Heute weiß ich, dass die Begegnung mit dem Münedschi wohl eine unausweichliche sein sollte, dass sie also vorherbestimmt gewesen war: Die schicksalhafte Zusammenführung zweier Menschen, die ohne auch nur einen Augenblick zögern zu dürfen, einen neuen Weg zusammen zu gehen hatten, der sie für lange Zeit aneinander binden sollte. Ich traf den Müedschi im roten Sand der Wüste Nefud. Dort fanden Dreharbeiten zur Verfilmung des wenig beachteten Romans, "Am Jenseits", von Karl May, statt. Das - scenario - sah vor, dass ausgedehnte Wüstenritte auf dem Rücken von Pferden und Kamelen erledigt zu werden hatten. Reitszenen sind in Schauspielerkreisen, wegen ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit, sehr gefürchtet. Einer von ihnen wollte sogar gesehen haben, wie ein Kollege kürzlich, beim Dreh zu einer Reitszene, derart unglücklich vom Sattel gefallen war , dass er sich mit dem Fuß im Steigbügel verfing und er von seinem weiter galoppierenden Pferd über den Steppenboden geschleift wurde. Dieser Kollege sei dann später seinen Verletzungen erlegen. Nach dieser Nachricht waren die übrigen Schauspieler derart verängstigt gewesen, dass sie verlangten, zumindest mit den - basic rules - der Reitkunst vertraut gemacht zu werden. Man scheute keine Mühen, und sah sich nach dem Besten um, was dieses Metier zu bieten hatte - worauf man mich als Reitlehrer engagierte. Zugegeben: Ich hätte es nicht nötig gehabt, einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen, da ich mich bereits im Ruhestand befinde, doch ich zehre in nicht unerheblichem Maße davon, dass ich auch weiterhin, nachdem ich über mehrere Jahrzehnte hinweg ein Superstar des Galoppsportes war, in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde. Ich muss sogar zugeben, dass ich - früher noch mehr als heute - von diesem Wahrgenommensein abhängig bin. Für mich, der ich, wie Sie wissen, kleinen Wuchses bin, ist es sehr bedeutsam, wahrgenommen zu werden; dies lässt mich über die unzähligen Schmähungen, die ich in meiner Kindheit aufgrund dieser Kleinwüchsigkeit zu ertragen hatte, hinwegsehen.
Vom Münedschi war ich von Anfang an fasziniert gewesen, denn auch er war von Gott mit einem Makel belegt worden: Der Münedschi war blind. Das heißt vielmehr, dass er mir als ein Schauspieler vorgestellt wurde, der die Rolle des blinden Münedschi zu spielen hatte. Wie man mir sagte, war er, nicht zuletzt wegen seiner allseits hoch geachteten Schauspielkunst, dafür ausgewählt worden. Kein anderer, als der Münedschi selbst, hätte diese Rolle spielen können. Da der Münedschi also blind zu sein hatte, bat man mich, ihn sehr intensiv zu betreuen. Man befürchtete, dass es nicht gelingen würde, den Reitstil eines Blinden zu erlernen, der naturgemäß von einer gewissen Unsicherheit des Reiters, bei schnelleren Gangarten des Pferdes, geprägt sein müsse; es sei daher nicht auszuschließen, dass ein sehender Schauspieler, auch wenn er über die Fähigkeiten des Münedschi verfüge, überhaupt nicht in der Lage ist, diese Unsicherheit glaubhaft darzustellen. Die Frage, ob ein Blinder einen speziellen Reitstil hätte, konnte ich nicht beantworten, und es war auch gar nicht vonnöten gewesen, diese Frage zu beantworten, denn der Münedschi wusste, wie ein Blinder zu reiten hatte. Er beherrschte es, diese seltsam kontrollierte Unsicherheit, wie sie nur einem Blinden eigen sein konnte, sogar noch im gestreckten Galopp auf solch überzeugende Weise zu spielen, wie es keiner hier für möglich gehalten hätte, und ich bemerkte, dass ihm, seit dem Tag unseres ersten Wüstenrittes, das gesamte Filmteam größte Bewunderung entgegen brachte. Sie behandelten ihn nunmehr in einem Maße zuvorkommend, als hätten sie es tatsächlich mit einem Blinden zu tun gehabt, wobei ich doch einschränken muss, dass ich einige beobachten konnte, die üble Grimassen schnitten, wenn der Münedschi an ihnen vorbeiging. Sie taten dies nicht unbedingt aus Neid und Missgunst, sondern weil sie ihn lediglich dazu bringen wollten, - ein Auf-die-Probe-stellen unter Kollegen - in einem Moment der Unbeherrschtheit, seine gespielte Blindheit aufzugeben, die er, zur allgemeinen Verwunderung, nun schon seit einigen Tagen, auch während der Drehpausen, nicht mehr abzulegen bereit gewesen war. Dass der Münedschi möglicherweise eben so wenig blind sein könnte, wie er Muselmane und Wahrsager ist, hat für mich keinerlei Bedeutung. Ich weiß bis heute nicht, ob er, sich immer noch in einer Filmrolle wähnend, seine Blindheit nur spielt oder ob er tatsächlich nichts sehen kann. Er ist für mich so sehr der Münedschi geworden, dass ich ihn niemals gewagt hätte, ihn nach seinem richtigen Namen zu fragen.
