Event, Event - das Städtchen brennt! Durch die obsoleten Löcher in den Steinfassaden tanzen Kommerz und Spaß ihre Reigen. Die Stadtväter sehen es mit Verzückung und titulieren jeden Aktionismus mit Revitalisierung. Das Leben ein einzig Fest. Spaß muss sie (mit-)machen unsere Stadt. Ein hohles Gerippe, aufgeputzt und überlaufend vor Geldgier, wird als "neuer" Urbanismus verkauft. Maskerade und Mummenschanz auf dem Friedhof längst verdammter, soziokultureller Werte. Gemeinsinn und Verantwortung belegen lediglich die Bilanzen. Vorausblickende Geister proklamieren dann: Die "Zwischenstadt" müsse sich rüsten, um den Spaß zu empfangen. Wo Menschen sind, da ist auch Leben. Belebt ist was lauthals grölt und neonbunt blendet. Das Museum bebt - auch nachts; eine Horde von Unterhaltungsjunkies tanzt um Requisiten, die sie nicht versteht und tut als tradiere sie die hohen Werte eines Menschseins, das längst nur mehr ihren Vorfahren zugestanden werden kann.
Wie ein Stromstoß durchfährt der Event den tauben Patienten. Es bedarf des eruptiven Ereignisses, der vehementen Wirkung und siehe, die Stadt existiert; für einen Moment nur, aber immerhin. Sie nimmt sich selbst wahr, weil die Ereignisse wie Torpedos durch ihre blutleeren Venen schießen. Man fühlt sich am Leben, so wie es belebend ist, ein eingeschlafenes Körperglied wieder zu verspüren. Weil es gelingt, sich für einen Augenblick selbst zu beschreiben. Diese Momente des Lebens sollen nicht vergehen, natürlich, und so bleibt nur die Jagd auf den nächsten Event, die Opiumspritze, die einen wieder in den Rausch des Lebens versetzt.
Bewusstlose Städte jagen den Ereignissen hinterher, wie Junkies ihrem Stoff. Im Moment der Selbstbeschreibung agiert die Stadt für sich selbst als Beobachter und nur das gibt ihr Gewissheit, noch am Leben zu sein. Wenn man aufhört sich selbst wahrzunehmen, hat man das Bewusstsein verloren. Von allen Wünschen bleibt nur der eine, sich wieder selbst zu verspüren. Die Gewissheit zu haben, dass man existiert, ist bedeutender, als die eigentliche Existenz.
Ob Olympiaden, Messen, Fußballmeisterschaften oder Konzertereignisse, Momente der Selbstbeschreibung sind lebensnotwendig. Die Stadt leidet qualvoll an Abhängigkeit, existiert als Moment, von Moment zu Moment, als kumuliertes Einzelereignis. Ausschließlich Massenveranstaltungen werden noch als öffentliches Ereignis allgemein wahrgenommen. Man kommt nicht umhin, sie zu bemerken, selbst wenn man nur Leidtragender des verursachten Parksuchverkehrs ist. Nicht umsonst bedient man sich dankbar der Auszeichnungen, wie Messestadt, Kulturstadt, Kongressstadt, Olympiastadt usw., erdacht um Identifikationscharakter zu stilisieren, für Bewohner ebenso wie Besucher. Warum nur provoziert die Stadt pausenlos Events, um sich selbst wahrzunehmen?
Die unablässige Jagd gibt Hinweis auf eine Leere: Die auf jeden Event folgende, enttäuschte Hoffnung. Eine Leere, die immer schon vorhanden ist; die Leere der Nichtwahrnehmung; das taube Gefühl der Nichtexistenz, die übertüncht werden soll. Allein die Hoffnung auf eine neue Adrenalinspritze entlockt dem Komapatienten ein Lebenszeichen. Wie der Agonie entrissen kommt die Stadt zu sich, von Hoffnung belebt, erliegt sie erneut dem Rausch, und dem Versprechen wieder Lebensgeister in ihren Adern zu verspüren, in dem kurzen Moment des Events. Nur dann entfaltet sich die Stadt, als Eventstadt, wieder zu einem gemeinsam gelebten Ort.
Wenn das Aufmerksamkeitsgewitter vorbei gezogen ist, verbleibt das Stadtzentrum ausgehöhlt und missbraucht zur historischen Kulisse, allenfalls zum musealen Gebrauch. Zeugnis einer verbrauchten Dialektik des Kollektivs, geben dann nur noch dem genauen Betrachter die "Hausgesichter" vergangener Zeiten. Als öffentlich und privat noch faktisch-räumliche Gegensätze bezeichneten und die beiden Begriffe äquivalent für die Pole einer Form des alltäglich, praktischen Zusammenlebens standen.
13.07.04
Eventstadt -
Ein Trauma akuter städtischer Selbstwahrnehmung
von Jürgen Mick
