zerstörung wird auch bei Ihnen einsetzen. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich Ihnen dies alles zumuten kann. Ich bin zu der Überzeugung gekommen - bei allem Respekt für Sie als - human being - dass ich, um mich zu retten, auf Sie keine Rücksicht nehmen kann. Sollten Sie also Zweifel haben, tatsächlich ein Experte, in Fragen des Lebens oder in ähnlichen Dingen zu sein, so gebe ich Ihnen den Rat, - dies ist eine Frage der - fairness of an elder sportsman - sich Ihrem Alltagsleben zuzuwenden und sich aus meiner Sache herauszuhalten.
©
2005 Augsburg
Günter
Schweigard