Neuerdings hört man öfter, dass es in gehobenen Kreisen etwas gilt, vorzugsweise, erstgeborene Söhne zum Countertenor ausbilden zu lassen. Es ist dies ein, wie die Mütter jener Söhne sagen, längst überfälliger Schritt; denn nachdem heutzutage Familien, egal welchen Standes, die auch nur einen einzigen Cent übrig haben, ihren Kindern jede erdenkliche Frühförderung zukommen lassen, ist es schwierig geworden, etwas zu gelten - wenn man nicht gerade das Glück hat, einen Adelstitel vorweisen zu können. Wenigstens ein Spross der Familie sollte also im Stande sein, Herausragendes zu leisten. Es reicht für den Nachwuchs aber bei weitem nicht mehr aus, sich lediglich instrumentalvirtuos hervorzutun, oder sich im sportlichen Bereich zu profilieren. Diese Zeiten sind unwiederbringlich zu Ende. Nein, es muss schon etwas überaus Glanzvolles sein, abseits jeglicher Normalität, etwas Berührendes, abseits dessen, was man täglich von profilierungssüchtigen Amateuren zu sehen und zu hören bekommt - Herausragendes eben.
So kam es, dass auch Philippe Leconte, der einzige Sohn einer in Collioure ansässigen Familie, die bereits Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Vermögen mit der Herstellung und dem Verkauf einer besonders schmackhaften Anchovis-Paste gemacht hatte, zum Countertenor ausgebildet wurde. Philippe hatte es demnach einer kleinen europäischen Sardelle, sowie der Tatsache, dass weltberühmte Maler, wie Henri Matisse, Marc Chagall und Raoul Dufy, die oft in Collioure arbeiteten (weil sie das besondere Licht hier so schätzten) die Kunde von der überaus delikaten Anchovis-Paste der Familie Leconte in die Welt hinaus trugen, zu verdanken, dass es ihm ermöglicht werden konnte, Herausragendes zu leisten. Darüber hinaus hatte er es auch seiner Mutter zu verdanken, die mit einem Kapellmeister aus dem nahen Perpignan ein, von ihr lange Zeit geheim gehaltenes, außereheliches Liebesverhältnis pflegte. Der Kapellmeister nahm den Knaben, für ein ansehnliches monatliches Honorar, mit in seine Kathedrale und schulte ihn in einer speziellen Kopfstimm-technik, die Philippe darin befähigte, bereits im Alter von zwölf Jahren, jene Damen, die in den Kirchenbänken saßen, mit seiner engelsgleich zarten Stimme zu verzückten und ihnen sogar, wenn er "Musik for a While" intonierte, leise Seufzer zu entlocken vermochte. Philippes Ausbildung war hart, und er durfte auch während der Wochenenden meist nicht nach Hause zur Mutter; doch musste er nicht mehr den überaus beschwerlichen und schmerzhaften Weg der Kastration auf sich nehmen, so wie ihn noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die minderjährigen Knaben auf sich nehmen mussten, wenn sie gewillt waren, etwas Herausragendes zu leisten. Man redet nicht mehr vom Kastratensänger, obwohl den Müttern von heute Namen wie Porporino, Caffarelli, Giovanni Carestini und (natürlich) il ragazzo Farinelli, immer noch angenehm im Ohr klingen.
Philippe Leconte, der mittlerweile etwas galt, in der Welt, war am späten Nachmittag in der fremden Stadt angekommen. Es war nicht besonders kalt gewesen. Seit einigen Jahren gibt es schon keine Winter mehr. Es dämmerte bereits. Man hatte vereinbart, dass er ein Quartier für die Nacht suchen werde, so wie er sich dies zur Gewohnheit gemacht hatte, wenn er während einer Konzertreise, mit seinem, aus neun ukrainischen Mädchen bestehenden Barock-Ensemble, irgendwo, in einer fremden Stadt, aufgetreten war. Die ukrainischen Mädchen waren zwar alle Perfektionistinnen auf ihren Instrumenten, ob Violine, Cello oder Cembalo, doch zum Zweck der Quartierssuche waren sie genauso wenig zu gebrauchen, wie der junge gut aussehende weißrussische Dirigent, der mit ihnen reiste. Philippe ließ sich in einem Taxi ziellos durch die Stadt chauffieren. Seine grün-grauen Augen suchten angestrengt die beleuchteten Hausfassaden ab. "Hier!", rief er etwas zu laut, mit seiner hohen Fistelstimme, dem hinterm Steuer sitzenden Südländer zu. Philippe bemerkte sehr wohl, wie dem Taxifahrer die Tränen kamen, als er versuchte sich das Lachen zu verkneifen. Philippe war solche Reaktionen mittlerweile gewohnt. "Das Los des Countertenors!", wusste er sich stets zu beruhigen.
Erst gestern, beispielsweise, hatte er einen Auftritt in einer vorweihnachtlichen TV-Benefiz-Show: "Musik for a While". Der Moderator, ein bulliger Mann gesetzten Alters, mit sehr lustigen Augen und Vollbart (ein "Ivan-Rebrov-Typ") stellte Philippe, nach dessen Darbietung, ein, zwei Fragen. Bei jeder Antwort die der Countertenor mit seiner hohen Fistelstimme formulierte, fing der Moderator an zu weinen. Er sei kein Kastrat. Er sei Countertenor. Er habe sich lediglich eine Technik zueigen gemacht und mit dem Kapellmeister sehr hart daran gearbeitet, mehr nicht, erklärte Philipp dem Moderator, worauf dieser nur noch ungehemmter losheulte. Die Kamera fing das verheulte Gesicht in Großaufnahme ein und man konnte erkennen, dass die Augen des Moderators lachten, obwohl aus ihnen unvermindert die Tränen weiter flossen. Später in der Lobby entschuldigte sich der Moderator damit, dass er dafür bekannt sei, ohne besonderen Grund weinen zu können. Eben darum werde er bei vorweihnachtlichen Benefiz-Veranstaltungen gerne eingesetzt, weil die Tränen des Moderators die Spendenfreudigkeit des Publikums erhöhen. Sein Verhalten hätte also mit der hohen Fistelstimme des Countertenors nicht das Geringste zu tun. Es gäbe Bildaufzeichnungen von Sendungen, die im Archiv lagern, auf denen könne man sehen, wie ihm die Tränen sturzbachartig über die vollen Backen in seinen Vollbart rinnen und während er sprach konnte man sehen, dass er schon wieder leicht zu weinen begann.
"Hotel KNX-Standard" war in Leuchtschrift an einer der Hausfassaden zu lesen. Philippe zückte sein Mobiltelefon, wählte eine Nummer. Es meldete sich Kathinka, die das Cembalo spielte, wie keine zweite. Er gab die Adresse des Hotels durch, steckte das Mobiltelefon in die Jackentasche und zahlte den Taxifahrer aus, der mit schallendem Gelächter davonfuhr. Zwischen den sich auf der Fahrbahn stauenden Autos hindurch überquerte er die Straße. Er stand vor einem imposanten Stadthaus, ein Eckbau aus der Zeit der Jahrhundertwende. Er hastete die herrschaftlichen acht Stufen der Eingangstreppe hinauf. Die schwere Massivholztür, ließ sich nur mühsam öffnen. Im Hochparterre ging er durch eine doppelflügelige Glastüre hindurch, in einen sehr langen breiten Korridor. