44. Kapitel

Wie man in bilateraler Euphorie begann an Utopia zu arbeiten, während sich der Horizont schon verfinsterte


Nachdem bereits am nächsten Vormittag eine bislang kaum durchdringbare Masse an Unterholz und Dornengestrüpp entfernt und eine unvorstellbare Menge an Hochwald gerodet waren, hatten sie sie sich eine Lichtung unvorstellbaren Ausmaßes geschaffen und konnten beginnen an der Stelle, an der sie ihren historischen Beschluss gefasst hatten, den ersten Stein für ein neues Utopia zu setzen. Die folgenden Tage waren nicht von weniger Anstrengung geprägt, sodass sie mit enormem Arbeitspensum voranschritten ihrer Idee eine physische Umsetzung folgen zu lassen. Sie schaufelten Fundamentgräben, schlugen Bohrpfähle ins Erdreich und planierten Quadratkilometerweise das einstige Waldgebiet. Feldsteine wurden behauen und die Baumstämme abgerichtet, Ziegel gebrannt und Wasserleitungen verlegt. Die Sonne leckte ihnen den Schweiß von der Stirn, der Regen wusch ihnen Dreck von Armen und Händen. Die Meißel, Hämmer und Sägen tönten über die Weite ihrer selbstgeschaffenen Lichtung, beginnend mit dem ersten Marderschrei am Morgen bis zum Gutenachtkuss der Venus. Sie sprachen nicht viel, ihre Tage waren von Arbeit und Essenszeiten gegliedert, des Nachts verfielen sie in komatösen Tiefschlaf. Das Erschaffen und Werken mit Hand und Fuß wirkten sich kontemplativ auf die beiden aus. Ihre Köpfe wurden entschlackt vom Erlebnisbrei einer langen Reise. Panini spekulierte viel während der ungezählten Tage und Wochen der Schufterei. Mit Hilfe der körperlichen Plackerei, während er die Erde durchpflügte, die Bretter und Balken stemmte, die Mauersteine zu Mauern schichtete oder Beton mischte, erreichte vor seinem inneren Auge einiges eine ungekannte Klarheit. Hatten die Menschen auch so lange um einen Philosophenkönig gebeten, und konnten sie es nicht erwarten, bis er endlich das Licht der Welt erblickte, wie es den Anschien hatte, so begriff er nun, dass es immer nur sein Name war und nie sein Wort, dem sie schließlich folgten. Ihn hatten sie erwartet und nur er konnte ihre Erwartung - welche auch immer - erfüllen?! In diesen Tagen wurde er sich gewiss: Niemand wollte wirklich ihn anhören. Alle wollten sie ihn nur ansehen, ihn anfassen, um ihn anzuflehen, um ihr Schicksal auf seinen Schultern abzuladen, wie auf einer Schubkarre, um in der Sehnsucht etwas zu erhaschen, etwas Göttliches, etwas Erlösendes, von dem sie selbst nicht die geringste Ahnung haben. Auf dass er sie in ihrer ganzen Passivität beließe und ihre Bequemlichkeit nicht störe, möge er sie entschuldigen, aber auch endlich ihrer Bäuche entledigen. Er möge ihnen dienen als Krücke und Heiler, als Erlediger ihrer ewigen Säumnisse. Ihm haben sie den Stempel verpasst, weil ihm wollten sie die Pflicht einreden auf Sendung zu gehen, während sie sich seiner - die Beine hoch lagernd - aus der Ferne bedienten, als wären Wunder zu erwarten, wie Schnäppchen beim Teleshopping. Noch ehe ihm das Hirn zu explodieren drohte angesichts dieser Einleuchtungen, stieß er erschöpft den Spaten in die Erde und harrte für einen langen Moment aus und sog in Tiefen Zügen die Feuchte des Mutterbodens wie ein Lebenselixier ein.

