Andy Menzel war nicht nur der kleine Bruder von Nina Menzel, sondern er war gewissermaßen auch zu ihrem Berater in vielen Dingen des Lebens geworden. Ob es nun darum ging, mathematische Aufgaben, der Art: 45 - x = -1, zu lösen, ob es ein andermal erforderlich war, die Kräftezerlegung an der "Schiefen Ebene" mathematisch abzubilden (wovon Nina nun wirklich keine Ahnung hatte) oder ob sie, unglücklich verliebt und nicht mehr weiter wissend, stundenlang in ein Kissen heulend auf dem Sofa lag, immer holte sich Nina zuallererst den Rat ihres Bruders ein. Selbst als der Vater noch am Leben gewesen war, fragte sie doch immer ihren kleinen Bruder um Rat, denn der Vater hatte eine sehr unangenehme, lehrerhafte Art, ihr die Dinge zu erklären, so dass sie von vornherein wusste, dass sie wieder einmal nichts kapieren würde. Wenn der Vater ihr, in seiner Erwachsenenwahrnehmung, die Dinge des Lebens beschrieb, wie sie seiner Meinung nach tatsächlich zu sein hätten, stöpselte sie sich Musik ins Ohr. Nur ein einziges Mal, im Herbst, als die Klassenlehrerin eine Exkursion im Rahmen des anschaulichen Biologieunterrichts angekündigt hatte und der Bruder nicht im Hause gewesen war, nahm sie die Stöpsel aus dem Ohr und hörte dem Vater zu, der ihr gestenreich mehrere verlässliche Methoden erläuterte, wie man im laubbedeckten Waldboden Morcheln finden könne. Die Sache ging jedoch reichlich daneben, denn des Vaters Ratschläge hatten sich beim Versuch der praktischen Anwendung, in den heimischen Wäldern, als völliger Reinfall herausgestellt. Die Klassenlehrerin erklärte, die heimischen Wälder seien nun mal keine Morchelgegend. Man sei ja schließlich nicht in den Wäldern rund um Paris, in Chaville, oder sonst wo. Selbst in diesen bekanntermaßen morchelreichen Wäldern würde es mit den von Ninas Vater vorgeschlagenen Methoden nur schwerlich möglich sein, auch nur eine einzige Morchel zu finden. Die Klassenlehrerin hatte schlussendlich sogar grundsätzlich in Zweifel gezogen, dass man mit den Methoden, die Ninas Vater vorgeschlagen hatte, überhaupt irgendwo Morcheln finden könne. "Eher stößt man mit solchen ungelenken Suchmethoden auf Überbleibsel von Megalithgräbern oder sonstigem grobschlächtigen Zeug", hatte sie Nina vor der ganzen Klasse verdeutlicht. Die Peinlichkeit war perfekt. Andy Menzel machte sich seither große Vorwürfe, weil seine Schwester Nina in diesem Fall nicht seinen Rat einholen konnte. An jenem Nachmittag, im Herbst, hatte ihn statt dessen die Mutter, gegen seinen Willen, wie er Nina später erklärte, in die nahe Stadt geschleppt, um für ihren Sohn Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Die Mutter hatte nämlich, wie Andy Menzel unbeirrbar behauptete, die krankhafte, zumindest aber doch recht lästige Angewohnheit, mit dem Kauf der Weihnachtsgeschenke bereits in der letzten Oktoberwoche zu beginnen, wobei sie zu diesem Zweck jeweils ein Familienmitglied in die Stadt zu begleiten hatte, wo dann, in etlichen Geschäften, zahllose Kleidungsstücke anzuprobieren waren, bis man alle Weihnachtsgeschenke - und alle Weihnachtsgeschenke waren, ohne Ausnahme, Jahr für Jahr, immer nur Kleidungsstücke gewesen - zusammen getragen hatte. Andy Menzel kam, auf diese Weise, erst als es bereits Abend geworden war, mit der Mutter von der Stadt nach Hause. Seine Schwester Nina dachte nicht mehr daran, ihn in Sachen Morchelsuchmethoden zu befragen, denn sie hatte sich bereits mit den Ratschlägen des Vater zufrieden gegeben, und sich längst schon wieder Musik ins Ohr gestöpselt. Als Nina dann am nächsten Tag völlig aufgelöst von der Schule nach Hause gekommen war, hatte sie ihrem Bruder, unter Tränen, von ihrer Demütigung durch die Klassenlehrerin berichtet, und Andy machte sich daraufhin die größten Vorwürfe, weil er gerade in diesem