Sehr früh am Morgen war das schöne Mädchen Corina, am Vortag der Heiligen Nacht, mit ihrem schmucken wintertauglich gemachten Sportwagen, in der von dreckigem Schnee bedeckten Großstadt losgefahren, denn die besonderen Tage, um Weihnachten herum, verbrachte sie gerne, wie sie es gewohnt war, oben in den Bergen. Auf gut ausgebauten schneefreien Schnellstraßen hatte sie rasant Boden gewonnen und zur Mittagszeit, als sie in das ihr so vertraute tief verschneite Hochtal hineinlenkte, hatte sie, wie alle Jahre wieder, all das Städtische längst hinter sich gelassen. Am frühen Nachmittag dann, endlich angekommen, fuhr sie zielsicher durch die von meterhohen Schneewänden gesäumten Straßenschluchten des zuhinterst im Hochtal gelegenen Dorfes hindurch, geradewegs auf das etwas außerhalb des eigentlichen Dorfbereiches gelegene Chalet ihrer Eltern zu, bog in die vom Schnee frei geräumte Zufahrt ein und stellte den Motor ab. Als sie, leicht zitternd vor Kälte, aus ihrem Auto stieg, nahm sie sofort die beträchtliche Ruhe wahr, die hier im Hochtal herrschte; eine Ruhe, die lediglich durch leichte metallische Knackgeräusche ihres nun schnell erkaltenden Sportwagens gestört wurde. Corina blickte kurz zum nahen Dorf hinunter, als wolle sie all den Burschen, die in diesem Moment, wie sie wusste, hinter den Gardinen stehend, zu ihr heraufschauten, einen kurzen Willkommensgruß schenken. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr schönes Gesicht. Sie wandte sich dem Chalet zu, entnahm der Tasche ihres Kamelhaarmantels einen Schlüsselbund und schloss, mit zwei kurz aufeinander folgenden sparsamen Drehbewegungen der zierlichen rechten Hand, die schwere Eingangstür auf. Sie holte den Gitarrenkoffer und das restliche Gepäck vom Beifahrersitz ihres Wagens und verschwand, die behände Sicherheit der Hausherrin ausstrahlend, im Chalet. Ihr Blick fiel zuallererst auf eine Schwarz-Weiß-Fotografie, welche ihr Vater, weil es seine Lieblingsfotografie war, wie er sagte, bis auf beträchtliche Gemäldeausmaße vergrößern und als Blickfang hier in der Diele hat aufhängen lassen. Das Foto war, vor etwas mehr als fünfzehn Jahren, im Wohnraum des Chalets aufgenommen worden. Es zeigt Corina, etwa fünfundzwanzigjährig, zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter. Der Vater sitzt, etwas links, neben der Bildmitte, vor dem alten Blüthner-Flügel auf einem Klavierhocker. Sein Oberkörper ist in leichter Schrägansicht dem Betrachter zugewandt. Er ist mit dunkler Stoffhose und dunklem Hemd bekleidet. Die Bügelfalte der Hose bildet die vertikale Mittelachse des Bildes. Die Ärmel des Hemdes sind hochgekrempelt. Links hinter dem Vater steht die Mutter, unmittelbar vor einer offenbar durch die grelle Sommersonne erleuchteten geschmeidige Falten werfenden Gardinenfläche. Die Mutter ist beinahe in Frontalansicht dargestellt. Sie trägt einen hellen Neckholder-Bikini und offene Badesandalen. Den rechten Arm hält sie leicht angewinkelt nach hinten und berührt dabei mit der Hand eine der Gardinenfalten. Ihr rechtes Bein ist in einer leichten nach vorne gerichteten Schrittposition dargestellt. Es scheint, als wäre die Mutter gerade eben durch die geöffnete Glas-Panorama-Tür hindurch, sich durch die geschlossenen Gardinen hindurch einen Weg bahnend, in den Raum getreten. Die rechte Bildhälfte ist, im Gegensatz zu der hell erleuchteten linken Gardinenhälfte, in ein gedämpftes Licht getaucht. Sie wird von dem in Schrägansicht dargestellten alten Blüthner-Flügel bestimmt, auf dem eine riesenhafte doppelseitige Partitur platziert ist. Corina selbst, jugendlich und ungestüm, nimmt im Vordergrund das Zentrum des Bildes ein. Sie trägt lediglich ein dünnes sehr kurzes blumengemustertes Sommerkleidchen, mit tiefem Dekolleté, das ihr kaum über den Po reicht. Mit dem rechten Oberschenkel sitzt sie auf dem Schoß ihres Vaters. Ihr linkes