45. Kapitel
Wie ein Schlag ans Schienbein oft mehr einbringt, als einer an den Kopf


Eusebius konnte nicht entgangen sein, wie geschwächt sein Freund zu Werke ging. So kam es eines Tages, als sie sich mit Spitzhacken ausgerüstet, wie jeden Morgen, auf die Baustelle begaben, ihr Tageswerk zu beginnen, dass es Eusebius nach Klarheit verlangte: "Geh dich ausruhen mein Freund! Dich scheint die Arbeit in letzter Zeit über Gebühr zu belasten. Oder sprich, wenn Dein Gewissen dich plagt!" Sofort, als habe er nur darauf gewartet, kam von Panini die Antwort: "Kannst Du mir sagen, mein Freund, für wen wir das hier alles machen?", und er schnaufte dabei, als läge der Arbeitstag bereits hinter ihm. "Für die Menschen, Panini, die auf die Erlösung warten", kam es wie selbstredend zurück.
"Individualität, mein treuer Freund", setzte der Philosophenkönig an, "ist nur noch das Trugbild dem wir huldigen. Hör mir zu, Eusebius, der Mensch ist schließlich überwunden. Die Gesellschaft hat ihn unter sich begraben." Betroffen senkte er den Blick und fuhr fort: "Ob sie es beabsichtigte oder nicht, es war ihr stillschweigendes Ziel! Folglich braucht niemand länger auf einen Erlöser zu warten. Das Warten auf die Erlösung ist kein ehrliches Geschäft mehr, es dient nur dem Verfall! Der Einzelne lebt in seiner Gesellschaft, oder er lebt gar nicht. Dann nennt man ihn Idiot. Schau Dich um! Wir bauen seit Monaten an Utopia und niemand hat bislang den Weg zu uns gefunden. Ist das nicht verwunderlich? Es sollte sich doch herumgesprochen haben. Niemand hat sich zu uns gesellt, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen. Niemand sieht die Idee! Vergiss es Eusebius, wir brauchen nicht länger auf Menschen zu warten, glaube mir!"
Eusebius, verstummt vor Schreck, sein Blick verfinstert, konnte die Enttäuschung nicht verbergen. Irritiert und schweigend sah er seinem Freund an, als erwarte er weitere Ausführungen: "Die gesellschaftliche Evolution hat die biologischen übertroffen, sie ist ihr zeitlich überlegen. Unnötigerweise haben wir uns um die Gentechnik bemüht und uns den Fantasien vom unendlichen Leben geschenkt. Dank für die gute Unterhaltung, all den Fantasten und Dichtern! Währenddessen unbemerkt hat die Gesellschaft ihre Tentakel ausgefahren, uns längst umgarnt und zu ihrem Sozius gemacht. Dabei alle Träume wirklich werden lassen! Wir sind unsterblich, Eusebius, wir sind die Elementarteilchen des ewigen Lebens, eines Gesellschaftssystems! Es fügt sich ein jedermann, gleichgestellt die Starken, wie die Schwachen, die Dummen wie die Bösen, die Guten wie die Wahnsinnigen; ja dort haben wir alle einen Platz und sind wir alle nötig! Keine Gesellschaft ohne alle ihre Protagonisten, verstehst Du? Da gibt es kein Entkommen mehr! Der Individualismus, Eusebius, ist die noch nicht verdaute, bittere Pille dieses Spiels. Tun wir doch alle noch so, als würden dafür kämpfen, und sind uns doch ähnlicher als wir wahr haben wollen. Das Andere lebt noch ein Weilchen. Ein wenig Standortbestimmung muss noch sein. Aber niemand vergeudet dessen wegen ein Leben für den Kampf! Vielleicht auch gut so: Der Individualismus hat in seiner Konsequenz nur Enttäuschung zu bieten, Krisen und hinterlässt unbefriedigte Geschöpfe." Panini versuchte zu lächeln. Eusebius rannen Tränen über die Wangen. Schließlich ergriff er seine Spitzhacke und hieb mit ganzer Manneskraft in den Erdboden, seine Empörung zu entladen. Ein Splitter löste sich vom Gestein und schoss gegen Paninis Schienbein. Ein markerschütternder Fluch fuhr gen Himmel, dann kippte Panini schwer getroffen nach hinten um und fasste sich an seinen wunden Knochen. Doch während Panini sich vor Schmerzen krümmte, schenket Eusebius ihm keinerlei Aufmerksamkeit. Stattdessen kniete Eusebius an der Stelle nieder, wo sein Hieb mit voller Wucht die Erde aufgerissen hatte. Er begann die Krume zu beseitigen, grub vorsichtig tiefer und hielt bald eine sorgsam behauene Steinplatte in Händen. Eine Seite der Tafel war vollständig mit einer feinen Gravur überdeckt. Panini fluchte auf allen Kanälen und war erbost über die Kaltschnäuzigkeit seines Partners. Eusebius mühte sich seinen Fund frei zu legen: "Sieh doch, was mit einem Schlag zu Tage kam, Panini!", begann dieser, und blies noch Reste von Staub sorgsam von der Steinplatte. Panini stutzte und begriff, dass er es wohl für einen so gewichtigen Fund halten musste, da er von seinem Leid überhaupt keine Notiz nahm. "Nun sag schon! Was hast Du gefunden, Eusebius?" "Ein Relief! Eine gemeißelte Inschrift!" Zornig und ungeduldig fuhr Panini seinen Kumpanen an: "Mach schon und lies vor, Du Hornochse." Bedächtig entzifferte Eusebius die Schrift: ...

