Leicht sei es noch nie gewesen, in diese Wohnung, eine festliche Stimmung zu zaubern, sagt sie; es wäre die schiere Unmöglichkeit! Gemütlichkeit? Ja, das schon! Aber keine Festlichkeit! Er wertet dies als Vorwurf, und meint, das hätte man sich dann vorher überlegen müssen, bevor man hier, in diese Wohnung, einzog. Zu wenige Fenster, von den wenigen, die meisten nach Norden gerichtet; zu kleine Zimmer, und noch dazu dieser Geruch von ranzigem Fett, der wohl, so seine Vermutung, über die Lüftung der innen liegenden Toilette in die Wohnung gelangt, und der, über die Jahre hinweg, in Wände und Möbel eingedrungen war, die heute, nach gut einundzwanzig Jahren, den Geruch selbst auszuströmen in der Lage waren, so dass der Geruch, so Ekel erregend er auch ist, nun richtiggehend zur Wohnung dazu gehört.
Heute jedoch, an Heilig Abend, strahlt zumindest das Wohnzimmer eine vorher noch nie erreichte, beinahe unmäßige Festlichkeit aus. Sie hat das gute Tafelservice aufgelegt; sie hat den Weihnachtsbaum heuer nicht vor den Schrank, sondern vor das Fenster gestellt. Sie hat auch auf das Duftspray verzichtet, mit dem sie sonst immer versucht, gegen den Geruch von ranzigem Fett anzukämpfen - dies besorgt heute die Gulaschsuppe, deren Duft, wie es Tradition ist, aus der Küche, ins Wohnzimmer herüberzieht. Sie weiß nicht warum, aber auch das Licht ist heute weniger grell als sonst. Gut, dass sie nicht auf ihn gehört, und nachgegeben hatte, als er ihr ausreden wollte den großen Esstisch im Wohnzimmer aufzustellen. Man könne genau so gut darauf verzichten, wandte er ein, hätte man doch eine ausreichende Essgelegenheit in der Kochküche. Sie war nachmittags in den Keller hinunter gegangen, hatte die Teile des großen Tisches selbst in die Wohnung hoch getragen und den Tisch im Wohnzimmer zusammengebaut. Die Anstrengung hat sich gelohnt! Erstmals, seit sie hier wohnen, hat sie es geschafft, dem Wohnzimmer die triste Alltagserscheinung zu nehmen. - Im Fernsehen läuft die Weihnachtsausgabe einer beliebten Volksmusiksendung. Sie ist müde, aber trotzdem ist Sie zufrieden!
Heute, an Heilig Abend, sitzen beide, Mann und Frau, im Wohnzimmer, am großen Esstisch, schweigend, in Gedanken versunken; und sie löffeln, wie jedes Jahr, bedächtig die Gulaschsuppe in sich hinein. Nach jedem Löffel Suppe, heben sie ihre Köpfe und schauen zum Fernseher hin. Ein Weihnachtsmedley der Wildecker Herzbuben verhindert, dass sich ihre Blicke treffen. Sie bricht das Schweigen, indem sie bemerkt, dass die Sofie-Oma - Gott hab Sie selig - heute fünfundachtzig geworden wäre. Er nimmt einen letzten Löffel Suppe, und weil ihm so feierlich zumute ist, wischt er sich mit der weißen Stoffserviette sorgfältig seine Lippen ab, bevor er aufsteht und wortlos den Raum verlässt.
Heute, an Heilig Abend, wird sie noch einen Teller Gulaschsuppe in sich hineinlöffeln und im Fernsehen die Weihnachtsausgabe einer beliebten Volksmusiksendung zu Ende ansehen. Sie hätte nicht gedacht, dass die Wildecker Herzbuben, "Stille Nacht, Heilige Nacht", so schön singen können. Würde er noch neben ihr am Tisch sitzen, dann könnte er ihr jetzt sagen, dass er dies den Wildecker Herzbuben durchaus zutraut, weil eben diese Wildecker Herzbuben, vor einigen Wochen, in einer Musiksendung, völlig abseits ihrer sonstigen, - dem Volk bekannten - Gewohnheiten, "silence is golden", von den Tremeloes, vortrugen, was er, Zugegebenerweise, damals auch noch nicht für möglich gehalten hätte.

08.12.04

 


Heilig Abend
von Günter Schweigard

 
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