Wir geben unsere "Stimme" ab an Apparate, die daraus ihre Bestätigung ziehen und aktiv produzieren. Nimmt die Zahl der Stimmen ab, versiegt auch die Produktion. Wir speisen die Apparate mit binären Daten von Zustimmung oder Verweigerung. Ablehnung oder Kritik ist in der Masse nicht vernehmbar. Verweigerung nicht Ablehnung, ist also das Gegenteil von Zustimmung. Alle Aktivität wirkt fördernd, alle Verweigerung wirkt tödlich. Deshalb ist auch nicht selten zu bemerken, dass Kritik förderliche Wirkung zeigt, allein aufgrund der Steigerung von Aufmerksamkeit. Die Öffentlichkeit ist keine politische mehr, in der der Austausch von Argumenten Wirkung zeigt, sondern die Öffentlichkeit ist transformiert in ein duales System, das mittels der Parameter Zustimmung oder Verweigern zur Systemerhaltung beiträgt.

Es ist eine Öffentlichkeit der Masse in der die Handlungsfolgen statistisch abgewogen werden und Regulierungen immer nur auf Mehrheitsfähigkeit beruhen. Eine Massengesellschaft darf sich ein Parlament mit Parteiensystem eigentlich nicht leisten. Parlamentarische Debatten können eigentlich nur noch manipulieren, sie werden niemals erreichen, dass eine Minderheit eine Mehrheit überzeugt. Da die Manipulation unvorhersehbare Folgen nach sich ziehen kann, artikuliert sich die parlamentarische Debatte inzwischen harmlos allgemeingültig, in der unbewussten Vorahnung der möglichen unkalkulierbaren Folgen. Denn von den massenhaft verbreiteten Fragmenten, die nach außen dringen, nicht vom argumentativen Inhalt hängt die öffentliche Meinung ab. Nur was Massenware wird, kann massenhaft konsumiert werden.

Die persönliche Handlung, wie der Kauf von Rindfleisch oder Schweinefleisch hängt von den Nachrichten ab, die uns erreichen und allgemeine Verbreitung finden. Ein falsches Wort ist schneller verbreitet, als ein fundiertes Argument und kaum mehr zu revidieren. Die Masse ist mächtiger geworden, als die überholten demokratischen "Apparate" uns Glauben machen wollen. Die Masse "entscheidet", ist man versucht zu sagen, doch dies verklärt, denn es gilt was schon Ortega schrieb: "Die Masse kann nicht entscheiden, die Masse kann nur zustimmen.". Der öffentliche Raum ist verschwunden, er ist transformiert in einen binären Zustandsraum.

07.01.04


Binäre Öffentlichkeit

v on Jürgen Mick

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