Komplex oder konfus?
von Jürgen Mick
Meint man nicht selten, wenn man von Globalität spricht, eine unüberschaubare Umwelt, in der man sich nur schwer noch zurechtfinden kann. Ja, Komplexität ist ausgebrochen! Die Komplexität der Gesellschaft, der Technik, der Umwelt und des Kapitalismus und alles zusammen wächst uns - global gesehen - über den Kopf. Es scheint, als können wir keinen Schritt mehr tun, von dem wir wissen, wohin er uns führt. Ja, wir sehen uns nicht einmal mehr in der Lage zu beurteilen, was es uns einbringt, wenn wir diesen Schritt unterlassen.
Gleichzeitig ist es verblüffend, wie homogen und uniform uns doch manche Phänomene entgegen treten. Man beobachtet bei all der Vielheit im Handeln und bei genauer Ansicht der Dinge im Detail, eine Konformität von höchster Güte. Eine phänomenale Ordnung tut sich im Kleinen auf. Die sogenannten kleinen und alltäglichen Dinge des Lebens wirken unerwartet gleichgeschaltet. Sie legen, wie von einem unsichtbarem Gesetz geprägt, zur Einheitlichkeit verkommene Formen an den Tag. So zahlreich andererseits augenscheinlich Neuheiten auf uns einstürmen, so gering ist deren Bedeutung auf den konkreten Moment. Aus Sicht der Ausdifferenzierung, kann man, berechtigter Weise, bei Freizeit, Beruf, Kommunikation, Sex und Kreativität geradezu von Wachstumsbranchen sprechen. Eine Vielfalt überrollt uns, die niemand mehr verstehen will.Noch nie war soviel Freizeit, und noch nie, war sie so kostbar wie heute, und ihr sozialer Wert, sagt man voraus, wird dem der Arbeit irgendwann den Rang ablaufen! Entsprechend wächst das Angebot: Nie gab es zahlreichere Sportarten, ausgefallenere Abenteuer, Reiseziele und Veranstaltungen. Und nie war es so vielen Menschen möglich, diese in Anspruch zu nehmen. Man transportiert die Freizeitler an ausgewählte, jedoch beliebige Orte, holt nach vereinbarter Zeit wieder zurück, schirmt ab von Unzulänglichkeiten, oder suggeriert Abenteuer; serviert vierzehn Tage kontinentales Frühstück, oder treibt den Elch vor die Flinte. Den Einzelnen beobachtet man aber dabei, wie er immer wieder die gleichen Tätigkeit tut, hundertfach wiederholt, an Stupidität nicht zu überbieten. Er bedient sich monostrukturierter Handlungsanweisungen, befreit von jeder Notwendigkeit selbst zu entscheiden, oder zu improvisieren. Was in vielfältiger Weise gestaltbar scheint, unterscheidet sich konkret allenfalls in Ort und Zeit und eventuell noch am Maß des Adrenalinausstoßes. In Handgriff und Modalitäten bleibt alles im fest abgesteckten Bereich. Letztendlich finden sich alle in derselben Schlange an der Kasse wieder, zahlen irgendwo ein, damit jemand, das von ihnen Gewählte, an ihnen vollzieht. Dabei ist die Methode der Ablenkung allen gemein. Blieben noch Resttätigkeiten, wie Schwitzen, Essen, Telefonieren, Trinken, Lieben, Fotografieren usw. und selbstverständlich davon erzählen: und die Freizeitschar ist in Freiheit vereint. Die Akteure - und das ist wichtig - bleiben während des Ereignisse immer die Gleichen; Vorher und Nachher sind kompatibel: Freizeit ist umkehrbare, entwicklungsfreie Zeit. Erfahrungen werden als Ware gehandelt, sie sind nichts, was am Individuum sich vollzieht, sind akzidentiell, gegebenenfalls auch einklagbar oder mit Rücktrittsrecht.
Im Pendant, der Berufswelt, verhält es sich vergleichbar. Neue Berufsbezeichnungen schießen wie Pilze aus dem Boden. Nie gab es mehr Berufe, nie wurden Berufe schneller erfunden, als heute. Verfolgt man dann das Geschehen am Arbeitsplatz sitzen alle und jedermann und kalkulieren an Tastaturen, welche Apparate speisen. Sie bewegen Zahlenkolonnen, wobei sie oft den Bezug dieser Zahlen zur materialen Welt nicht kennen. In zahlreichen, sehr verschiednen Branchen unterscheiden sich nicht einmal mehr die Fähigkeit die jeweiligen Zahlen zu manipulieren, weil diese selbst erlauben, unabhängig vom Hintergrund zu operieren. Das hat den Vorteil Umschulung ist kein Problem, vorausgesetzt, man kennt sich mit Excel aus!
