Wohlfahrt mit System
Mit Mitleid hat es nichts zu tun
von Jürgen Mick

Es gibt keine bessere Möglichkeit mit Gewissheit die Dinge so zu regeln, dass sie bleiben, wie sie sind, als dafür zu bezahlen. Die kleinen Unzulänglichkeiten werden mittels Versicherungen abgedeckt, oder über Schutzgeldzahlungen an mafiose Strukturen, die größeren Verschiebungen könnten zu Aufgaben eines Wohlfahrtsystem der globalen Gesellschaft werden, wenn sich ein solches System einrichten ließe. Zu nichts kann man Geld besser gebrauchen, als zur Herstellung von Stabilität. War es früher das Beten oder der militärische Präventivschlag, so ist heute der Kapitalfluss die effektivste und weit verbreitetste Maßnahme, um alles beim Alten zu belassen.
Seit jeher gelten die Bemühungen der beheimateten Menschen dem Anliegen die Dinge so zu belassen, wie sie sie sich gerichtet oder besser eingerichtet haben. Wie man sich sein Zuhause einrichtet, so soll es immer auch bleiben. Doch, was ist auf der anderen Seite der Heimat? Was steht dem Beheimatetsein gegenüber? Es ist der Vertriebene, dem der Beheimatete zu danken hat, dass er sich Zuhause weiß. Die andere Seite deckt der Vertriebene ab, der allein sich nichts mehr wünscht, als Heimat zu finden. Der Vertriebene und nur er wünscht Veränderung. Sobald er aber ein akzeptables Zuhause angeboten bekommt, will auch er, dass alles so bleibt, wie er es sich einrichtet. Das Leben ist dann schlagartig von der Suche zum Beheimatetsein umgekippt.

Der Wunsch nach "Veränderung" ist also motiviert im Heimatfinden; der Wille zum Fortschritt ein Mythos; neuzeitliche Täuschung, zum Zwecke der Legitimation der Ruhelosen. Veränderung entspringt dem Wunsch nach Einbettung, ist rückwärts gewandte Sehnsucht. Die Situation der Beheimatung ist archetypische Ausgangssituation, der der Vertriebene enteignet wurde. Ganz allgemein ist alle Revolution motiviert in der Wiederherstellung des "Urzustandes"; egal ob dieser fiktiv oder real ist. Die Bewegung der Revolution ist die Zurückwälzung.

Die Vertriebenen sind in der Unterzahl und allein dadurch nie allein in der Lage gesamtgesellschaftliche Umstürze tatsächlich durchzuführen. Es muss ihnen gelingen die Masse für sich und ihre Ziele einzuspannen, was meist durch Versprechen, wie dem eines "ursprünglicheren" Zustandes - man kennt da vor allem den Naturzustand, oder den der absoluten Gleichheit - gelingen kann. Die Masse sucht dann den stabilen Zustand der Beheimatung, den sie glaubt verloren zu haben.

Die Gruppe der Vertriebenen ist heterogen, aber in höchstem Maße integrativ. Vertriebene finden sich in zahlreichen sehr unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft. Arbeitslose, Jugendliche, Intellektuelle, Philosophen und auch Verbrecher zählen ebenso dazu, wie Bettler, Kriegs- und Katastrophenflüchtlinge und Gewaltopfer aller Art. Vertreibung ist nur selten von territorialer Art, sondern zeigt sich als Exklusionseffekt an den Rändern der Funktionssysteme unsere Gesellschaft. Vertriebene sind all diejenigen, die nicht in die Funktionssysteme der Gesellschaft integriert sind. Dabei gilt vor allem, wer aus dem Wirtschaftssystem ausgeschlossen ist, findet auch in die anderen Systeme des Rechts, der Erziehung und der Politik keinen Eingang. Unter den Gruppen der Vertriebenen herrscht keine Möglichkeit der Vergleichbarkeit, aber ihre Exklusion aus der Gesellschaft eint sie im Vertriebensein.

