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Moby Dick

von Jürgen Mick
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Kapitän Ahab hat eine Vision. Er will Genugtuung und dazu muss er den weißen Wal, der ihm sein Bein abgebissen hat, erlegen. Er ist Kapitän eines Walfängers, der unter Nantucketer Fahne fährt und er wird von seinen Dienstherren mit einer Mannschaft ausgestattet, die differenzierter kaum sein kann.
Ahab ist der Einzige der Besatzung der die Reise aus idealen Beweggründen antritt. Gründe, die Qualen eines Walfängers auszuhalten gibt es viele, doch das Gros der Mannschaft wird im Wesentlichen durch ihren Obermaat Starbuck vertreten. Die Pequod, so der Name des Schiffes, ist eine Walöl-Fabrik. Ihre Mannschaft die perfekt eingespielte Fabrikationsbelegschaft. Starbuck ist nur auf dieser Reise, um möglichst viele Wale zu erlegen und dabei keinerlei unvernünftiges Risiko einzugehen, wie es auch die Auftraggeber bei der Abreise anraten. Überhaupt ist Starbuck die Verkörperung der Vernunft, trocken, kalkulierend und erfolgsorientiert: der Antipode zu Ahab, der seltsam antiquiert und kindisch erscheint angesichts des nüchternen Hintergrund der Unternehmung. Das Buch ist auf ebenso nüchterne Weise Betriebsanleitung zum Walfang, wie auch wissenschaftliche Walkunde im besten Sinne. Der Walfang ist ein Geschäft, eine Praxis, die ebenso absolviert werden kann, wie die Arbeit in einer der an Land befindlichen Fabriken. Die Seeleute agieren noch relativ frei und unabhängig. Während Ahab derart mit seinem Hass befasst ist, dass ihm das Kapitänsgeschäft kein sonderliches Anliegen mehr zu sein scheint. Andererseits ist er Profi, er kennt das Meer, die Winde und den größten Fisch - wie er damals noch bezeichnet wird - in- und auswendig, sodass er das lästige Alltagsgeschäft lieber seinen Maaten überlässt; ihn zieht nur ein Versprechen auf diese Reise: Die Rache am weißen Wal.

Jean-Pierre Lefebvre stellt sehr gut die geistige Verbindung von Melvilles Werk zu Marx Kapital her. Und ich möchte eine Spielart davon besonders herausheben, weil er, wie ich denke, dort noch nicht weit genug geht. Ahab ist Kreuzfahrer und passt so ganz und gar nicht mehr in die Zeit und auf diesen Vorläufer "industrieller" Walfänger. Anhand des Protagonisten zeichnet Melville die Wandlung des Idealisten zum Ideologen nach. Ahab kann keine Annehmlichkeit der Welt mehr locken. Der Leviathan "Moby Dick" muss vernichtet werden, koste es, was es wolle. Für ihn zählt weder Profit noch glückliche Heimkehr zu Frau und Kind, wie es ihm Starbuck bis zu letzt einreden will. "Starbuck war kein Kreuzfahrer auf der Spur der Gefahr; bei ihm war Mut kein hehrer Gedanke; sondern eine Sache, ...." (S.161) Starbuck verwaltet sich und alles was er mitführt auf "seiner" Pequod. Zivilisation versus Wildheit, Vernunft gegen Trieb haben sich da auf dem unheilvollen Schiff eingefunden. Ahab ist der Störenfried, bei einem gut laufenden Geschäft. Der Wal ist das Kapital, wie Lefebvre sagt, oder systemtheoretisch: der Wal ist das Medium, das weltweit zur Verfügung steht und das "eigentlich" nicht verbraucht werden kann. Melville demonstriert Systematik. Naheliegender weise an dem zur damaligen Zeit am weitesten ausgeprägten System, der Wirtschaft. Deren neuer Ausdruck ist die Fabrik und die Arbeitsteilung. Für derartige Geschäfte stören nicht einmal das bunte Gemenge an Seemännern verschiedenster Religionen, Hautfarben und Nationalitäten. In einem System, das sich nur um dessen Funktion bemüht, darf man sich das Zusammenleben unvoreingenommen und friedlich vorstellen. Hier ist kein Ort für emotionale, ideologische Aufladung. Wenn es hier einem um mehr geht, als um die Wirtschaftlichkeit von Arbeit, dann kann er zur Gefahr werden für die Mannschaft. Nicht nur einmal spielt Starbuck mit dem Gedanken sich des mitreisenden Wahnsinns Ahab zu entledigen. Dieser zeigt Schwäche, was ihn und seine Mannschaft teuer zu stehen kommen wird. Einmal begegnet die Pequod dem "vom allerüberraschendsten Erfolg überschütteten" Walfänger Bachelor, der mit einem von Walrat gefülltem Laderaum glückselig gen Heimat segelt. Er macht es der Pequod vor, so liefe es rund! Ahab winkt ab, für ihn ist nur von Interesse, ob man den weißen Wal gesichtet hätte. Das verlockende Stück Freiheit, nach Löschung und Verkauf eines reichen Fangs wäre Starbuck genug und sein ganzes Glück. Ahab will mehr, ihm ist der schnöde Mammon nichts gegen seine Chance auf Rache, das Recht auf Wiedergutmachung seiner Schmach. Eines alten Walfängers größte Beleidigung ist nicht mit Geld aufzuheben, es geht um Ehre und Rache. Dies ist unvereinbar mit den Systemen der Gesellschaft. Der Mensch mit persönlichen Ambitionen hat in der Wirtschaft wahrlich nichts mehr verloren.

