"Zerstöre dies unselige Machwerk. Diese Ursache allen unheilvollen Daseins!" flüsterte Panini. Eusebius sah ihn verstört an und hielt ungläubig das behauene Stück Stein wie ein Baby in seinem Arm. Zwei von Arbeit und Schmerz gezeichnete Kreaturen kauerten in einem Erdloch dicht beieinander, verunsichert, gespannt und nervös wechselten sie Blicke und versuchten hinter die Gedanken des jeweils anderen zu kommen. "Panini, denk an die Masse, die auf die Erfüllung dieser Prophezeiung warten? Denk doch an all die Weiber mit ihren dicken Bäuchen, die sie qualvoll und dennoch mit Hoffnung vor sich her tragen. Sie sehnen sich nach nichts mehr als, dass sie ein kleines Menschlein zur Welt zu bringen. Sie sehnen sich nach Dir, der ihnen versprochen wurde!"
"Es muss ein Ende haben mit unhaltbaren Versprechungen, den unsäglichen Prophezeiungen, den Ankündigungen von Heilsereignissen, die nie stattfinden. Es sei endlich Schweigen! - Nein! Es sollen Worte sein, wie sie mir meine Amme eingetrichtert hat. Die war so fett, vollbusig und dickbäuchig, hatte auch so steile Hüften und mächtige Hinterbacken wie jene Londonerin, die ich in Westminster gesehen habe: Ihr erhitzter Leib strotzte von einem Paar gewaltiger Brüste, so groß wie die Stiefel meines Großonkels, und sie hätten gewiss - zu Leder verarbeitet - zwei Dudelsäcke aus Ferrara Konkurrenz gemacht."
"Was hat es ihnen gebracht, das Denken und Spekulieren, den Philosophen und Intelektuellen, frage ich Dich, den König der Zunft?"
"Lass das mein Freund! Philosophie, Eusebius, ist nur allzumenschlich! Was ihnen bleibt sind sie selbst. Der Einzelne, jeder für sich. Endgültig vorbei, die Zeit, der großen Erwartungen! Es wird keiner kommen uns zu bewahren: Kein Erlöser, kein König, kein Gottessohn, kein Heiliger und kein Philosophenkönig!" Eusebius sah verständnislos auf die Steinplatte, die er fest in seinen Händen trug: "Alle sollten die Chance auf eine wahre Geburt haben …" Panini fasste ihn am Arm: "Haben sie! Haben sie! Nur müssen sie endlich begreifen! Begreifen, dass es ihnen allein in ihren Schoß gelegt ist. Sie selbst können sich retten, wenn sie endlich lernen sich selbst für wert zu befinden. Was kümmern uns die Prophezeiungen von gestern?! Sie dürfen nicht wieder und wieder auf eine Wahrheit warten. Nicht noch einmal und noch einmal! Sie wird nicht kommen! Weißt Du ich habe schon Frauen gesehen, die keine Schamöffnung hatten, keine Scheide und keine Gebärmutter und die aus diesem Grunde nach langjährigen Ehen geschieden wurden. Aber sie waren doch Menschen! Du sagst den Kindern der Klageweiber sei ihr Weg in die Welt versperrt? Ja, weil es die Kinder von Klageweibern sind!"
Eusebius ergriff der Zorn: "Meinetwegen sollen sie Tiere gebären, sollen sie weiterhin ihr Jammern und Zagen üben. Mir wird es zu viel! Welch lange Reise! Und nun bleibt nichts?!", tobte er.
"Es ist nichts Schlimmes dabei, es ist wie ein Erwachen! Dann werden sich die Schenkel, wie von alleine öffnen und es wird Erleichterung sein. Weißt Du, mein Freund, eines ist mir auf dieser Reise klar geworden: Mit Vernunft ist diese Welt nicht zu regieren, bestenfalls etwas besser zu verstehen. Die Wahrheit hat schließlich nur die Lüge hervor gebracht, der Reichtum die Armut, und das Glück nur Unglück beschert. Verstehen allein bringt Verstopfung. Die Menschen nicken mit schweren Köpfen, wiegen ihre hängenden Bäuche über den Latrinen und üben sich in Resignation. Und der Dichter macht alles noch viel schlimmer:
Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuss.
Wer dieser Blumen eine brach,
begehre die andere Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann.
Die Lehre ist ewig wie die Welt.
Wer glauben kann, entbehre.

Mein Gott, das ist alles Quatsch! Es gibt nicht nur ein Entweder-Oder! Weshalb sich entscheiden, frage ich Dich?! Ich sage Dir, ohne das eine, wirst du das jeweils andere nicht finden!" Panini erhob sich und fügte von Humor getrieben hinzu: "Aderit iam tempus - die Stunde ist da! Der Anbruch des neuen, des lang erwarteten Heils ist verbürgt durch das Lächeln, mit dem der Knabe nach der Geburt die Mutter begrüßt!" Er lachte laut auf: "Habe ich wirklich gelächelt, als Ikea mich an die Fußleiste knallte?"
Mit einem Schlag war die gespannte Stimmung aus ihren Gesichtern und ihren Herzen gewichen. Auch Eusebius erhob sich aus dem Dreck, das Relief mittlerweile lässig unter den Arm geklemmt:
"Glaube mir, Panini, ich hätte diese Spitzhacke so oder so morgen nicht mehr angerührt. Mich schmerzt mein Kreuz zu sehr!" Panini umarmte seinen Weggefährten und schüttelte ihm dankend die Hand: "Komm, wir machen Feierabend! Lass uns in die nächste Stadt eilen, um mit reichlich Wein und Schwein uns redlich den Verstand zu versaufen und unsere vernachlässigten Bäuche zu strapazieren."
"Das ist ein Wort! Wir werden mal wieder mit einigermaßen köstlichen Gedanken unseren Geist durchspülen und unser Herz erfreuen an den Brüsten der Kellnerin."
Die letzten Worte schon im Lauf gesprochen, sah Panini seinem Weggefährten unendlich erleichtert hinterdrein und schickte sich an ihm nachzueilen und dachte bei sich: Zu welch vernünftigen Entscheidung wir doch immer wieder fähig sind! Im Laufschritt verließen sie ihre Baustelle und ließen ihr Lager ohne Wehmut zurück.
"Ich habe verlauten hören, sie solle berühmt sein für ihren luftgetrockneten Schinken."
"Die Kellnerin?"
"Die Stadt, Du Idiot!"

 

 

46. und vielleicht letztes Kapitel
Am Ende der Erlösung

Inhalt

<<< ...... >>>