Katastrophen- und Kriegsflüchtlinge, aber auch alle anderen, sind Bannerträger der Angst. Sie halten den jederzeit drohenden Umschlag des Beheimatetseins in das Vertriebensein präsent. Um sich vor der "Ansteckung" zu schützen, versucht die Masse die Vertriebenen zur Ruhe zu bewegen und hält dafür obligatorische Ruhepolster bereit. Dies zeigt in den meisten Fällen gewünschte Wirkung, verursacht aber Kosten, was zur Folge hat, dass die Plätze begrenzt sind. Es besteht also bei anhaltenden Flüchtlingsbewegungen die Gefahr der Überfüllung. Die Investitionen lohnen anfangs in jedem Fall, da sie die Masse noch lange Zeit in ihrer Ruhelage bewahren. Mit Geld lässt sich Sorge tragen, dass Reservate der Unruhe geschaffen werden, Auffanglager, in denen sich die andere Seite der Beheimatung kontrollieren lässt. Das beginnt bei der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen für Jugendliche, wodurch deren Integration gewährleistet werden soll, bis hin zu Asyl für Politflüchtlinge und Auffanglager für Armutsflüchtlinge.

Das vollkommene Durchwirken des Vertriebenen bis auf das einzelne Subjekt hält vielfältige Reaktionsoptionen bereit. Zuallererst ist es leider Movens von Diskriminierung, doch lässt es auch die Möglichkeit offen für ein globales Bewusstsein für Integration. Der Wunsch nach Beständigkeit bildet Verhaltensweisen aus, die der Exklusion entgegenwirken. Da es gesellschaftlich gesehen in erster Linie darum geht im Geldsystem eine Rolle zu spielen, reagiert prompt das Wirtschaftssystem, indem es ein Subsystem der Wohlfahrt installiert. Vieles deutet darauf hin, dass man an Stelle von Gewalt heute der Kraft des Geldes vertraut, um die Dinge so zu belassen, wie sie sind. Zur Erzeugung von Wir-Gefühl tut mittlerweile der Einsatz von Kapital bessere Dienste, als der Einsatz von Gewalt. Nutzte man einst vorrangig Krieg und Unterdrückung, um Zustände zu sichern, entpuppt sich zunehmend die darin verborgene Gefahr für die interne Stabilität. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnet sich die Kapitulation der Gewalt vor dem Kapital, als Identität stiftende Kraft, als signifikant ab. Dies scheint mittlerweile das vorrangige Argument für den Verzicht auf den Einsatz von Gewalt.

Wie die Vertriebenen gehört das Wir-Gefühl, zur Herstellung eines Zustandes von Heimat. So zahlt man gerne für die Außenseite, in der Sorge um die Innenseite. Allerdings gelingt dies nur solange das Vertriebensein potentiell in jeder Heimat steckt. Solange besteht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich ein globales Wohlfahrtssystem installiert. Ein solches System, welches darauf "spezialisiert" sein muss der Außenseite die Möglichkeit des Wechsels auf die Innenseite bereit zu halten, wäre wahrscheinlich als einziger Mechanismus in der Lage gewaltfrei Unruhe zu reduzieren. Mit anderen Worten, um die Dinge im Innern stabil zu halten, muss die Differenz stabil gehalten werden. Nur die feine Justierung der Differenz verspricht Stabilität. Beide sind die zwei Seiten einer Medaille, man muss nur eingestehen, dass man auf einander angewiesen ist, so inhuman es klingt, da man offensichtlich gegen das Gebot der Gleichheit verstößt. Aber in Gleichheit wird der Mensch nie leben, vorher verstößt er sich erfahrungsgemäß selbst, wie an der Gruppe der Freiwilig-Vertriebenen deutlich wird. Der Jungendliche, als Berufsnörgler, zählt zu den Freiwilligvertriebenen, da er sich, quasi sukzessive selbst ausstößt und auf die Suche nach einem neuen Zuhause macht. Aber auch den Intellektuellen, die Philosophen und nicht selten auch Verbrecher kann man auf diese Seite schlagen, welche sich als professionelle Selbstverstoßene quasi selbst auf die Straße gesetzt haben, und von dort immer wieder versuchen sich ins "Zuhause" Einlass zu verschaffen (allerdings zu ihren Bedingungen). Offensichtlich kann die reine Inklusion nicht hingenommen werden; ein Zwang zur Markierung der Außenseite scheint jedem Begriff von Heimat zu Grunde zu liegen. Aus den, für die Innenseite völlig uneinsichtigen Gründen, wird durch die Freiwillig-Vertriebenen die Widerherstellung des "Urzustandes", in unnötiger Weise, provoziert, und gegen die Beheimateten permanent für nötig behauptet. Das Vertriebensein wird der Gesellschaft vorgespielt zu dem Zwecke sich ansehen zu müssen, wie unruhig sie eigentlich ist. Dieses Ansehen müssen von Unruhe macht die Masse nervös, aber es zeigt ihr, wie fragil sie ist. In der Regel wird dies mit Selbstversicherungsversuchen beantwortet und führt oftmals zu hysterischen Reaktionen gegenüber Vertriebenen, die keiner rationalen Erklärung Stand halten. Den Freiwillig-Vertriebenen ist das Ansehen als Brandstifter sicher, dennoch hat man sie nötig.

