Destruktive Interferenz von Medienwellen
von Günter Schweigard

 

Spricht man von Wellen, so ist die Metapher nicht weit - auch wenn sie oft weit hergeholt sein mag. Man muss es mit ihr nicht allzu genau nehmen; im äußersten Fall kann es bei ihrer Verwendung sogar zu einer völligen Ausschaltung der physikalischen Wellengesetze kommen, ohne dass sie dabei Schaden nehmen würde. Die Wellenmetapher taugt somit, wie keine andere, zur Veranschaulichung schwer erklärbarer Vorgänge, deren Ursprung sich meist nicht mehr ausmachen lässt. Sie ist bestens geeignet, medienspezifische Gesetzmäßigkeiten die bei der Verbreitung von Bildern und Informationen zugrunde gelegt werden, zu beschreiben.
Durch die Medien, in erster Linie durch die Bildmedien, werden unterschiedlichste Wellen angeregt. Hierbei wird nicht danach gefragt, ob eine Welle Fluch oder Segen für die Menschen ist. Es geht einzig und allein darum, sie medienverträglich aufzubereiten, sie verwertbar zu machen. Die Wellen werden verstärkt oder abgeschwächt, bis das richtige Maß gefunden ist. Sie werden solange künstlich am Leben erhalten und für die Welt wahrnehmbar gemacht, solange sie sich als nützlich erweisen. Die eigentliche Welle, wie beispielsweise eine reale Flutwelle, ist beliebig austauschbar. Sie stellt nur ein unbedeutendes Vorspiel dar, wird jedoch durch die Verbreitung von Bildern, von den Medien nachhaltig gespeist. Endlose Wiederholungen von Szenen der Zerstörung und des Leids lassen ein Hintergrundbild entstehen, vor dem sich weitere Wellen aufbauen, die wiederum durch die Medien angeregt werden. Dabei entstehen, durch geschickte Überlagerung der Einzelwellen, resultierende Wellen mit sehr viel höheren Amplituden, wodurch es zu einer stark verzerrten Darstellung der Ereignisse kommt.
Dem Tsunami folgt zunächst die bedrohlich sich auftürmende Welle der weltweiten Medieninformation. Alle, die nicht der realen Flutwelle zum Opfer fielen, werden zu Überlebenden gemacht und somit zu Betroffenen erklärt. Distanz stellt sich dabei nicht mehr automatisch, als räumliche Distanz ein, - man ist hautnah dabei - sie kann einzig und allein durch einen selbstbewussten Akt des Wegschauens hergestellt werden. Doch genau in diesem Augenblick haben uns die Wellen der Konformitätssteigerung bereits erfasst. Die Welle der Erschütterung trifft uns fast gleichzeitig mit der Welle der Anteilnahme für die Opfer und der Welle der Spendenbereitschaft. Das Wegsehen wird moralisch verwerflich. Es wird ein immenser Konformitätsdruck erzeugt. Die Dominanz des Visuellen wird gnadenlos für eigene Zwecke ausgenutzt. Alle sind gezwungen hinzusehen. Ein Volk ist vereint, im sturen Blick auf den Bildschirm. Die Medien können sich dabei sicher sein, dass die durch sie angeregten Wellen auf schwingungsfähige Systeme, nämlich auf die voyeuristischen Augen der überlebenden Betroffenen treffen.
Die Wellen der Konformitätssteigerung haben umso höhere Amplituden, je mehr sich die reale Flutwelle auf Bekanntes, auf Vertrautes gestürzt hat; auf geliebte Pazifikstrände etwa, auf Strandkörbe in denen man selbst schon lag oder auf Landsleute, die man zwar nicht kannte und die man auch nie hätte kennen lernen wollen, die einem nun aber, da sie tot sind, unangenehm nahe stehen. Besonders den Einheimischen, den thailändischen Familienvätern steht man nahe. Ihre drahtigen Körper schieben auch weiterhin unbeirrt die Fischerkähne gegen die Brandung ins Meer hinein, obwohl der Tsunami ihnen Frau und Kinder genommen hat. Was soll ihr Fang nun noch wert sein? Sie brauchen unsere Anteilnahme! Sie brauchen unsere Hilfe! Sie werden es allein nicht schaffen, die Pazifikidylle wieder herzustellen. Wer will so anmaßend sein, sich nicht für solidarisch zu erklären. Die überlebenden Betroffenen sind ungeduldig; sie wollen wissen, was zu tun ist. Die Medien sagen es ihnen. Die Leitungen sind freigeschaltet! Die Spendenkonten warten darauf, gefüllt zu werden. Der Entladung der Welle der Anteilnahme, durch das uniforme Zücken des Spendenschecks, steht nichts mehr im Wege.
Doch irgendwann ebben die Wellen ab. Die Wellen der Betroffenheit und der Anteilnahme haben ihre Gewalt eingebüßt. Ihre seichten Ausläufer verlieren ihre Energie in der Erinnerung. Der Mensch kann nicht leben, mit dem Gedanken an die ständige Anwesenheit der Todesgefahr. Würde der Tod auch ungeahnt, in Form der nächsten Welle sich ankündigen, er würde nicht wahrgenommen werden. Längst stehen die Touristen wieder im seichten Wasser, der vom Tsunami getroffenen Pazifikstrände. Die Wellen des besänftigten Meeres treffen auf die Erfrischung suchenden Körper. Die unbändige Kraft der Natur kann nurmehr erahnt werden, indem man sich gegen das anrollende Meer stemmt, um nicht umgeworfen zu werden.
