Wir sind im Camp angekommen. Unversehens entledigen wir uns der Sorge, und stellen sofort fest, hier ist alles in Sorge um uns. Das Insektenvernichtungsmittel tropft - für Mensch und Tier ungefährlich - in die Baumwipfel. Überhaupt ist nichts an diesem Ort gefährlich. Deshalb sitzen wir regungslos. Wir essen schließlich, weil wir Lust verspüren, wenn uns der Schmelz des Eises den Gaumen aufraut; und wir erinnern uns unaufhörlich dieser Reize. Wir sollten uns aber an nicht zu vieles erinnern. Vorsicht! Regt euch nicht auf, ihr könnt die Welt sowieso nicht verbessern. Vergesst das Grauen, es ist nur Panikmache. Glaubt nicht an die Gier, es ist nur Wettbewerb. Seht ihr irgendwo Neid, dann denkt dran, es ist Bewunderung. Und habt ihr den Verdacht euer Nachbar sei euch missgünstig gestimmt, seid sicher es ist nur Schwäche. "Es gibt ihn nur in den Köpfen, den unterentwickelten Teil dieser Welt." Im Camp leben wir in Einvernehmen. Wir haben eine gemeinsam unterschriebene Verfassung. Denkt daran, das Jammern gehört zum guten Leben nicht zum elenden. Die Jungen mit den Alten, die Dummen mit den Weisen, die Reichen mit den Armen. Das ist das gute Camp. Es ist für jedermann. Niemand kann sich außerhalb stellen. Niemand kann anders denken, jedes Denken ist in unserem Camp erlaubt. Wir sind frei. Die Verfassung regelt auch den Ausnahmefall. Er ist Routine in einem guten Camp. Vor Andersdenkenden sind wir hier geschützt. Keine Sorge, der Profi lächelt!
Und noch ehe wir uns versehen, kommen wir nicht mehr an uns heran.

10.06.03

 

Literatur

1) Creveld, Martin, Aufstieg und Untergang des Staates, (Gerling Akademie Verlag, 1999)
2) Bubner, Rüdiger, Polis und Staat, (Suhrkamp 2002)

3) Arendt, Hannah, Vita activa, (Piper 2002)
4) Geuss, Raymond, Privatheit, (Suhrkamp 2002)

 

 


Im Camp
von Jürgen Mick

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