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Merry
Christmas Compilation
von Günter Schweigard
Zu jener Zeit, als ihre Geschmacksnerven längst degeneriert waren und sich der Hauptbestandteil ihrer Nahrung schon seit mehreren Jahrhunderten aus magenfüllenden breiigen Fertigprodukten, lediglich ergänzt durch fein dosierte Vitamingaben, zusammensetzte, lebten nicht mehr viele Menschen auf der Erde. Eine dauerhafte Dunstglocke hatte sich über die Erdkugel gelegt, die verhinderte, dass ausreichend Sonnenlicht in die Atmosphäre dringen konnte, um das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen auch weiterhin zuzulassen. Lange hatten die Menschen damit spekuliert, dass die Erde sich erwärmen würde. Man müsse sich wegen der Energieversorgung keine Sorgen machen, hatte man gedacht. Die Sonnenstrahlen würden ungehindert die Erdatmosphäre durchdringen und jeder könnte seinen eigenen Strom machen. Doch allen Berechnungen der Wissenschaftler zum Trotz war dann die genau gegenteilige Entwicklung eingetreten. Der Himmel hatte sich zunehmend verschleiert und die Sonne hatte mit der Zeit immer weniger wärmende Strahlen auf die Erde hernieder geschickt, bis dann irgendwann kein Leben auf der Oberfläche des ehemals blauen Planeten mehr möglich gewesen war. Die Überlebenden zogen sich in den Bauch der Erde zurück. Weltweit hatte man, mit Hilfe technisch ausgereifter Maschinen, in fast siebenhundert Metern Tiefe, eine künstliche Welt aus großen Innenraumgebilden geschaffen, die durch längs und quer verlaufende Felsröhren miteinander verbunden waren. Die Wände hatte man, beinahe künstlerisch, profiliert. An den Höhlendecken hatte man ein Netz aus kleinen Lämpchen angebracht. In der Nacht konnte man sich der Illusion hingeben, einen Sternenhimmel zu sehen und auch das ferne Blau des Himmels, so wie er früher einmal gewesen sein musste, konnte man tagsüber mit einem ausgeklügelten künstlichen Beleuchtungssystem, täuschend echt, in der unterirdischen Szenerie nachstellen. Dies gefiel den Alten, die hier unten wohnten. Dauerhaft lebten nämlich nur die Alten in der unterirdischen Welt bei angenehmen Temperaturen und ausreichend Sauerstoff. Die Jungen schickte man mit Nuklearraumschiffen in die unendlichen Weiten des Weltalls, um nach bewohnbaren Planeten Ausschau zu halten. Der weißhaarige Chorleiter setzte sich am frühen Abend zu Tisch. Es gab Brei mit Universalbratengeschmack. Seine Frau hatte dem Brei ein von ihr selbst hergestelltes Gänsebratenaroma beigemischt. Nach der Hauptspeise servierte sie den Nachtisch, doch der weißhaarige Chorleiter verspürte keinen Hunger mehr. Er küsste seine Frau beiläufig auf die Wange, verabschiedete sich höflich und glitt mit seinem nuklear betriebenen Schwebefahrzeug durch die festlich geschmückten Felsröhren. Es war Weihnachten!
Sie hätten ein ruhiges Leben führen können, seine Frau und er, dachte der weißhaarige Chorleiter, während er die Kontrollinstrumente der Steuerungsautomatik beobachtete. Sie hätten jedes Wochenende etwas gemeinsam unternehmen können, Sie hätten sich einer der zahlreichen Reisegruppen anschließen können, die allmonatliche Expeditionen in Richtung des Erdinneren durchführten. Seiner Frau hätte das gefallen, das wusste er. Sie wäre damit zufrieden gewesen, wenn sie nur immer alles gemeinsam gemacht hätten. Doch dieses Leben war nichts für ihn. Trotz aller Vorwürfe die ihm seine Frau machte, wenn er sie nach dem Abendessen verließ, um spät in der Nacht, wenn sie schon lange schlief, wieder zu ihr zurück zu kommen und er sich dann fragte, ob noch ein Körnchen Liebe übrig geblieben sei, widmete er sich seiner vermeintlichen Lebensaufgabe, der Musik. Als der weißhaarige Chorleiter den Probenraum betrat, waren seine schwermütigen Gedanken verflogen. Er schaltete das Licht an. Die Chormitglieder waren bereits alle anwesend. Wo hätten sie auch sonst sein sollen? Sie standen jedes Mal, wenn er den Probenraum betrat, stolz und reglos vor ihm und warteten auf die von ihm mitgebrachten Lieder. Er ging zu seiner schönen Sopranistin, mit der ihn mehr verband, als nur das Singen, nahm ihre Hand und strich einige male über ihre kalten Finger. Er hatte mittlerweile keine Hemmungen mehr einen Robot anzufassen. Vor langer Zeit hatte er ein sehr altes Foto in die Hände bekommen (Mai 2011 stand auf der Rückseite), das einen Chor zeigte, den er bereits fast komplett nachgebaut hatte. Jahr für Jahr war ein weiteres Exemplar für seinen Chor dazugekommen. Mittlerweile hatte er zwölf Robots (three men and nine