Die Medien haben sich bereits wieder anderen Themen zugewandt, - auch der Gesundheitszustand des Papstes kann medienwirksame Wellen auslösen - da wird zu unser aller Überraschung die reale Flutwelle nochmals angeregt. Man gibt denjenigen überlebenden Betroffenen, welche bis dato nicht den schwingungsfähigen Systemen angehörten, die Gelegenheit einer Aufarbeitung. Diejenigen, welche sowohl die reale Flutwelle, als auch alle Medienwellen unverletzt überstanden haben, die es nicht ertragen hatten, hinzusehen, die den Blick abwenden mussten, werden nun erneut mit dem Geschehenen konfrontiert. Sie sollen zur Einsicht gebracht und für kommende Wellen empfänglich gemacht werden. Eine Analyse aus der Distanz heraus, aus der einzigen Distanz, neben dem Wegsehen, die heute noch möglich ist, nämlich aus der zeitlichen Distanz heraus, wird angekündigt. Ein philosophischer Exkurs, auf hohem Niveau, scheint das geeignete Mittel hierfür zu sein. Man geht aufs Ganze.
Es treffen sich zwei Philosophen, spät nachts, im Fernsehen. Sie sind Gastgeber einer Gesprächsrunde, die versuchen will den Wellengesetzen der Medien auf den Grund zu gehen. Die Gäste, ein populärer Literat und der Herausgeber einer bekannten Wochenzeitung. Ersterer, selbst direkt Betroffener der realen Flutwelle, Überlebender aus erster Hand, wie er sagt, Überlebender mit Armverband, wie man sieht, trägt einen weiteren Erlebnisbericht bei - letztlich erfährt man nichts Neues. Es war die Hölle! Letzterer, den Tränen nahe, berichtet von einer, ihm sehr nahe stehenden entführten Kollegin, die in einer Videobotschaft irakischer Rebellen, ihre hoffnungslose Lage und ihre Verzweiflung auf den Bildschirmen der Welt offenbarte. Solche Bilder müsse es geben auch wenn sie das eigentliche Unheil noch verstärken, auch wenn sie den Terroristen erst die Plattform bieten würden, um ihren Aktionen Beachtung zu verleihen. Die Bilder würden es andererseits aber auch erst ermöglichen, dass, wie so oft erlebt, Wellen der Betroffenheit und der Anteilnahme ausgelöst werden. Die Medien will er deshalb nicht verdammen. Jedem muss das Recht auf Mitleid mit den Opfern zugebilligt werden. Wir fühlen mit ihm, dem betroffenen Überlebenden der Terrorwelle und wir erinnern uns an unzählige Wiederholungen von Großaufnahmen, entführter Terroropfer, die uns alle bitten, sie aus der Hand ihrer Entführer zu befreien. Sind also nun unbestimmte Mächte am Werk, anonyme Kräfte vielleicht, oder muss man doch die Medien zur Rechenschaft ziehen, wenn sie derart eigennützig nach ihren selbst aufgestellten Wellengesetzen agieren?
Die Gastgeber, die Philosophen, bemühen sich die Emotionen wieder aus dem Gespräch herauszunehmen, da diese der nüchternen Analyse im Wege stehen würden. Man zitiert Descartes und Kant und man spricht von Gott - hat er etwa die zerstörerischen Wellen ausgelöst? Die Philosophen geben sich frei und unabhängig, doch auch sie sind Betroffene der Wellen. Auch sie haben überlebt, auch sie haben gespendet. Sie sind selbst den Wellengesetzen der Medien unterworfen. So kann es nicht überraschen, dass man von weiteren Fragestellungen Abstand nimmt, die deren Existenz in Frage gestellt oder auch nur gefährdet hätten. In beispielhafter Medienmanier hat man zu später Stunde nichts weiter getan, als etwas an der Oberfläche des Themas zu kratzen. Man hat, in nicht zu emotional geführtem Talk, den gut unterrichteten Bildungsbürger unterhalten, der sich dankbar zeigt und wie erwartet, gesittet und emotionslos Applaus spendet. Die philosophische Runde war nichts weiter als eine Medienwelle, unter Anderen. Dies wird ihr nun selbst zum Verhängnis. Die gegenphasige Welle des Sendeschlusses hat sich unbemerkt genähert und schlägt über den vier Körpern der Diskussionsrunde zusammen. Die Frühwarnsysteme haben versagt. Die destruktive Interferenz der Medienwellen führt zur Auslöschung aller Anliegen.
Nach geraumer Zeit, als es keiner mehr wahrhaben will, trifft nochmals eine Medienwelle das Thema Tsunami, in Form der Welle des Unterhaltungsfernsehens. Der Kandidat einer Fernsehquizsendung hat die Frage zu beantworten, wie die am meisten betroffene Region des Tsuami von Weihnachten 2004 hieß, a: King Kong, b: Ping Pong, c: Patong, oder d: So Long. Wir wissen natürlich, aufgrund der zur Auswahl stehenden Antworten, dass die richtige Beantwortung dieser Frage keinesfalls mehr als eintausend Euro wert sein kann.
Was bleibt sind Spekulationen über die Frage, wer nun tatsächlich im Stande ist, die Wellen auszulösen. Vertrauen wir auf unser Gefühl und schreiben wir diese Fähigkeit höheren Mächten zu.

23.03.05

 

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