Bein, das, in der Verlängerung ihres Oberkörpers, die bestimmende Bilddiagonale darstellt, ist schräg nach unten gerichtet und sucht, am rechten unteren Bildrand, auf einem dicken Wollteppich halt, wodurch dieser faltig zusammengeschoben wird. Corinas Körperhaltung ist auf diese Weise ausreichend stabilisieret, so dass sie mit ihren Armen, entsprechend locker, die rechte Schulter des Vaters umgreifen kann. Ihr Gesicht zeigt sie im edlen Profil. Der Mund ist auf den Vater hin gerichtet, so als wolle Corina ihm die hohe Stirn küssen. Des Vaters rechte Hand ruht auf Corinas rechtem Oberschenkel. Seinen linken Arm hat er ihr um die Hüften gelegt. Er blickt Corina mit fast schwarzen Picasso-Augen und sagt: "Mädchen, du hast das Gesicht der Maria von Jan van Eyck". Die blauäugige Mutter schenkt der Tochter ein wohlwollendes Lächeln aus dem Hintergrund. Die Fotografie stellt offensichtlich eine Momentaufnahme familiärer Vertrautheit dar, doch Corina ist kein Kind mehr, und so trägt die Art und Weise, wie sich Vater und Tochter umarmen, zu einer nicht zu übersehenden erotischen Wirkung der Szene bei. Lange Zeit blieb Corina vor dem Bild stehen, ohne ihr Gepäck abzusetzen, trat dann ganz nah heran und besah sich die Stelle, die bei ihr, immer wenn sie die Chalettür aufschließt und ihr Blick auf das Familienfoto fällt, eine tiefe Verunsicherung hervorruft, die Stelle, die sich nahe des Bildzentrums, also unmittelbar neben der rechten Hand ihres Vaters befindet, die Stelle, auf die unweigerlich alle Blicke hingezogen werden, die Stelle, wo das hochgeschobene Sommerkleidchen den Blick zwischen ihre Beine und also auf das leicht gewölbte kleine weiße Dreieck ihres Höschens freigibt. Endlich wandte sich Corina von der Fotografie ab und ihr Blick fand, durch die offenstehende Tür des Wohnraumes hindurch, den Blüthner-Flügel der vor der in weißem Licht erstrahlenden Gardinenfläche auf dem wie immer faltig daliegenden Wollteppich stand. Sie ging in den Wohnraum, setzte endlich ihr Gepäck ab, packte ihren Vorrat an Canadian-Icewine-Tea aus und machte im Kaminofen Feuer - für Holz hatte übers Jahr der Vater gesorgt, der immer wieder gerne mit einem der Burschen aus dem Dorf in den Wald ging, um Bäume zu schlagen. Corina wusste, dass es nun Zeit war, den Blick hinein ins Chalet freizugeben. Sie öffnete die Gardinen und blickte durch die Glas-Panorama-Tür, auf die tief verschneiten Wiesen hinaus. Mit schlanken Fingern entledigte sie sich ihrer Kleidungsstücke. Es begann schon leicht zu dämmern. Corina goss sich eine Tasse Tee ein und legte sich, nackt, wie sie war, mit einem Körper, der aussah, als sei er noch völlig unberührt - obgleich er schon sehr oft und sehr intensiv berührt worden war -, auf dem von draußen gut einsehbaren Diwan bereit. Bald vernahm sie erste Geräusche vom nahen Wald zum Chalet herüber dringen. Einer nach dem anderen würden nun die Dorfburschen mit ihren Hornschlitten hier vorbeikommen, nachdem sie zwischenzeitlich die Christbäume für ihre Familien geschlagen hatten, und sie würden, kurz verschnaufend, durch die Glas-Panorama-Tür ins Chalets hineinschauen und Corina dabei zusehen, wie sie, nackt, auf dem Diwan liegend, ihre berührungsempfindlichen Brustspitzen befühlt. Schon seit Jahren hatte sie die Dorfburschen nun nicht mehr ins Chalet eingelassen Sie ließ es lediglich Jahr für Jahr bereitwillig geschehen, dass diese, wenn sie, am Vortag der Heiligen Nacht, mit ihren Christbaum beladenen Hornschlitten vom Wald kommend, nicht den direkten Weg zurück zu ihren Häusern wählten, sondern einen beschwerlichen Umweg über den schmalen Fußsteig in Kauf nehmend, durch die Glas-Panorama-Tür des Chalets hindurch, Corinas nackten Körper betrachten konnten. Auch ihren Schoß, der den Geruch feuchter Wälder ausströmte, wie ein Dorfbursche ihr früher einmal gesagt hatte, setzte sie freizügig ihren Blicken