1
Der kleine Bub jagt den losen Flocken nach, über Zaun und Bach,
über Gräber und dann ach,

Er steigt hoch die Kirchenwand, findet Halt am Fenstergitter,
Schneeflöckchen erhaschend.

Dabei überraschend kann er sich kaum verbergen, wie drinnen, Herr,
der Pfarrer sich ins Löchlein stahl.

Silbrig Stahlkreuz blitzt wie Rosenherzen, seiner Netzhaut eingebrannt,
bleibt stummer Blick aus dunklen Augen,

Den er erwidern muss, flehend, bittend, für Abermillionen Stunden,
als wäre er nicht von dieser Welt.

Wenn auch nicht sogleich sich alles fügt, schwant dem Buben doch die Sünde,
wie das Töchterlein sich dargebracht.

Es kniet und weint, augenblicklich stumme Lippen beben, flüstern unhörbar,
und zittern nur mit Tränen.

So betet er, als will er Zeit gewinnen, lose vor dem Fenster hängend,
für einen Rosenkranz zumindest.

Schwarzer Schnee so tonnenschwer, die Sonne sticht ihm Angesichts,
als könnten alle Taten seine sein.

Als schwindeln ihn die Flocken, in jenem Augenblick ist´s gewiss,
dass er sich hassen wird, ewiglich.

 


2
Wie jeden Freitag und vor hohen Feiertagen, soll der Bub zum Beichten gehen,
unschuldig ein kleines Herz entleeren.

Wo er sprach, worüber niemals nimmer er zu sprechen wüsste, und auf Wunsch
auch noch die adrige Wange küsste.

Doch in diesem Jahr wird vor dem Fest nur, Säure anstatt Ambrosia fließen,
schwefelndes Herz ausbrennen. Zweifelsfrei,

Daran wird ER Dich erkennen und sogleich das beim Namen nennen,
was Verbotenes Du gesehen.

Der Teufel hat Dich heimgesucht, Dein unschuldig´ Spiel benutzt, wie immer,
da Du nicht achtsam warst,

Und Leichtigkeit, verlorenes Kind, dich vom edlen Tagwerk lenkte, ausgeborgt
im Übermut, nicht inhärent.

Als könnt´ Dein schmächtig´ Herz alle Sünden in sich laden, wünsche selbst,
ein besserer Mensch zu werden.

Ein letzter Riegel fällt ins Schloss, donnernd blendend, und nun eingemauert,
er holt flüchtig aus zum Kreuzesgruß.

Er spürt noch lange in der Nacht, den brennenden Kuss, sein Fleisch ihn martert,
die Laken feucht und siedend heiß.

Heute Nacht sollte ER doch wieder kommen, morgen schließlich SEIN Geburtstag sein,
Wie wollte er IHM rein begegnen?

ER dürfte ihm nie verzeihen! Verdammen, ja, das wäre ihm wohl das Liebste.
Sein größter Wunsch in dieser heiligen Nacht:

Einfach nicht mehr aufgewacht.

 

20.12.10

 

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von Jürgen Mick

 
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