Nietzsche hat eine autobiografische Beschreibung seines Lebens, allein zum Zweck des eigenen Wiederlesens angefertigt. Versteht man die Moderne als Zeitalter der Selbstreflexion ist mit diesem Unternehmen Nietzsche belegbar modern. Als Mensch der frühen Moderne erkennt er, dass der "Moment an sich" ihm selbst immer versagt sein werde. Erst im rückblickenden Betrachten wird ihm deutlich, was er ist. Diese außergewöhnliche Erscheinung des Lebens in der Retrospektive ist uns heute vertraut. Die Technik leistet erhebliche Dienste, um nicht zu sagen, sie befördert dieses Streben in ungeahnte Dimensionen. Sie unterstützt das Bedürfnis der Selbstreflexion, des Lebens in der zweiten "Ansicht". Wenn Nietzsche noch mit Feder und Papier seine Kinderspiele festhielt, konnte er nicht ahnen welch Apparaturen uns zur Verfügung stehen würden. Es geht uns heute geradezu spielend leicht von der Hand. Mittels Fotographie und Videotechnik ist mittlerweile die Redundanz eingekehrt in das Festhalten von Lebensmomenten. Mit dem Sprung in das digitale Zeitalter gerät das Phänomen richtiggehend ins Blickfeld. So bringt man heute Schnappschüsse im vierstelligen Bereich von einer vierzehntägigen Reise mit nach Hause, wohingegen man vor wenigen Jahren mit einem Zehntel mehr als zufrieden gewesen wäre. Mit dem Mobiltelefon begleitet uns das elektronische Auge zu allen Zeiten. Aufzeichnungsgeräte stellen einen wirtschaftlichen Marktanteil ungeahnter Expansion. Immer schon ist man Suchender, noch ehe man Protagonist sein wird. Es erscheint uns - rein zeitlich - die Welt ausschließlich als durch einen Sucher oder ein Mikrophon gegeben. Der erlebende Mensch verblasst und wird zunehmend zum Verschwinden gebracht. Das festhalten des Augenblicks ist so zahlreich geworden, dass es unmöglich erscheint, überhaupt noch originäre, "unmanipulierte" Augenblicke zu identifizieren. Doch: War das je möglich?

Man sucht die Momente des Lebens permanent selbst aus und verschwindet dabei im Suchenden. Der Mensch der Moderne ist ein Suchender und auf der Suche nach sich selbst wird er ein Aussuchender. Er betreibt die Selektion der eigenen Selbstwahrnehmung. Das Selbst als flüchtiges Moment wird nicht akzeptiert. Man sehnt sich nach Beständigkeit und flieht der Flüchtigkeit. Doch der Weg zurück in die Naivität der Einheit des "unschuldigen" Individuums ist blockiert. Einmal vertrieben aus dem Paradies unschuldigen Erlebens, muss man den Gang des Reflektierenden gehen. In diesem Lichte gleichen die Reproduktionsprozeduren dem entsetzten Griff nach Halt vor dem Fall.

Erschütternd, wie richtig Nietzsche liegt, mit seiner Selbsteinschätzung, irgendwann würde sein Leben als ein exemplarisches betrachtet. Nietzsche war sich selbst auf der Spur: Erlebt das vernünftige Subjekt nur, wenn es beobachtet, dass es beobachtet? Es fällt zumindest auf, dass dem Subjekt grundsätzlich das Einssein mit der Situation fehlt. Sie ist nur unter Eliminierung des Reflexionsvermögens, etwa im Rausch, zugänglich. Also ist das Subjekt erst im Beobachten seiner selbst bei sich.

Wenn die Vernunft die Domina ist und deren Vermögen die Selbstreflexion, dann steht das Individuum konsequenterweise - spätestens seit Kant - unter immensem Druck sich selbst unter Beobachtung zu stellen. Wie sonst könnte er vernünftig handeln? Alles was der Mensch ist, das hat er sich ab sofort selbst zuzuschreiben. Er muss letztendlich die Peitsche gegen sich und seit Freud auch noch gegen ein Unbewusstes richten. Konsequenterweise strebt Nietzsche nichts anderes an, als seines eigenen Lebens Dichter zu sein. Wie alltäglich ist uns dieses Phänomen heute! Die Frage ist nur wie seltsam muss einem das in einer Welt ohne facebook vorgekommen sein.

Mittels der Differenz öffentlich/intim wird Introspektion betrieben und mit der auferlegten historischen Pflicht zur Authentizität wird man gleichzeitig gezwungen genau diese Differenz zu überbrücken (mittels öffentlicher Beichte) oder zumindest zu vertuschen (mittels gekonnter Selektion). Erst die Kreation des eigenen Lebens ist dessen konsequente Vollendung. Die Kunstfigur ist die einzig mögliche. Glück ist allein dem beschieden, der diese Differenz dann offen leben darf: dem Prominenten. Und auch dem, der ein überzeugendes Facebook von sich bereit hält. Wenn der Mensch der Moderne der sich selbst beobachtende Mensch ist, dann vor allem nicht aus narzisstischer Selbstliebe, sondern aus der Notwendigkeit in einer Gesellschaft mitzuspielen, die darauf spezialisiert ist Adressen zu pflegen.

Der Mensch der Moderne hat gelernt, dass es gesellschaftlich nichts gibt, was als wahr oder gut bezeichnet werden könnte. Weil er als reflektierendes Bewusstsein de facto selbst zur Instanz geworden ist, die gezwungen ist zu selektieren und sich zu orientieren. Er hat gelernt, dass die Übertragung des wissenschaftlichen Kriteriums "wahr" nicht interaktiv anwendbar ist - womit die Moderne lang genug Schindluder trieb, indem sie vorgab, dass es so etwas wie (intersubjektive) Objektivität gäbe, die man gesellschaftlich anwenden könne. Und damit jedem Einzelnen die Last auferlegt sich ihrer zu erwähren. (Was historisch nicht nur einmal gründlich daneben ging.)

Nun ist es längst überfällig eine ordentliche facebook-Kompetenz zu erlernen. Als von der modernen Gesellschaft Betroffenem, ist dem Einzelnen prinzipiell anheim gestellt, sich (wo, wann und wie geschickt auch immer) an ihr zu beteiligen, und ganz nebenbei ein (unbehelligtes) Leben zu leben: facebook sei Dank!

+

 

WORDS
SEITENSTECHEN
Facebook überfällig
!
von Jürgen Mick
HOME
   
  SEITENSTECHEN
01.04.12 Im Namen der Werte
01.02.12 Facebook überfällig!
30.11.11 Moby Dick
11.10.11 Freiheit dem freien Markt!