47.
und wirklich letztes Kapitel
Wie
Panini und Eusebius Verfolger witterten und zu Gehetzten wurden und plötzlich
...
Ein langer Fußmarsch sollte es werden und ihr anfänglicher Lauf wurde zunehmend gemächlicher. Durch unwegsames Gelände führten verschlungene Pfade die beiden bis kurz vor besagter Stadt, die - wie wir erfahren haben - schon damals berühmt war für ihren herrlichen Schinken, ihre feisten Schankschwestern und ihre verschwiegene Architektur. An einer unscheinbaren Weggabelung gerieten Panini und Eusebius ins Stocken und sahen sich unsicher an. Beide spähten abwechselnd in die unterschiedlichen Richtungen, in die sich der bislang so eindeutige Weg nun beabsichtigte aufzudröseln. "Links! Man kann doch schon die Dächer der ersten Häuser erkennen!", forderte Eusebius. "Ich kann nichts erkennen, Eusebius", stotterte Panini. Nach kurzer Pause fügte er hinzu: "Nein, Ich glaube ich kann nicht zu den Häusern." "Was sagst Du da? Bist du noch bei Trost? Ich kann den Schinken schon riechen", insistierte Eusebius. "Lass Dich nicht aufhalten, noch einmal zu den Menschen zu gehen. Nimm den Stein mit Dir und geh allein!" Eusebius, dem augenblicklich deutlich wurde, dass es in diesem Moment ernst wurde, ahnte gleichzeitig, dass es zwecklos sein würde hier und jetzt einen Diskurs zu eröffnen. Enttäuscht und traurig senkte er seinen Blick. Er ließ den Reliefstein vor sich in den Staub sinken und flüsterte unter dem Druck der anstehenden Tränen: "Und wohin willst Du gehen? Somit wäre an dieser Gabelung unser gemeinsamer Weg zu Ende, was mein Freund, König der Philosophen?" "Was siehst Du mich vorwurfsvoll an", schrie Panini, "Dein Weg wird ein leichter sein! Solange Du es denn bei den Menschen auszuhalten vermöchtest, kannst Du dich den Wonnen von Speis und Trank hemmungslos hingeben, wenn ich nicht irre? Doch für mich sieht die Welt anders aus! Glaubst Du wirklich sie ließen mich so einfach in Ruhe? Mich, den Philosophenkönig! Was, um Gottes Willen, würde mich wohl erwarten? Sie sind uns doch bereits auf den Fersen. Meinetwegen!" "Das also hast Du mir verschwiegen!" Panini deutete in die Ferne: "Hörst Du sie nicht?" Sie lauschten. "Ihre Hunde haben meine Fährte in der Nase. Was sie einmal aufgespürt haben, das geben sie nicht wieder auf, Eusebius! Höre! Sie kommen! Geh Du in die Stadt und trinke ein Fässchen auf mein Wohl, ich muss mich nun sputen!" In der Ferne konnte man nun kaum vernehmbar, wenn auch eindeutig gehetztes Bellen und geiferndes Jaulen ausmachen. Da hatte jemand die Fährte aufgenommen. Und wie man ahnen konnte, handelte es sich um wenig liebenswerte Zeitgenossen. Augenblicke später waren Gigantenhunde am Horizont erkennbar und von niemandem mehr zu überhören. Die gesamte Weltengegend schien sich zu verfinstern und erschauderte unter höllischem Röcheln. Die Erde bebte unter dem Stampfen der Pranken. Der ihnen voraus stinkende Atem verpestete wie der Hauch der Hölle die gesamte Flur.
Es schien den beiden Helden nun, als wären ihre letzten Minuten gekommen. Sie standen im Sturm und dennoch unentschlossen; gebannt lauschend, wie festgenagelt, jeder mit bereits einem Fuß auf seinem Pfad. Eusebius schaute zu Panini und dieser hielt mit fordernder Mine dagegen. Wie auf ein Kommando setzten sich beide in Bewegung. Gemeinsam rannten sie los! Keinen der beiden Wege, querfeldein, um ihr Leben! Sack und Gepäck noch auf dem Rücken und in Händen waren sie nicht allzu schnell. Welchen Sinn macht es Dinge mitzunehmen, wenn man davon ausgeht in den nächsten Minuten zerfetzt zu werden? Ein kurzer einvernehmlicher Blick und sie warfen alles von sich, um ihre Chance den Hunden entlaufen zu können, geringfügig zu verbessern.Buschwerk peitschte ihre Gesichter, Wurzeln erhoben sich gegen sie, "Das kommt davon, wenn man vom Weg abweicht!" fluchte Eusebius. Sie rannten als wären ihnen augenblicklich die Lungen von Delphinen und die Beine von Antilopen gewachsen. Die Felder ließen sie wie im Fluge hinter sich. Als sie in den Wald eindrangen keimte Hoffnung, man könne noch einmal der Auslöschung entgehen. Kaum überlegt schien sich der Wald wieder zu lichten. Unterholz, Gestrüpp und wieder eine Lichtung, dann war der Wald überstanden und eine weite Ebene öffnete sich ihnen. Auf der Ebene konnten sie schneller laufen, waren aber auch leichter zu sehen. Für diese Bestien wäre es einerlei, sie im Wald oder auf dem freien Feld auszumachen. Sie gewannen an Geschwindigkeit, doch die Ebene gewann langsam an Steigung. Das Gebell wurde leiser, schien sich im Wald verlaufen zu haben und war bald kaum noch zu hören. Dennoch ließen sie nicht nach und rannten die schiefe Ebene wie besessen bergan. Eine Fläche streckte sich vor ihnen ins Unendliche gen Horizont und ihr Ende verschwamm mit dem Nebel, der sich unvermittelt über sie gelegt hatte. Die Freunde beschlich ein Gefühl der Fremde und des Unheils. Hierher wollten ihnen wohl nicht einmal mehr die Gigantenhunde folgen. Sie liefen nun dicht beieinander in die immer undurchsichtiger werdenden Nebel. Hinein ins Ungewisse, bis schließlich die Suppe so dicht wurde, dass sie sich gegenseitig nicht mehr sehen konnten. Sie rannten um ihr Leben und nahmen nur noch die Atemzüge des anderen wahr. Bis schließlich unvermittelt der Boden vor ihnen abriss und ein unendlicher Abgrund sich auftat, den keiner der beiden in seiner Größe sich je hätte vorstellen können. Eusebius erstarrte und Panini schrie geistesgegenwärtig ins Nichts hinaus: "Spring!"
Sprachlos stürzte Eusebius ins Nichts. Panini spürte nur, wie dieser sich entfernte und plötzlich fühlte er Einsamkeit. Der Freund verlor sich lautlos in der Tiefe. Endlich vernahm Panini unter all dem Nebel einen trockenen, dumpfen Schlag, wie von einer Großen Trommel. Er eilte davon, bis er sich selbst in den Nebeln verlor.