Fall, der unbestreitbar schwerwiegendste Folgen für Nina haben konnte, - wusste er doch, dass sie kaum in der Lage sein würde, derartige Demütigungen zu verkraften - seiner Schwester nicht für einen Rat zur Verfügung gestanden war. Also versuchte er sie zu trösten, indem er ihr wilde Geschichten über Rabelais erzählte, der in eben dieser morchelreichen Gegend, rund um Paris, nämlich in Meudon, kurzzeitig Pfarrer gewesen war, was für ihn, Andy Menzel, eine sehr viel wertvollere Feststellung darstelle, als die Tatsache, dass man in den Wäldern dort - vorausgesetzt man wendet erfolgversprechende Suchmethoden an - Morcheln finden könne. Nina stöpselte sich Musik ins Ohr, denn sie wollte nichts von Rabelais wissen und Andy Menzel zerbrach sich eine ganze schlaflose Nacht hindurch den Kopf, ob er auch alles Notwendige getan hatte, um die schlimme Demütigung, welche seiner Schwester heute beigebracht worden war, zu verhindern. Doch wer weiß schon im Voraus, was Notwendig sein wird? Jedenfalls fühlte er eine tiefe Schuld in sich, und er schwor daraufhin, wenigstens alles zu tun, um die Schuldigen zu bestrafen und seinen Schwur bekräftigte er, indem er auf seine Zungenspitze biss - mit Blut. Im Bett liegend und zur schwarzen Decke starrend, bedauerte er es, diesen Gedanken nicht schon viel früher zugelassen zu haben, obwohl man ihm doch zugute halten muss, dass er bereits am Nachmittag, während er von der Mutter in der Anprobe einen grünen Rolli übergestreift bekommen hatte und dieser dann, nachdem die Mutter öffentlich erklärt hatte: "Den nehmen wir!", von der Verkäuferin feinsäuberlich in weihnachtlich rotes Geschenkpapier eingeschlagen wurde und er dies natürlich als schlimme Demütigung seiner Person empfinden musste, über eine, wie auch immer geartete Vergeltungstat, also über einen, aus seiner Sicht, unvermeidbaren Befreiungsschlag, nachgedacht hatte. Andy Menzel hatte wohl eine Veranlagung dazu, die Dinge, in besonderem Maße, sehr ernst zu nehmen und er hatte auch eine Veranlagung dazu, sich schwere Vorwürfe zu machen, Notwendiges versäumt zu haben, so dass seine Tante, die Schwester seiner verstorbenen Mutter, bei der Nina und er nun schon seit über einem Jahr wohnten, sich gezwungen sah, keine Gelegenheit auszulassen, Andy zu versichern, dass es doch nun ein für allemal bewiesen sei, dass er am Unfalltod seiner Eltern keinerlei Schuld trage. Der Zuspruch der Tante beruhigte Andy Menzel dann kurzzeitig und er begann darüber nachzudenken, wie denn die Vergabe der, seiner Vorstellung nach, nur in beschränkter Anzahl vorhandenen Plätze für die Seelen im Jenseits erfolge - nur Toren glauben, es wäre dort Platz genug für alle. Unvorstellbar wäre das Gedränge dieser unendlichen Masse von Seelen, würde man sie über die Jahrhunderte hinweg alle gewähren lassen, dachte er. Selbst wenn das ganze Universum zur Verfügung stünde, hätte sich die Einzelseele, nach Andy Menzels Rechnung, vermutlich mit weniger als einem Raummeter zu begnügen - eine geradezu unmenschliche Art, mit Seelen umzugehen. Für seine Eltern wünschte er sich ein besseres Schicksal und so fragte er sich: "Was geschieht eigentlich mit den seelenlosen Körpern?" "Sie verglühen im All!", bekam er von irgendwoher zur Antwort. