Es ist eine in Stein gemeißelte Inschrift - eingemauert in dem Bogen eines alten Stadttores -, die von einer rätselhaften Prophezeiung erzählt, und uns noch heute von dem Ausmaß des Elends Kund tut, das in jener nachgeschichtlichen Zeit, geherrscht haben muss:


Ankündigung einer wahren Geburt
Seit ewigen Zeiten trugen sie ihre Kinder in ihren Bäuchen, doch hat es sich einst ergeben, dass sie immer größer gerieten und ihnen schließlich der Ausgang auf immer versperrt bleiben sollte. So denn trugen sie ihre Kinder und deren Kinder ihre Kinder in ihren unermesslichen Bäuchen vor sich her, erlitten dabei die Qualen der ewigen Hölle und beteten, auf dass ihnen jemand die Bäuche aufschnitte und sie sich ihre Gedärme entleeren könnten. Sie versuchten sich die Leiber zu entreißen, schlugen sich Nägel ins Fleisch, ja sie führten gar Krieg, um zu sterben, auf dass ihre Kinder aus ihren Bäuchen erstünden. Doch sie gewannen keine Schlachten mehr, die Visionen hatten sich verflüchtigt. Zu glauben, dass ihre Kinder noch leben könnten, war verpönte Utopie. Die Rücken verbuckelt, leckten sie nur mehr im Staub, schnüffelten nach dem lockenden Geschmack jedes Fruchtwassertropfens.
Die Geburt des Philosophenkönigs ward schon zu lange erwartet und mit nicht geringer Sehnsucht erhofft. Um sein Kommen flehten sie tagtäglich, endlich zu sehen, wie ein Philosophenkönig auf Erden komme. Die Mäuler zerrissen sich all jene, deren Glaube längst erloschen war und deren Dahindümpeln für niemanden mehr erträglich war. Sein Kommen ward Jahrhunderte prophezeit und die Ungeduld gebar nun seltsames Verhalten. Von Sorge zerfressen krochen sie Ihm entgegen, versuchten sich durch jede Nabelschnur Einblick zu verschaffen, vorzudringen, den Geburtskanal hinan. Man schickte Blitz und Schläuche, zerstach manch mütterliche Brut, seine Zellen auszuschaben, seinen Embryo herauszulösen ihn ungewollt ans grelle Licht zu zerren. Sorglos dumpf verschwendeten sie sich und ihre Kinder, doch stets die Mäuler offen und faselnd vom König, der ihnen versprochen ward!
Der Philosophenkönig - er naht!
Eine wahre Geburt wird kommen!
Doch heillose Gewissheit kündet nie von der Zukunft für ein marodierendes Geschlecht. Sie verfügt allenfalls seherischen Geschmack. In intimer Zweisamkeit räkeln sich dort Wahrheit und Dummheit unverhohlen im verschmutzten Nest. Wer da wagt die Pforte aufzuschlagen, der öffnet dem Verstandesgefasel Tür und Tor.
So schleich er sich hinfort!
Bis dass die Prophezeiung sich erfülle!

So jene Inschrift, die Dank eines glücklichen Zufalls - von welchem die folgende Geschichte unter anderem handeln soll - wiedergefunden wurde und in jenem Stadttor eingemauert, auf uns gekommen ist. Und hätte nicht jener Finder für reichlich Bier und fetten Schinken in endlosen Nächten von den Begebenheiten erzählt, die ihn geführt hatten und hätten seine aufmerksamen Hörer nicht einst auf zahlreichen Pergamentfetzen eben diese Begebenheiten festgehalten, und hätte man sie schlussendlich nicht hinter jenem Reliefstein eingemauert und auf diese Weise für Jahrhunderte konserviert, so hätte eben die folgende Geschichte nicht überdauert und nicht erzählt werden können. So aber ist es an unserer Generation sie nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen und zu versuchen - die Pergamentfetzen in möglichst plausible Reihenfolge gebracht - zu rekonstruieren, wie sich dieser und zahlreiche andere Zufälle in jener nachgeschichtlichen Zeit ereignet haben mögen.

Die Geburt also, soviel wissen wir bereits, war in diesen denkwürdigen Zeiten ein seltenes Ereignis. Deshalb galt, wer wahrlich geboren werden sollte, konnte nur ein Philosophenkönig sein. So lasst uns denn künden von der Geburt des Philosophenkönigs. Auf dass sich in allen Köpfen Hoffnung breit mache und sie uns von unseren Bäuchen erlöse!

 


1. KAPITEL
Von der Ankündigung einer wahren Geburt

 
I.1
Von der Ankündigung einer wahren Geburt
 
 
 
29
Wie Panini zum zweiten Mal auf diese Welt gezerrt wurde.