Selbst in den Branchen, denen man Kreativität nachsagt, besticht die Konformität. Man vermutet Methode oder Billigkeit, doch angesichts der Unabhängigkeit und Freiheit lässt Absicht sich kaum nachweisen. Kreativität ist allgemein für jedermann heute leichtgemacht, dank computer-aided design. So erschließt sich schnell, dass jede persönlich entworfene Einladungskarte, anstatt Unikat zu sein, sich als Graphik-Clip montierte Pseudo-Massenware entpuppt. Aber weshalb, ist selbst das Handwerk der Professionellen so erstaunlich konform? Man reagiert zu Recht mit Langeweile, wenn hundert, unabhängige Kreative stereotype Formen gestalten, als beabsichtigten sie je eine Variation desselben Musters vorzustellen; nichts wirklich Neues! Kann man die Kraft der Ordnung mutmaßen, die unter all der Freiheit unserer Gesellschaft sich formiert? Die Moden wechseln schnell, schneller denn je, doch prägen sie, kraftvoll wie noch nie - egal woher sie kommen - alle Bereiche der Gesellschaft mit denselben Formen und Gestaltungsprinzipien.
Begierden aller Art finden jederzeit und überall ihre befriedigende Entsprechung. Die Liebe ist das höchste Gut der Moderne und so flexibel. Sie ist käuflich, austauschbar, ersetzbar, manipulierbar und man kann ihr entsagen, ihr Inexistenz ebenso zusprechen, wie absprechen. Liebe ist unser Glaube, in jedem Falle frei wählbar. Die Lust aller Couleur kann vielfältigere Möglichkeiten der Befriedigung nicht finden, als sie heute rund um den Globus geboten werden. Den Einzelnen quält, an allen Orten dieses Planeten, der gleiche Schmerz: Die Krankheit zum Tode: Verzweiflung! Nicht bei sich zu sein, oder gar nicht zu wissen, wo man sich finden könnte.
Vielleicht auch der Grund dafür, dass man die Verbindungsdichte zum maximal Möglichen steigert. Kommunikation allzeit und an allen Orten. Der Angst zu Versäumen liegt die Angst sich nicht in anderer Gedanken zu wissen zu Grunde. Das Gefühl der Nicht-Integration wird versucht durch Kommunikation - passiv wie aktiv - zu kompensieren versucht. Während ich kommuniziere, kann ich nicht vergessen sein! Kommunikationsvielfalt und -möglichkeit ist gesteigert bis zum Exzess, und die Folgen büßen wir mit Belanglosigkeit der einzelnen Mitteilung. Der Satz an sich ist, in der Regel, an Unerheblichkeit nicht mehr zu übertreffen. Dazu muss man nicht nur die Telefonate Jugendlicher oder die präformulierten Standardtexte von Telekommunikationsunternehmen ins Auge fassen, sondern auch Stellungnahmen von Politikern vor laufender Kamera, oder das morgendliche Briefing in den Abteilungen unserer Musterkonzerne dazu rechnen. Floskeln und Allgemeinplätze beherrschen die Standardkommunikation und leider auch die Landschaft der Medien.
Hinter der oben auf schwimmenden Unübersichtlichkeit verbergen sich einzig Variationen desselben Typs. Die Komplexität liegt über den Dingen, wie ein bezaubernder Schleier. Über festgezurrten Bahnen und Kanälen täuschen Myriaden von Mutationen neue Unübersichtlichkeit vor; eine Oberfläche aus unüberschaubaren und verlockend glitzernden Angeboten die, wenn man sie durchstößt, in immer die gleichen Korridore münden. In jene graue unspektakuläre Röhren, die, aus dem Untergrund, unsere Phantasmagorie der Globalität mit Zuckerwatte speist. Das Untergrundsystem wird trickreich verpackt, immer mehr Hasardeure versuchen ihr Glück zu machen, indem sie es anzapfen. Das Allgemeine ist so vielgestaltig, das Besondere so gleich.Und mit einem Mal nimmt man wahr, dass die Vase nur Abstand zweier Gesichter ist. Von Augenblick zu Augenblick kehrt die Form sich zum Hintergrund und umgekehrt. Es liegt das Allgemeine immerzu als Vielheit zu Tage, aber in dem grellen Schein kann es sich nicht, seinem Charakter adäquat, entfalten zum Besonderen. Eher sieht man es stagnieren in maximaler Fragmentierung. Das Besondere ist nicht für die große Zahl bestimmt, im Verborgenen, nur im Unentdeckten kann seine Knospe Blüte schlagen. Die Moderne hat die Verhältnisse gekippt, aus Angst vor Enge. Es fand sich einst an der Oberfläche, was heute unten liegt: Dort im Geheimen war dem Leben erlaubt seine Stilblüten zu treiben. Das Individuum lag verborgen, kam nicht in den Blick. Ihm oblag im Humus seines engen Lebenskreises eine unentdeckte Entwicklung zu vollziehen. Draußen galt es Form und Richtung einzuhalten, den großen Sprung konnte niemand sich erhoffen, im Gegenzug musste man den Fall auch nicht fürchten. Sonntäglicher Beichtgang war ein Muss, während der Woche lag man müßig, konnte ohne Last und Zwang seine Wege testen. Im Einzelnen wollte niemand ganz genau es wissen. Mit Beichtspiegel ward am Ende nur allgemein Buße getan. Man blieb en Detail ganz unbehelligt, konnte die Momente gestalten, die heute von den Wurzeln der Systeme ganz durchdrungen, keine Faser und keinen Handgriff unbewertet lassen. So hat man heute mehr Raum zum Wohnen, aber keinen Raum im Inneren; weil man in sich nichts Eignes mehr hat; weil auf Schritt und Tritt Rechenschaft abzuleisten ist.