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Andy Menzels Eltern, an jenem Samstag, in der letzten Oktoberwoche, nachdem sie in den Wald gefahren waren, um unberechtigterweise selbst einen Christbaum, - wohlgemerkt einen Christbaum - zu schlagen, diesen dann, nach erledigter Arbeit, im anthrazitfarbenen Volvo, nach Hause transportiert und den Wagen in der leicht zur Straße hin geneigten häuslichen Einfahrt abgestellt hatten. Nachdem sie den Baum ausgeladen und in der Doppelgarage sorgfältig verstaut hatten, seien dann beide, Vater und Mutter, aufgrund ihres, wie der Gerichtsgutachter sich ausdrückte, ausgeprägten krankhaften Dranges, das Lebensumfeld möglichst von Verunreinigungen freizuhalten, in den Fond des Wagens hineingestiegen, um mit ihren leistungsstarken batteriebetriebenen Staubsaugern alle Nadeln, welche der Christbaum während des Transportes verloren hatte, zu entfernen. Andy Menzel sei daraufhin, wie seine Schwester Nina Menzel zu Protokoll gab, auf den Fahrersitz des Wagens geklettert, habe den Leerlauf eingelegt, die Handbremse gelöst und habe sich dann schnellstmöglich wieder aus dem Wagen entfernt. Andy Menzel habe dann, ebenfalls laut Aussage seiner Schwester, dem Wagen, der rückwärts die Einfahrt hinab rollte, unberührt nachgesehen und sei dann, als der Wagen, mit den Eltern darin, unglücklicherweise, kaum auf der Straße angekommen, von der ungeheuerlichen Masse eines zufällig vorbeifahrenden Sattelschleppers erfasst worden war, auf sein Zimmer gegangen und habe sich Musik ins Ohr gestöpselt. Dem Gerichtsgutachten zur Folge kann man dem Sohn der so tragisch verunglückten Menzels, Andy Menzel, keinerlei Mitschuld am Tod seiner Eltern geben, da, aufgrund der Tatsache, dass die schulischen Lehrpläne die Vermittlung der Gesetzmäßigkeiten der "Schiefen Ebene" für Kinder in seinem Alter noch nicht vorsehen, er also keinerlei Kenntnisse über die in der häuslichen Einfahrt wirkenden Kräfte haben konnte und auch eine eigenmächtige Unterweisung Andy Menzels, durch seinen verstorbenen Vater, seitens des Gerichts nicht nachgewiesen werden konnte. Dass man bei der Untersuchung des Unfallwagens der Ehegatten Menzel, die Türen im Fond des Wagens verriegelt vorfand, sei leicht mit einer elektronischen Fehlschaltung zu erklären - ein Fehler, der, bei eingeschaltetem Autoradio und gleichzeitigem Lösen der Handbremse, bei eben diesem Wagentyp häufiger auftreten würde. Andy Menzel sitzt, da es bald Weihnachten ist, auch heuer wieder schuldbewusst unter einem viel zu früh geschlagenen nadelnden Weihnachtsbaum, und er weiß auch heuer wieder, welches Kleidungsstück er am Heiligen Abend - seine Tante war mit ihm bereits in der letzten Oktoberwoche in der nahen Stadt gewesen, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen - bekommen wird. Nennenswertes hat die Erwachsenenwelt Andy Menzel, bis zum heutigen Tag, nicht geben können und er erwartet auch nicht mehr viel von ihr. Nicht einmal seine nun fast erwachsene Schwester will, seit die Eltern tot sind, weiter von ihm Ratschläge annehmen. Wenn sie von einem ihrer zahlreichen Liebhaber gedemütigt nach Hause kommt, stöpselt sie sich Musik ins Ohr. Andy Menzel sagt neuerdings artig "Frohe Weihnachten", wie es von ihm erwartet wird - dass er sich dabei gotteslästerliche Sätze ausdenkt, Sätze wie: Frische Butter essen Asse des Gesangs, oder: Gut, dass auch Eskimos heute fischen, muss ja keiner wissen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, trifft man Andy Menzel nun meist beim Lesen eines Buches an. Mit seinen zehn Jahren verfügt er bereits über eine erstaunliche Privatbibliothek, bestehend aus den unzähligen Büchern des ehemaligen elterlichen Wohnzimmers, die er, nachdem niemand sie haben wollte, nach dem Unfalltod der Eltern geerbt hatte - der Vater hatte im Laufe der Zeit all diese Bücher angeschafft, besser gesagt: Er hatte sie angehäuft, ohne jemals ernsthaft daran gedacht zu haben, sie alle lesen zu wollen. Viele der Bücher werden nun von Andy Menzel erstmals aufgeschlagen und bei nicht wenigen muss vor dem Lesen sogar noch die transparente Schutzfolie entfernt werden, was allerdings nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Onkels geschehen kann.

22.12.08

 

Andy Menzels Schwester
von Günter Schweigard

 
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