Es ist Anfang Dezember in Dilargent, einem kleinen Städtchen an der Loire. Das Christkind sitzt in einem Cafe an einem Tisch ganz am Fenster zur Straße. Es bestellt sich unablässig Capuccino und raucht zu jeder Tasse eine Zigarette. Es wirkt müde und scheint sich mit Kaffee wach zu halten. Das Christkind blickt unentwegt aus dem Fenster, hinaus auf die Straße, wo sich unmittelbar vor dem Cafe, die Schlossstraße und die alte Hauptstraße kreuzen. Es ist, wie man gemeinhin sagt, ein für die Jahreszeit zu warmer - was auch immer die richtige Temperatur sein möge - Dezembertag, doch es schneit zaghaft dicke, nasse Flocken ohne Überlebenschance vom Himmel. Wer fragt sich nicht, mindestens einmal im Leben, was das Christkind an den Tagen macht, an denen es nicht Weihnachten ist. Die Kinder glauben wohl, dass es seine ganze Zeit damit verbringt, für sie Geschenke zu basteln oder wenigstens einzukaufen. Aber wir Älteren wollen diesem Märchen nicht mehr glauben.

Heute scheint sich mir die Gelegenheit zu bieten einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen. Neben der Cappuccino-Tasse und dem Unterteller mit den Zuckertüten am Rand, liegt ein Handy, das nie klingelt. Das Christkind ist ausreichend gut über menschliches Treiben informiert und erhält nur selten Anrufe. Außerdem, wer kennt schon seine Telefonnummer? Sein Blick gilt an diesem Tag ausschließlich dem Treiben auf der Kreuzung vor dem Cafe. Die Menschen, mit und ohne Auto, die Fahrradfahrer und die Mütter mit Kinderwagen beanspruchen seine ganze Aufmerksamkeit. Aus jeder nur erdenklichen Richtung der Stadt suchen die Menschen diesen Punkt, um entweder einer der beiden Straßen zu folgen, sie zu überqueren, abbiegend zu wechseln, diagonal zu kreuzen oder von Ecke zu Ecke springend zu passieren. Mit einem Wort, auf der Kreuzung ist Leben.

Die Schlossstraße, wie auch die alte Hauptstraße ist eine schmale Straße, nur die breiten Gehwege entlang der Hauptstraße verleihen dieser boulevardeskes Flair. Die Fahrbahnflächen sind so eng bemessen, dass großen Autos und vor allem Lastwagen das Rechtsabbiegen nicht möglich ist, ohne ungewollt auf die falsche Fahrbahnseite zu geraten. In dem Moment hält ein silberner Kleinwagen, links blinkend, an der Einmündung der Schlossstraße an. Der Fahrer, obgleich der Vorfahrt berechtigt, winkt einen MiniVan in die Kreuzung, weil er seine eigene Größe überschätzt. Eine Gruppe junger Frauen quetscht sich schnell dazwischen, die Verzögerung nutzend, um auf die andere Straßenseite zu gelangen. Ein Lieferwagen mit gelber Plane rollt heran in der Absicht links abzubiegen. Eine dunkelblaue Kiste kommt ihm entgegen. Kurz bevor diese die Kreuzung erreicht, stößt von der dritten Seite eine silberne Limousine aus der Häuserschlucht. Alle stehen. Der Fahrer des Lieferwagens winkt, obgleich er eigentlich fahren müsste, an dem Silbernen jedoch nicht vorbei käme. Der Kleine rollt an, der Knoten löst sich. Ein Radler wischt währenddessen seitlich im Windschatten vorbei. Wieder taucht ein Lastwagen mit gelber Plane auf und holpert langsam über das Kopfsteinpflaster auf die Kreuzung zu. Der Gegenverkehr hält respektvoll inne - lässt den ungelenken Brummer abbiegen. Eine kleine Schlange bildet sich. Eine Gruppe von gut gekleideten Herren eilt zu einem Termin und zwängt sich durch den Qualm zwischen den Automobilen hindurch, jeder sehr bedacht sich nicht zu beschmutzen. Die Schlange könnte jetzt anfahren, doch ein altes Mütterchen hat sich während des Rangiermanöver in Bewegung gesetzt. Sie will die Gelegenheit am Schopfe packen, ihren Weg, der sie hier über die holprige Straße zwingt, weiter zu gehen. Von den anderen Zufahrten schieben inzwischen weitere Fahrzeuge nach. Der letzte Ankömmling gibt Handzeichen, der Gemeinte holt aus, tangiert den Randstein, verschwindet in der Gasse, die nächsten beschleunigen, abwechselnd folgt jeder seiner Bestimmung. Es ist keine Lücke mehr zu erkennen. Wie in einer einstudierten Choreographie folgt der Blaue auf den Roten, der Metallisch-Grüne auf den Gelben, der Silberne auf den Grauen, der Rote auf den Beigen. Für einige Momente stört nämlich kein Lastwagen die Aufführung. Zuerst unbemerkt schleicht sich ein alter Herr ins Gemenge. Mit Hut und Gangstock steht er in der Mitte der Straße. Mit einem Mal erstarrt alles. Ein plötzlicher Stillstand, wie auf einer Tanzfläche, wenn die Musik abbricht. Der alte Mann blickt auf und staunt als er sich als Verursacher erkennt. Gesenkten Blickes setzt er einen Fuß vor den anderen. Gebannt warten sämtliche Verkehrsteilnehmer; ausgenommen eine Gruppe von Kindern, die die Gelegenheit wittern. Anstoß! Der Verkehr pulsierte weiter. Jeder nimmt seinen Weg wieder auf. Jedes Fahrzeug vollführt seine individuellen Bewegungen, keine Kurve beschreibt die gleiche Bahn. Man unterscheidet sich in Beschleunigung, Wenderadius oder Schnelligkeit in Tempo und Ziel. Doch sieht man lange Zeit dort hinaus, gewinnt man den Eindruck, sie arbeiten alle an der gleiche Sache. Die Lenker der Autos bedienen sich auffälliger Gesten, um die Kreuzung zu passieren. Den Lastwagen wird mit Handzeichen Respekt gezollt, ebenso wie den alten Leuten, die sich noch hinaus wagen. Die Fahrradfahrer geben die Tapferen und zischen durch die Lücken des Gemenges, immer in der festen Absicht nie abzusteigen. Die Kinder schummeln sich durch, nicht ganz ungefährlich! Ein Motorradfahrer ist in dem Tumult noch nicht aufgetaucht, doch das liegt wohl an der Jahreszeit. Der Schneefall hat nicht nachgelassen, die Flocken zergehen immer noch mit dem Moment ihres Auftreffens. Das Pflaster ist nass und nicht weiß.