aus. Sie zeigte ihnen die feine Haut ihrer Schenkel, das frische zarte Fleisch ihrer Schultern, ihr langes duftendes kastanienbraunes Haar und sie befühlte dabei ihre berührungsempfindlichen Brustspitzen, so wie dies, noch vor kurzem, den Dorfburschen selbst zu tun erlaubt war. Genauso wie Corina es erwartet hatte, kamen sie nun, einer nach dem anderen, mit ihren Christbaum beladenen Hornschlitten, den schmalen Fußsteig herunter, legten vor dem Glas-Panorama-Fenster des Chalets eine kurze Rast ein, um zu verschnaufen und gönnten sich die freie Einsicht in den Wohnraum und auf den Diwan, auf dem sich die nackte Corina, erst zaghaft und dann immer selbstsicherer zu berühren begann. Manch einer der Dorfburschen wird sich dabei wohl an die Jahre zurückerinnert haben, als sie alle noch jünger gewesen waren, und als sie jedes Jahr, am Vorabend der Heiligen Nacht, im Chalet, ausschweifende Feste gefeiert hatten; erst noch zusammen mit Corinas Vater, der ihnen völlig unbekannte Weihnachtsmelodien auf dem alten Blüthner-Flügel vorzuspielen pflegte, später dann, als sie schon etwas älter geworden waren, nur noch mit Corina selbst, die es sich mittlerweile zur Gewohnheit gemacht hatte, über die Feiertage hinweg, die Dorfburschen ins Chalet kommen zu lassen, damit diese ihr die berührungsempfindlichen Brustspitzen befühlen konnten. Erst Jahre später, als die hier im Dorf ansässigen Frauen beschlossen hatten, schwanger zu werden und diese die lange Abwesenheit Corinas auszunutzen begannen, um die Dorfburschen an sich und also an die häuslichen Pflichten zu binden, hatte Corina sie nicht mehr ins Chalet eingelassen. Weder eine religiös bedingte Angst, etwas Unerlaubtes zu tun, noch eine ernsthafte Sorge, das dörfliche harmonische Zusammenleben entscheidend zu stören, hatten sie zu diesem drastischen Schritt veranlasst. Allein die unsägliche Langeweile, welche sie bei der Vorstellung überkommen hatte, jene Dorfburschen, die übers Jahr hinweg von ihren Frauen, mittels nicht haltbarer Versprechungen, in die Schlafzimmer gelockt wurden, und die dort, zu ihrer Befriedigung, dicke Bäuche, breite Hüften und große Köpfe streichelten, und dabei, mit der Zeit, unweigerlich ihre Beischlaffähigkeit verlieren mussten, auch weiterhin ins Chalet einzulassen, bewog sie dazu, es lediglich dabei zu belassen, den Dorfburschen, Jahr für Jahr, am Vorabend der Heiligen Nacht, ihren Verstand zu rauben. Als es Zeit war, erhob sich Corina, mit fiebrigen Wangen, vom Diwan, zog die Gardinen vor die Glas-Panorama-Tür des Chalets und legte im Kaminofen Holz nach. Sie ging nochmals kurz in die Diele und betrachtete sich auf dem großen Familienfoto. Ihre Brüste befand sie, wie immer schon, für etwas zu klein, doch sie wusste, dass ihre überaus berührungsempfindlichen Brustspitzen ihr auch morgen, in der Heiligen Nacht, während die Dorfburschen in der ländlichen Pfarrkirche mit ihren Familien bei der Christmette sitzen und auch noch über die Feiertage hinweg, wohlige Gefühle bereiten würden. Draußen hörte Corina den letzten der Burschen mit seinem Hornschlitten zum Dorf hinunterfahren, wo dessen Frau, sich ihren einschichtigen Gedankengängen hingebend, bestimmt schon hinter den Gardinen stand und mit dem Christbaumschmuck in Händen auf seine Rückkehr wartete. Corina ging zurück in den vom Kaminfeuer wohl erwärmten Wohnraum des Chalets, setzte sich, nackt, wie sie war, an den alten Blüthner-Flügel und begann all die unbekannten Weihnachtsmelodien zu spielen, die den Dorfburschen auch damals schon, als sie noch Corinas Vater hier zu spielen pflegte, so völlig fremd im Ohr geklungen hatten.

23.12.09

 

Der alte Blüthner-Flügel
von Günter Schweigard

 
  Merry Christmas Compilation
Herr Odlaswitz
  Erwacht in heiliger Nacht
  Music for a While
  Vergiss New York
  Der alte Blüthner-Flügel
  Der Richter und der Koch
 
 
  Das Schokoladencafé