Das Ende ist bekannt. Moby Dick bleibt Sieger und Ahab findet endgültig sein Grab. Wie zu befürchten war sinkt dabei die ganze Pequod, mit Mann und Ladung, die bösen Vorahnungen werden Realität, und zu guter Letzt wird aus ungeklärt unglücklichem Zufall das an den Masttopp genagelte Wappentier der Vereinten Staaten in den Untergang gerissen. Eine deutlicher adressierte Warnung vor zu viel Ideologie lässt sich kaum formulieren. Melville scheint den Geist der Moderne bereits heraufdämmern zu sehen, und er weiß auch schon die Störenfriede einer modernen Gesellschaft zu verorten. Heldentum und Heroisierung sind keine Vokabeln der Zukunft. Unglücklicherweise lässt das Kino nicht ab davon die Parabel Melvilles zu heroisieren (siehe die Verfilmung durch John Husten mit Gregory Peck, Richard Basehart) und verkehrt damit die Intention Moby Dicks in ihr Gegenteil. Das ist mehr als nur eine als Stilmittel zu rechtfertigende Trimmung des Geschehens auf mehr Spannung, es ist ein einziges Missverständnis!

Lefebrve behält Recht mit seinen Parallelen in der Metaphorik und sein Essay ist eine überreiche Interpretation, der auch ich den Anstoß meiner Gedanken verdanke, doch liegt mir daran Melvilles analytischem Spürsinn hervorzuheben. Die Geschichte enthält die exakte Typik eines Systems der funktionsdifferenzierten Gesellschaft. Mittels der Metaphorik des Wals entgeht sie sogar der Falle in die Marx geriet, als er das Gespenst des Kapitalismus heraufbeschwor. Man kann die Funktionalität der Systeme und ihre Medien sogar ambivalent lieben, wie Lefebvre schreibt, wie man das lieben kann, was man im Kampf kennen lernt. Von erschütternder Aktualität wie auch beklemmender Zurückgebliebenheit muss man es empfinden, wenn wir mit Ishmael auf die Reise gehen, um dabei die Gesellschaft kennen zu lernen, mit der wir aktuell konfrontiert sind. Melville ruft uns aus dem 19. Jahrhundert zu: Das System bietet ("bescheidene, wenn auch schmutzige") Freiheit. Ideologen und Kreuzfahrer bringen definitiv nichts als den Tod.

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