women) im Probenraum stehen - allesamt Asse des Gesangs. Wie in all den vergangenen Jahrhunderten üblich, herrschte auch im Chor des weißhaarigen Chorleiters ein eklatanter Frauenüberschuss. Anfangs hatte er den Chor möglichst so nachbauen wollen, wie er auf dem Foto abgebildet war, und auch den Altersdurchschnitt mustergültiger Chöre der Vergangenheit, den er sich im Rechenzentrum von einem Bekannten hatte ermitteln lassen, und der bei 53 ½ Jahren lag, hatte er peinlich genau einhalten wollen. Je länger er jedoch das Foto betrachtet hatte und er sich vor den Frauen, die darauf zu sehen waren und die dicke Bäuche und große Köpfe hatten, geekelt hatte, war es ihm leicht gefallen, sich von seiner Anfangsidee zu distanzieren und die Frauen in seinem eigenen Chor, auf Kosten der männlichen Chormitglieder, allesamt jünger erscheinen zu lassen. Die Männer sahen nun also alle alt aus, und hatten die Hände in den Hosentaschen, bis auf einen, mit Krücke. Die Frauen hatten dünne Kleider an und der weißhaarige Chorleiter legte ihnen an jedem Probenabend frisches Make-Up auf. Das gefiel ihm. Besondere Mühe gab er sich mit seiner schönen blondhaarigen Sopranistin, die er zu lieben glaubte, und die auch mit ihm reden konnte. Einmal hatte sie sich sogar halb entkleidet und ihn gefragt: "Willst du sie berühren?". Der weißhaarige Chorleiter hatte sich schon hinübergebeugt und einen der hauchdünnen BH-Träger über ihre Schulter gestreift, als er sich doch eines Besseren besonnen und ihr eine umfangreiche Tonleiterübung aufgetragen hatte. Sein Sohn hatte am nächsten Tag, mit einem Lächeln auf den Lippen, zugegeben, dass ihm wohl ein Programmierfehler unterlaufen sei. Es war eine Illusion, zu denken, dass man mit einem Robot reden könne.
Einige Stunden arbeitete der weißhaarige Chorleiter im Probenraum, bis er alle Robots für den weihnachtlichen Auftritt vorbereitet hatte. Das Programmieren der Weihnachtslieder lief wie üblich ohne weitere Schwierigkeiten ab. Für das Schmieren der beweglichen Teile verwendete er nur allerbestes Maschinenöl. Bei dem ein oder anderen Chormitglied musste im Mundbereich die Bewegungsmechanik neu einjustiert werden. Nach dem Laden der Akkus glaubte er schon fertig zu sein, da bemerkte er, dass an der Backe der Sopranistin die Haut eingerissen war. Es war nicht mehr möglich, diese mit dem mitgelieferten Reparaturset auszubessern und er zog die komplette Gesichtshaut der Sopranistin ab, so dass ihr Gesicht aus blauem Metall zum Vorschein kam. Sanft zog er ein neues Hautstück auf, modellierte mit geschickten Händen, solange, bis die Sopranistin wieder so schön aussah wie immer. Mit seiner Gefolgschaft von zwölf Robots (three men and nine women) verließ der weißhaarige Chorleiter den Probenraum. Gemeinsam gingen sie durch die sternklare Nacht der Unterwelt. Er blickte zum Mond hinauf - ein unförmiges Ei - und der glaubte zu sehen, wie sich dieser bewegt. Nachdem sie am Aufzug angekommen waren blickte er nochmals hoch peilte abermals den Mond an und er wähnte ihn an derselben Stelle. Was für Dilettanten diese Raumausstatter doch waren! Auf einem Schild neben der Aufzugstür stand, warum auch immer: "For Men Only!". Dies nahmen einige der weiblichen Robots zum Anlass, stehen zu bleiben und es bedurfte einigen Kraftaufwand, sie in die Aufzugskabine schieben. Eine laute Klingel signalisierte die Abfahrt. Oben, dort, wo die Menschen sich früher zur Weihnachtsandacht versammelt hatten, war nur noch verstaubtes Terrain. Doch es war schön, zumindest einmal im Jahr, für kurze Zeit, an die Erdoberfläche zurückzukehren. Eifrig sang der weißhaarige Chorleiter mit den mustergültig programmierten Robots Weihnachtslieder aus vergangenen Tagen: White Christmas Let It Snow Ring Those Chrismas Bells In The Bleak Midwinter The Little Drummer Boy The First Noel Silent Night Der weißhaarige Chorleiter hatte den Eindruck, dass die Stimmen der Robots an diesem Abend erstaunlich menschlich klangen und er spürte, dass sie einen Chorleiter der alten Schule, wie er einer war, brauchten. Er wusste in diesem Moment, dass er die Leitung des Chors nicht abgeben würde, und dass er jenen Bausatz für einen weißhaarigen Chorleiter, welchen ihm seine Frau letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, und der bereits unten im Probenraum auf dem Tisch, neben den Tauschköpfen für die Robots lag, umarbeiten würde. Er würde daraus einen Bariton zusammenbauen, denn, wie in all den vergangenen Jahrhunderten üblich, fehlte es auch in seinem Chor an männlichen Stimmen.23.12.11