Das Dilemma ist, es fehlt der gerechte und offene Umgang mit Ungleichheit, oder besser mit "Andersheit". Nur vor Gott ist der Mensch gleich, aber eben nie vor dem Anderen! Diese begriffliche Verfeinerung könnte hilfreich sein, um Gleichheit nicht zu verwechseln mit Gerechtigkeit. Die Behauptung alle Menschen sind gleich, würde niemand als vollständig zutreffend bezeichnen und hat inzwischen mehr Schaden angerichtet, als sie zu einer gerechteren Welt geführt hätte. Sie suggeriert nur falsche Optionen der Zielvorgaben. Niemand legt Wert darauf, exakt so zu sein, wie der Andere, und so behandelt zu werden wie jeder Andere (nicht selten wäre es peinlich oder gar brutal), sondern er legt Wert darauf, ihm je selbst entsprechend, behandelt zu werden, also gerecht. Um Identität zu bewahren muss Ungleichheit moderiert werden anstatt Gleichheit gefordert. Daran ist nichts schlechtes, auch wenn es paradox anmutet und noch immer pauschal als inhuman und rassistisch gescholten wird. Schnell ist die Rede von forcierter Ungleichheit, Ausbeutung und dergleichen. Diese Unterstellungen nutzen weniger, als sie die offene Sicht auf die Dinge behindern. Ungleichheit wird noch immer in der Klassenterminologie gebraucht und (miss-)verstanden. Andersheit ist Antrieb, und wie beobachtet stellen die Menschen ihn "notfalls" reflexartig selbst her. Warum dann nicht ein System zur Moderation von Andersheit sich vorstellen, wenn nicht das, was wir globale Wohlfahrt bezeichnen können, längst sich als solches System zu etablieren beginnt. Andersheit in verträgliche Maße zu bringen, gelingt mit finanziellen Mitteln auf wesentlich feinere Weise, und möglicherweise sogar gerechter. Es bietet die Möglichkeit zur Reintegration in das Wirtschaftsystem, wodurch gleichzeitig der Zugang zu den anderen Systemen der Gesellschaft offen steht.

Die Reichen zahlen für die Armen und das soll auch so bleiben. Das System hat Sorge zu tragen, dass die Zahlungen reibungslos funktionieren. Es muss verhindern, dass Kapital in dunklen illegalen, oder auch staatlichen Kanälen verschwindet. So können beide Seiten profitieren und nur dann ist der Sprung, wie auch der Fall, von einer Seite auf die andere möglich. Man kann Sorge tragen für die Heimat in entgegengesetzter Weise: Dass Heimat bestehen bleibt und auch dass sie erreichbar bleibt. Dafür sollte es wert sein Geld zu spenden! Mit Geld lässt sich nuancenreich dosieren. Geld eignet sich zur Reintegration einfach besser als Politik, die leider noch immer im autoritären Kleid der Bevormundung daher kommt, was sie jedoch zunehmend der Lächerlichkeit preisgibt. Als Subsystem der Wirtschaft wird die Wohlfahrt regeln, wozu die Politik nie mehr sich in der Lage sehen wird, auch wenn diese sich selbst noch so oft in die Position der Menschenrechtsverteidiger stellt.

In falscher Scham will schwerlich über die Lippen, was hoffentlich bald nicht mehr als anstößig gelten wird: Die Beheimateten müssen bezahlen, dass "intern" alles so bliebt, wie es ist! Dafür lässt sich den Vertriebenen die Möglichkeit zum Wiedereinstieg offerieren. Bis dahin kann es nur ein Glück sein, dass wir mit dem Mitleid über eine passende Anlage verfügen, welche der Initiation eines solchen "Systems der Wohlfahrt", die entschämende Geste bereitstellt, um über den terminus technicus den Hauch der Menschlichkeit zu breiten. Aber mit Mitleid hat es wirklich nichts zu tun.


12.02.05

 

 

Literatur

1) L
uhmann, Niklas, Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, 1997

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