Der Supermarkt als Welt
von Jürgen Mick

Houellebecq geht angeblich gern in Supermärkte, was so sonderbar ist, dass man es vermelden muss, als wäre es obligatorisch Supermärkte zu hassen. Dabei kommt der Supermarkt uns evolutionär entgegen. Mit anderen Worten, er musste sich so entwickeln, wie er sich schließlich entwickelt hat.
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass auch ich Supermärkte grundsätzlich liebe - ich halte mich vor allem in den Sommermonaten besonders gern darin auf - ist er ein überaus zuverlässiger Ort. In einem Supermarkt - und ist er auch noch so klein (was kein Grund wäre ihn nicht supermercato zu nennen) - herrscht ein stets gleichbleibendes Innenraumklima. Es ist angenehm kühl.

Es ist ein sicherer Ort, von höchster Ordnung, mit konstantem Klima (Und ein klimatisierter Innenraum ist in unseren Breiten noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit, was sich bald ändern dürfte). Orthogonales Wegesystem und gleichmäßige Beleuchtung, jede Ware gut auffindbar, stapel-, regal- oder reihenweise ausgelegt, zur Selbstbedienung. Was gibt es Angenehmeres? Der Supermarkt entspricht der großen Zahl und der Berechenbarkeit, denen unsere Zeit verpflichtet ist. Und er hat nicht das geringste mehr mit einem Markt gemein. Eben ein Super-Markt (die Größe tut, wie gesehen, nichts zur Sache!). Die Szenerie erscheint geräuschlos und geordnet, zumindest erinnert man weder Stimmen noch Lärm. Kein Tumult, kein Palaver, kein Feilschen und kein Betrug. Menschenstimmen sind in weite Ferne gerückt, man ist allein und darf sich still und heimlich bedienen. Musikfiltriert gleitet man, Kontakt vermeidend, auf leichthandhabbare Gehilfen gestützt, aneinander vorbei. So muss es im Himmel sein. Stoßzonen und Eigentumscontainer markieren die Standpunkte. Hierarchische Wegeführung und automatische Kontobelastung. Flexible Besetzung der Kassenplätze zur reibungslosen Entlassung. Hier wird zu jedem Moment dem Zeitmangel des Kunden Rechung getragen, die Anonymität gewahrt und Diskretion garantiert. Im Supermarkt soll man sich zwar nicht aufhalten (auch wenn es noch so angenehm ist), nur schnellst möglich Erledigungen vollziehen, jedoch man soll wiederkommen. Um dem Schlaraffenland zu entkommen zahlt man Austrittsgeld. Man hat es immer vermutet, gezahlt wird stets im Jenseits. Sind die Kassen noch Teil des Supermarktes, könnte man fragen. Nein, möchte man antworten, sie erregen Ärgernis, sie saugen uns nach draußen. Und das, nachdem nichts unterlassen wurde, uns zu suggerieren, hier brauche man nach allem - wie geheimnisvoll unsere Gelüste auch sein mögen - ganz einfach nur zuzugreifen. Erst die Ware, dann das Geld, die Verführung schlechthin.

