Die [verzögerte stadt] verfolgt das Konzept der künstlichen Verknappung. Eine gesteigerte Erwartungshaltung soll Visionen evozieren und eine emotionale Bindung zur Stadt aufbauen. Die Verzögerung in der Entwicklung von Städten soll einerseits gezielt ganz bestimmte Ressourcen verknappen und andererseits räumliche Redundanz erzeugen. Weniger regulativ als impulsartig und durchaus "unvernünftig" erscheinend sollen aktiv Ungleichgewichte zugelassen werden, die sich als kreativ erweisen sollen und letztlich eine Bewegung anstoßen werden oder gar polarisieren.
Eine in Konformität erstickte, urbane Landschaft birgt kein schöpferisches Potential. Dem Totalitarismus der Wahllosigkeit ausgeliefert verkommen Städte zu wirtschaftlich orientierten Standorten. Identifikation und Sinn für Gemeinwesen benötigen Kristallisationspunkte. Brechungen im Strom des Mittelmaßes erzeugen Anziehung. Die Attraktion soll in erster Linie anziehen, nicht befriedigen. Die Reibung ist erwünscht, das Wecken der Sehnsucht braucht einen Fokus. Der Wechsel von Enge und Weite, die Differenz an sich ist das Moment der Reaktion. Die Wahrnehmung bezieht ihre Aufmerksamkeit auf die Differenzen. Gleichförmigkeit bleibt unbemerkt und äußert sich allenfalls in Unbehagen.
Die [verzögerte stadt] verfolgt Projekte, die der Einfallslosigkeit entgegen wirken und sich so dem schematisierten und stereotypen Fortführen von Regelstadtplanung entgegen stellen.
Die [verzögerte stadt] greift Ideen auf, die Stadtraum als Kontinuum begreift, das verschiedene Wertigkeiten erreichen muss, um im lebendigen Austausch bleiben zu können. Dazu müssen Dichte und Vakuum verändert werden, Hell und Dunkel ein Wechselspiel betreiben und Farben Dialoge führen. Lücken gibt es nicht. Niemand kann Lücken füllen. Lediglich die Wertigkeit des Ortes kann variiert werden, oder auch konstant gehalten werden. Leere kann durch Bebauung entsehen und Enge durch Rückzug. Das Kontinuum aber hat keine Lücken. Es kann in dieser Logik somit kein Bedürfnis entstehen Stadtraum zu gestalten, es kann nur die Aufgabe entstehen Stadtraum zu verändern, zu manipulieren. Bedürfnislos gepflegte Stadtraumplanung gilt es unter allen Umständen zu verhindern. In solchen Fällen muss sich die Stadt verweigern.
Die [verzögerte stadt] ist vergleichbar mit der Weinrebe, die ohne Rückschnitt nicht ausreichend Wurzeln schlagen kann, und daran verendet. Die Verzögerung der wuchernden Stadt verspricht eine Pflanze mit reichem Ertrag. Die Stadt ist Kulturleistung, wie die Weinrebe eine Kulturpflanze ist.

 

 

Literatur

1) Ortega Y Gasset, José, Der Aufstand der Massen, (1930, 2002 Deutsche Verlag-Anstalt)


 

 


[verzögerte stadt]
von Jürgen Mick

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