Das Individuum zog lange Zeit unbeachtet durch die Geschichte, bis dass es irgendwann ins Blickfeld kam; vielleicht, weil einer seine eignen Ansichten zu sehr für wichtig nahm. Einen Augenblick der Weltgeschichte später unterzog das Individuum sich dem Röntgenschirm. Es wurde analysiert und seziert, dass es sich nun, nur mit Mühe noch zusammen halten kann, und sich seitdem unermüdlich auf der Suche seiner selbst befindet. Individuum war es, solange niemand davon sprach, aber es verlor sich, mit dem Moment, da es für jeden zum Thema wurde. Das Füllhorn der Optionen, welches das Leben bereithält, liegt heute augenscheinlich vor aller Füßen. Doch wagen wir zuzupacken, hilft uns nichts, als den Bedingungen der Dinge Folge zu leisten. Ein unsicherer Griff bestimmt alle Bahnen. Wie vormals in den Nebeln eines Zauberwaldes, da jedes Glitzern Glück und Tod gleichermaßen barg, entscheidet sich zu Beginn, welchem Schicksal man sich übergibt.In der Vormoderne konnte man über jedes Feld hinschlendern, unbedarft durch jeden Forst sich schlagen. In der Moderne ist es möglich, zwar schnell, wie der Schall, doch nur auf eingefahrenen Wegen, um die ganze Welt zu reisen. Alles steht nah und erreichbar, doch birgt jedes seinen eigenen Bann. Die Freiheit steht heute am Anfang, auf einer bunten Oberfläche parat, wo ehemals nur Vorbestimmung zu erwarten war. Dem Zwang kann man sich heute am Ende kaum erwähren, wo hingegen früher nicht selten ein ganzer Mensch dastand. Der kam gewiss nur zustande in einem fest gefügten Rahmen, doch heute ist er nur noch Voraussetzung, um sich zu zerstäuben. Von Kindheit an, kämpfen wir unser Menschsein nicht zu verspielen, nicht zu weit uns von unserer Person zu entfernen, beim Erwachsenwerden nicht dem Menschen zu entwachsen. Auf der Streckbank des Alters lamentieren wir dem Henker ins Ohr, von Qualen und Fesseln überwältigt, denen niemand aus dem Weg gehen konnte. Die Freiheit verspielt, so geht es zu Ende, als hätte man zu Spielbeginn, jedem die seine ausgeteilt. Wer kommt noch auf die Idee, dass er sich Freiheit erschaffen muss, Menschsein erarbeiten kann? "Der Mensch ist nicht, der Mensch muss werden", dieser Satz Schillers, läuft heute Gefahr dem Antidiskriminierungsgesetz zum Opfer zu fallen. Aber zu viel Vorschuss hat seine Fußangeln! Die große Freiheit geschenkt, fordert das Kleingedruckte seinen Tribut. Wenn die Freiheit nur Wahlfreiheit bedeutet, wird Komplexität nur zum Gesellschafts-Spiel, in welchem die Regeln alle nur gleich machen, und zum Tode führen. Die Ordner sind installiert und die Attraktoren schlagen jeden in den Bann, sobald der Schmelz der vermeintlichen Komplexität geknackt wird. Und niemand wird ablassen von dem Schönen und Verwirrenden: Dann wird Komplexität der Schein, der es erlaubt, uns konfus zu stellen: zur Droge der Aufgeklärten.
17.03.05