Der Supermarkt birgt in sich eine ganze Welt. Reziproker Spiegel der Naturgesetze, in denen die (Aus-) Wahl zum alleinigen Topos wird. Wähle! (oder wähle nicht, auch das ist eine Wahl, eine vernichtende!) Einen anderen Zweck erfüllt die Schlaraffia des Warenfetischisten nicht. Die Welt eine Wahlmöglichkeit, nicht mehr! Ist es nicht so? Allein der Entscheidung ist nicht zu entkommen. Sie ist uns geblieben und sie wird uns bleiben. Unendlich viele Griffe nach den Dingen, den unnützen, den notwendigen, den lieb gewonnenen. Zugreifen und immer wieder greifen, nach Chancen, Möglichkeiten, Gewinnen und Angeboten. Man kann sie so zahlreich wählen, dass die einzelne Entscheidung an Relevanz verliert - womit fraglos auch die Betreiber von Supermärkten spekulieren. Entscheidungen werden abgeflacht, umschifft, man muss sich ihnen umso weniger stellen, je häufiger man zugreift. Man kann wieder gut machen, wieder rein holen, wieder-wiederholen. Zielgerichtetes Vorgehen erscheint hier mit einemmal beliebig, willkürlich und verbohrt. Wille wird nebensächlich, wirkt gar borniert. Aus dem Moment der Redundanz erwächst ein neues Handlungswesen, das sich angesichts unendlich gesteigerter Auswahlmöglichkeiten, der willentlichen Entscheidung entzieht. Von jedem etwas, und etwas wird dabei sein, was mir gut ist. Irgendetwas kann auch ich mir in jedem Falle leisten. Dem Kaufwillen wird unmittelbar entsprochen, wie es scheint, doch man ahnt, es ist ein solcher eigentlich vorher nicht existent. Ein Einkaufszettel erschiene hier als Relikt vergangener Zeiten. Kaufen kann man immer! Nicht der Wille ist der Vater des Einkaufs, sondern die Möglichkeit. Das Angebot, insbesondere das Sonderangebot, evoziert den Kaufwunsch, manövriert den Käufer dorthin, wo er sich Erfüllung verschaffen kann. Für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Nicht der Inhalt des Wunsches, die Erfüllung an sich ist Ziel der Operation. Die Erfüllung ist befreit vom leidigen Wünschen. Die Erfüllung ist Zweck. Man geht "shopping", wie es heißt, was nichts anderes anzeigt, als den Sinn und Zweck der Operation. Wir stürzen uns in Erfüllung, indem wir auswählen, aussuchen, was auch immer es sein mag, man wird sehen! Man beschenkt sich selbst, inklusiv Überraschung. Los zu gehen in eine Welt, wie den Supermarkt, bedeutet leer zu starten, in guter Hoffnung nicht mit leeren Händen zurück zu kehren. Man kann nur gewinnen, wenn man nicht will! Man lässt Bedürfnisse an sich herantragen, auf sich zukommen. Man ist unentschlossen, und muss es sogar sein, sonst zahlt man drauf! Die Welt ist Verheißung, auf was auch immer: Evolution pur. Was auch immer ist, es ist gut! Erfolg hat wonach man sich sehnt. So bilden sich hier im Supermarkt die Naturgesetze dieser Welt, der Supermarkt als Welt, ab.

Im Supermarkt sind wir alle gleich, auf eine verblüffend entparadoxierte Weise: Jeder kann sich leisten, was er sich leisten kann. Wie die Bücher der Bibliothek, in der ich dies schreibe, stehen die Gurken und Weine, die Milch und der Schinken in Reihe und Glied, unabhängig von Inhalt und Qualität, wir lesen nur an Chiffren ihre Begehrlichkeit ab. Zeichen und Symbole dirigieren die Einkommensströme. Im Supermarkt stehen die teuren Sachen ganz selbstverständlich neben den Billigwaren, die Luxusgüter gleich neben den Schnäppchen. Man ist anonym unterwegs und nichts verrät unsere Position, wie die Position im Supermarkt nichts über uns verrät. Die Gleichheit der Form egalisiert die Möglichkeiten, sie liberalisiert die Bewegungsfreiheit. Wir stehen in derselben Schlange, haben alle etwas im Wagen und bezahlen jeder nach seinen Möglichkeiten. Wir sind überrascht und befriedigt gleichermaßen, wenn wir den Super-Ort verlassen. Endlich sind wir reines Begehren. Und das reine Begehren zu sein, "soll das Begehren nach dem Sein ersetzen", wie Houellebecq meint. Da kommt uns der Supermarkt gerade recht. Der Wagen ist voll, die Jagd erfolgreich, auf der Strecke bleibt, was in den Regalen bleibt. Man hat schon immer geahnt, was der Supermarkt uns sagen will: Die Lust selektiert, nicht der Wille. Die Lust sich verführen zu lassen, von einem reich gedeckten Tisch zu naschen, mit oder ohne Verlangen. Und das Leben ist einzig eine Qual, weil es uns nichts lässt, als die Wahl. Doch auch wenn wir diese Welt verlassen, werden wir überrascht und befriedigt gleichermaßen sein, ja, ich bin überzeugt so wird es sein.

 

08.07.06

 

 

Literatur

Houellebecq, Michel, Die Welt als Supermarkt, Rowohlt, 1999

 
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