Ich bin so mit der Beobachtung der Straße beschäftigt, dass ich ganz vergesse das Christkind zu beobachten, welches, als ich wieder hinblicke, ebenso gebannt jeder Bewegung dort draußen folgt. Bei näherem Hinsehen erscheint mir das Wort "gebannt" nicht mehr stimmig. Die Blicke zeugen von ungeheurer Entspanntheit, aber auch von einer nicht zu verheimlichenden Skepsis. Abwesend, aber nicht gelangweilt folgt das Christkind dem Geschen. Oder folgt das Geschehen den Blicken? Die Pupillen rollen, als würden sie dirigieren. Als wären sie schneller, als die Handlungen der Akteure auf dem Parkett. Das Christkind starrt durch die Scheibe, wie jemand, der am Fließband sitzt und ganz genau weiß, welches Teil als nächstes an ihm vorbei rollen wird.
Auf der Straße gilt nur eine Regel. "Rechts vor Links", lautet sie kurz und bündig. Diese eine Regel ordnet hier Tag ein, Tag aus die Absichten von unzähligen Passanten, Lieferanten, Boten und Fahrern, die sich weder kennen, noch sich in dieser Konstellation je trafen oder wieder treffen werden. Die Regel scheint ihren Zweck zu erfüllen. Doch es hat den Anschein als traue das Christkind dem Geschehen nicht. Ja, wenn ich es so betrachte, könnte man sich vorstellen, es ist gerade dabei zu überprüfen, ob "seine" Regel genügt. Ich kann mit keinem abschließendes Ergebnis aufwarten. Wer weiß, waren zuerst die Blicke, oder die Bewegungen der Passanten?
Jetzt rangiert draußen ein Lieferwagen mit Anhänger um die Ecke und hält für mehrere Minuten die Kreuzung in seinem Besitz. Mir fällt auf, ich habe die ganze Zeit noch nicht ein Hupen oder eine Sirene vernommen. Die Menschen verständigen sich auf leise, eigentlich ausschließlich pantomimische Weise. Wer die Kreuzung quert, oder an dieser Stelle die andere Straßenseite zum Ziel hat, ist in jedem Fall damit beschäftigt etwas zu deuten. Durch die Scheiben ihrer Fahrzeuge kann man Nicken, Winken, manchmal auch ein Kopfschütteln wahrnehmen; man zeigt sich den Weg, man hebt die Hand, um Vorfahrt einzufordern. Mit zuvorkommenden Gesten lassen sie sich gegenseitig den Vortritt. Mag sein, dass auch der ein oder andere fassungslos auf sein Lenkrad einschlägt oder sich mit der flachen Hand an den Kopf klatscht. Nun gut, man kann nicht immer gleicher Meinung sein.

Das Christkind schreckt hoch, ein dumpfer Knall hat es geweckt. Eine Limousine ist seitlich in einen Geländewagen gerutscht. Für einen Moment ist das Christkind eingeschlafen und schon ist dieser Unfall passiert. `Man darf sie keinen Moment aus den Augen lassen!´ Das Christkind steht auf, steckt das Handy und die Zigaretten in die Jacke, legt einen Geldschein unter den Aschenbecher und geht.

Der aufmerksame Leser mag sich fragen, war das wirklich das Christkind? Ich gebe zu, man kann sich in derartigen Angelegenheiten nie ganz sicher sein. Doch selbst wenn ja, und wenn meine Ahnung in die richtige Richtung geht, bleibt dem Hartnäckigen doch die Frage, was geschah, während meiner Beobachtungen in Dilargent an all den anderen Kreuzungen im Lande? Doch zum allgemeinen Verständnis lasst Euch noch eines sagen: Diese kleine Kreuzung in Dilargent - falls ihr einmal dort vorbei kommen solltet, lasst sie Euch nicht entgehen! - ist eine ganz besondere Kreuzung. Diese Kreuzung ist die letzte, an welcher der liebe Gott bisher noch keine Ampel installiert hat

21.12.03

 

Christkind in Dilargent
von Jürgen Mick

 
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