Eusebius war in diesen Tagen sehr viel mit seinen Planungen beschäftigt und vollkommen in seinem Projekt aufgegangen. Ihm war die Idee gekommen Utopia sollte die Form eines Fisches besitzen. Er arbeitete fieberhaft an der Umsetzung der Form. Die Stadt sollte zudem eine labyrinthische Vielfalt zum Fundament ihrer angestrebten Gerechtigkeit erhalten. Während Panini in seiner Arbeitswut innehaltend ihrer beiden Unternehmungen, wie aus dem Flug eines Adlers überblickte und die wahrlich ehrbaren Visionen seines Freundes Revue passieren ließ, dämmerte ihm Unangenehmes. Eine Gewissheit schien sich in den vergangenen Tagen, ohne sein Zutun, mehr und mehr in ihm verfestigt zu haben, und war in jenem Moment kulminiert. Seine Spekulationen haben klar und deutlich gezeigt, dass für ihn Utopia keine Möglichkeit mehr war. Obgleich Utopia seiner Suche entsprungen war, auf der Eusebius ihn standhaft begleitet hatte und ihm zum Freund geworden war. Er sah sich augenblicklich kaum im Stande seinen Kameraden von seiner Wandlung zu unterrichten. Er würde ihm niemals genügend Dank spüren lassen können, ihn nur enttäuschen. Eusebius wünschte sich für sein Utopia so sehr, dass es an Ruhm und Ansehen alles überstrahle, dass ein jeder nur den einen Wunsch in Zukunft hegen möge, hierher in ihre Stadt in die Öffentlichkeit zu kommen, um hier zu sterben. In die einzige Stadt, die regiert wird von Panini dem Philosophenkönig, wie es geschrieben steht! Nein, er konnte ihm nicht solche Enttäuschung zufügen. So schwieg er die nächsten Tage gänzlich und musste mit ansehen wie sein Freund jeden Tag freudiger an seinem Traum baute, zugleich ihn selbst, zerfetzt von seinen Zweifeln, ein Schwächeanfall nach dem nächsten ereilte.

 

 

 
    TEIL I
TEIL II
TEIL III
29
Wie Panini zum zweiten Mal auf diese Welt gezerrt wurde.
30
Wie Panini sich entschloss sich von Eusebius einen Urlaub zu genehmigen
31
Wie Panini sich ein paar Tage Pubertät zuviel gönnte
32
Wie Panini bei seinem Chillout so sehr abkühlte, dass er beinahe verbrannt wäre
33
Wie Panini auf dem Weg nach Dekadentia von der Existenz Gottes überzeugt werden sollte
34
Wie Panini, von schlimmsten Zweifel geplagt, den Teufel herbei zitiert und Naturgesetze erntet
35
Wie Paninimit samt seinen Kameraden Gefahr lief den Kopf zu verlieren
36
In dem schon einmal ein paar Köpfe von ihrem Rumpf getrennt werden sollten
37
In dem Panini das erste Mal mit seinem kantigen Vater sprechen sollte
38
Wie Panini in letzter Sekunde untertaucht, um unter heftigem Magendrücken sein Lebenswerk zu verfassen
39
  Da Eusebius heimlich in Paninis Werk las und diesen ungehemmt seinen Zorn darüber spüren ließ
40
  Wie die Helden sich aus dem Weg gingen und Panini mit einem Fuß im Paradies wandelte
41
  Wie in Gynopolis eine nie dagewesene Masse Karneval am Strang feierte
42
  Wie der Zufall die Helden in die Schlacht führte,
die niemand wollte
43
  Eine kurze Nacht und das Ende einer langen Reise?
44
  Wie man in bilateraler Euphorie begann an Utopia zu arbeiten, während sich der Horizont schon verfinsterte
45
  Wie ein Schlag ans Schienbein oft mehr einbringt, als einer an den Kopf
46
  Am Ende der Erlösung
47
  Wie Panini und Eusebius Verfolger witterten und zu Gehetzten wurden und plötzlich ...
48
Keine üble Nachrede