Es handelte sich um jene Prophezeiung, die bereits zu Beginn der Erzählung Erwähnung fand und die dem im besten Alter befindlichen, körperlich, geistig erstarkten und langjährig geneigten, redlichen Leser gewiss bekannt sein dürfte. Zur Unterstützung all der Gesunden aber, die sich tagtäglich unter künstlicher Sonne am Lethefluss baden, und all den fittgeilen Beischläfern, die im vermeintlich titanischen Peniswettstreit niemals darauf gekommen sind neben Yvonne, Janine und Bettina auch noch Mnemosyne zu begatten, weil sie doch nicht heranreichen an des Jupiters Schwanzlänge, wohl ahnend, dass sie sich nicht im Stande befänden auch nur eine klitzekleine Muse zu zeugen, sei an dieser Stelle noch einmal die Prophezeiung in vollständigem Wortlaut abgemeißelt:

Ankündigung einer wahren Geburt
Seit ewigen Zeiten trugen sie ihre Kinder in ihren Bäuchen, doch hat es sich einst ergeben, dass sie immer größer gerieten und ihnen schließlich der Ausgang auf immer versperrt bleiben sollte. So denn trugen sie ihre Kinder und deren Kinder ihre Kinder in ihren unermesslichen Bäuchen vor sich her, erlitten dabei die Qualen der ewigen Hölle und beteten, auf dass ihnen jemand die Bäuche aufschnitte und sie sich ihre Gedärme entleeren könnten. Sie versuchten sich die Leiber zu entreißen, schlugen sich Nägel ins Fleisch, ja sie führten gar Krieg, um zu sterben, auf dass ihre Kinder aus ihren Bäuchen erstünden. Doch sie gewannen keine Schlachten mehr, die Visionen hatten sich verflüchtigt. Zu glauben, dass ihre Kinder noch leben könnten, war verpönte Utopie. Die Rücken verbuckelt, leckten sie nur mehr im Staub, schnüffelten nach dem lockenden Geschmack jedes Fruchtwassertropfens.
Die Geburt des Philosophenkönigs ward schon zu lange erwartet und mit nicht geringer Sehnsucht erhofft. Um sein Kommen flehten sie tagtäglich, endlich zu sehen, wie ein Philosophenkönig auf Erden komme. Die Mäuler zerrissen sich all jene, deren Glaube längst erloschen war und deren Dahindümpeln für niemanden mehr erträglich war. Sein Kommen ward Jahrhunderte prophezeit und die Ungeduld gebar nun seltsames Verhalten. Von Sorge zerfressen krochen sie Ihm entgegen, versuchten sich durch jede Nabelschnur Einblick zu verschaffen, vorzudringen, den Geburtskanal hinan. Man schickte Blitz und Schläuche, zerstach manch mütterliche Brut, seine Zellen auszuschaben, seinen Embryo herauszulösen ihn ungewollt ans grelle Licht zu zerren. Sorglos dumpf verschwendeten sie sich und ihre Kinder, doch stets die Mäuler offen und faselnd vom König, der ihnen versprochen ward!
Der Philosophenkönig - er naht!
Eine wahre Geburt wird kommen!

Als er zu Ende war sank Eusebius neben Panini in den Morast.

 

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