Wir waren nun bereits einige Zeit in der Wüste unterwegs gewesen und hatten uns an verschiedenen Orten zu Dreharbeiten eingerichtet. Der Münedschi und ich unternahmen an diesen Tagen, ausgedehnte Wüstenritte, bei denen wir meist in angeregte Gespräche vertieft waren, die auch noch nicht abrissen, wenn das Abendlager eingerichtet war. Wir saßen dann am offenen Feuer, das uns täglich ein fürsorglicher Nomade entfachte, der mit den Mitgliedern seines Stammes - allesamt der Komparserie angehörend - stets in unmittelbarer Nähe unseres Lagerplatzes campierte. Wir sprachen bis tief in die Nacht von Dingen, die für mich bis zu diesem Zeitpunkt noch völlig fremd gewesen waren. Bei einem unserer allabendlichen Gespräche, im noch warmen Wüstensand sitzend, vertraute mir der Münedschi an, dass er die Fähigkeit besitze, - wohl nicht zuletzt aufgrund seiner Blindheit - seine Seele aus dem Körper zu entlassen, um sie nach entfernten Orten und in entfernte, längst vergangene aber auch zukünftige Zeiten zu schicken. Ebenso war das Jenseitige, wie er sagte, für ihn immer schon ein reeller Ort des Wohlbefindens gewesen. Er erzählte mir von Augenblicken der Entrückung, die ihm Einblicke in unbekannte geistige Welten gewähren würden, und die bei ihm ein derart tiefes Gefühl der Zufriedenheit auslösten, dass eine Rückkehr ins Weltliche für ihn immer weniger erstrebenswert sei. Es wäre für ihn, der mehr zu sehen in der Lage ist, als jeder andere Mensch, bald nicht mehr zu ertragen, nach diesem Zustand des Entrücktseins, wieder mit den Abgründen des menschlichen Daseins konfrontiert zu sein. An einem Abend, als wir wieder beieinander saßen, begann sich sein Gesicht plötzlich eigenartig zu verklären. Es war das erste Mal, dass ich den Münedschi in einem derartigen Zustand sah. Im Flackern des Feuerscheins konnte ich eine tiefe Angst in seinen Gesichtszügen erkennen. Wie ich heute weiß, hatte er in diesem Augenblick ein - dreadful presentiment - von den uns noch bevorstehenden Erlebnissen gehabt; zum damaligen Zeitpunkt war es für mich jedoch unmöglich gewesen, mit Bestimmtheit zu sagen, ob es sich lediglich um eine weitere grandiose, bis ins letzte Mienenspiel durchge-haltene, schauspielerische Leistung des Münedschis handelte, oder ob er tatsächlich in einen Zustand der Ausgesetztheit des Geistes geraten war. Der Münedschi saß völlig reglos da. Er starrte, über meinen Kopf hinweg, in die Nacht hinaus, bis er sich schließlich schützend die Hand vor Augen hielt und entsetzt sein Gesicht abwandte. Als ich mich umblickte sah ich, direkt hinter mir einen Großgewachsenen, kräftigen Schauspieler stehen - es war jener, der im Film den Kara Ben Nemsi darzustellen hatte. Ich sah, wie der Kara Ben Nemsi mitleidig auf den Münedschi herabblickte, während er sich den roten Wüstensand von seinen Schultern klopfte.

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  © 2005 Günter Schweigard