Die Welt schwieg und Gott schwieg. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, die Karten lagen auf dem Tisch; wer sollte geben? So kann wohl niemand sagen, woher das Schicksal jenen Ort erwählen und auch noch einen Weg dorthin finden konnte. Ein Brief seines Vaters erreichte Panini in dieser unwirtlichen Erdengegend; in jenem erbärmlich heruntergekommen Zustand, an der Schwelle zum Jenseits hat er ihn erwischt. Diese unter gewöhnlichen Umständen vernachlässigbare Ursache zog für die Protagonisten dieser nachzeitlichen Geschichte folgenschwere Wirkungen nach sich. Panini packte bodenlose Wut, die ihm ungeahnte Kraft einflößte. Erzürnt über sich und Gott, entfuhr dem Däumling ein Schrei, der die Felswände ringsum erzittern ließ. Eusebius, in apathischen Dämmerschlaf gesunken, stand wie vom Donner gerührt in der Stube. Die Behausung war bis in die Grundfesten erschüttert. Das Gebälk knackte, Risse züngelten vom Dach bis in den Grundstein. Die massiven Steinwände der Köhlerhütte begannen sich in Bewegung zu setzen. Ein Satz mythischer Gewalt vermochte die beiden Jenseitskandidaten aus dem nahenden Inferno zu erretten. Das massive architektonische Bollwerk stürzte mit höllischem Krach in sich zusammen. Der Donner rollte tausende von Kilometer, hinab in die zahlreichen, angrenzenden Täler und fuhr weit hinaus ins flache Land. Die Erschütterung des Bergmassivs durchsetzte das betende Volk mit Ungewissheit, das den nächsten Sonnenaufgang vor Ehrfurcht bibbernd und leise Formeln murmelnd erwartete. So vermeint man zu ahnen, dass nun ein gestählter Wicht aufbräche, seine Suche endlich zu vollenden. Weit gefehlt! Die Ader des Lebens folgt selten einer geraden Linie, eher muss man sehen, dass sie nicht, wie ein Wollknäuel Gefahr läuft, sich selbst zu strangulieren: Der Zauber der Wut hielt gerade einmal solange, wie es dauerte sich in die neu erstandene Welt zu retten, und sich ein achtundfünfzig Gänge Menu einzuverleiben. Doch der Reihe nach, solange sich eine ausmachen lässt, wobei im Weiteren diese sich nur mehr erahnen lassen dürfte. Der Brief war Veranlassung genug gewesen aufzubrechen - die Köhlerhütte in der Sierra de Irgendwas gab es nicht mehr -, den Fuß hineinzusetzen in eine neue ihnen unbekannte Welt, die ausgebreitet vor ihnen lag. Durch Täler und weites Weideland zogen sie hinfort aus unwirtlicher Gegend. Unverständlich nur, dass sie diese vorher nicht bemerkt hatten. Es standen Mittel und Wege bereit, sich ein Überleben zu sichern. Gewiss, doch schwelte in dem Philosophenkönig der Unmut über das Schicksal. Tiefe Melancholie befiel ihn, die sich ausdauernder gebärdete als die Wut und der Lebenswillen. Sein Freund Eusebius hatte in dieser Phase ihres Zusammenseins erstmals Mühe ihn zum Essen zu bewegen, obgleich sie wieder reichlich zur Verfügung gehabt hätten. Während etlicher Monate des ziellosen Umherstreifens und der Tatenlosigkeit versorgte Eusebius Panini mit den nötigsten Gesprächen. Ohne dessen Beistand wäre eine Fortsetzung kaum noch denkbar gewesen. Es war eine unentschiedene Zeit, ohne wahre Sorge, die still zu stehen schien und doch das Gefühl hinterließ, dass sie heimlich zerrinne, in unbemerkte Ritzen zu versickern drohte, um schlussendlich in der Ewigkeit aufzugehen. Der Brief wollte, nach anfänglicher Entladung, nicht wirklich seine Sprengkraft entzünden, obgleich er doch seine ganze Reise nichts anderes bezweckte, als diese eine Spur seiner Herkunft zu finden. Während er auf einem Grautier durch die Pampa schaukelte durchfuhren Panini unheimliche Gedanken, die er meist für sich behielt, bis ihm schließlich eines Tages unbeabsichtigt ein "Wiedergeboren, immer wiedergeboren!" entfuhr. Hatte ihn dieser läppische Fetzen Papier tatsächlich zurückgezerrt, um ihm die unerträglichste aller Welten erst so richtig deutlich vor Augen zu führen; wollte er dem Ballett der Absurditäten eine weitere Aufführung verschaffen? Des Wahnsinns zweiter Aufzug!? "Dann die Bühne frei, für die Nächte von Lissabon", rief er seinem erschöpften Freund Eusebius zu und spornte seinen Esel mit spitzen Fußtritten an, in der Absicht das große Hadern endgültig hinter sich zu lassen und den Weg zur Krönung westlicher Zivilisation möglichst rasch hinter sich zu bringen. Doch, wie der Leser mit Sicherheit weiß, ließ das Leben mit Peitschenhieben sich noch nie beeindrucken.

 


29. Kapitel
Wie Panini zum zweiten Mal auf diese Welt gezerrt wurde.

 
    TEIL I
TEIL II
TEIL III
29
Wie Panini zum zweiten Mal auf diese Welt gezerrt wurde.
30
Wie Panini sich entschloss sich von Eusebius einen Urlaub zu genehmigen
31
Wie Panini sich ein paar Tage Pubertät zuviel gönnte
32
Wie Panini bei seinem Chillout so sehr abkühlte, dass er beinahe verbrannt wäre
33
Wie Panini auf dem Weg nach Dekadentia von der Existenz Gottes überzeugt werden sollte
34
Wie Panini, von schlimmsten Zweifel geplagt, den Teufel herbei zitiert und Naturgesetze erntet
35
Wie Paninimit samt seinen Kameraden Gefahr lief den Kopf zu verlieren
36
In dem schon einmal ein paar Köpfe von ihrem Rumpf getrennt werden sollten
37
In dem Panini das erste Mal mit seinem kantigen Vater sprechen sollte
38
Wie Panini in letzter Sekunde untertaucht, um unter heftigem Magendrücken sein Lebenswerk zu verfassen
39
  Da Eusebius heimlich in Paninis Werk las und diesen ungehemmt seinen Zorn darüber spüren ließ
40
  Wie die Helden sich aus dem Weg gingen und Panini mit einem Fuß im Paradies wandelte
41
  Wie in Gynopolis eine nie dagewesene Masse Karneval am Strang feierte
42
  Wie der Zufall die Helden in die Schlacht führte,
die niemand wollte
43
  Eine kurze Nacht und das Ende einer langen Reise?
44
  Wie man in bilateraler Euphorie begann an Utopia zu arbeiten, während sich der Horizont schon verfinsterte
45
  Wie ein Schlag ans Schienbein oft mehr einbringt, als einer an den Kopf
46
  Am Ende der Erlösung
47
  Wie Panini und Eusebius Verfolger witterten und zu Gehetzten wurden und plötzlich ...
48
Keine üble Nachrede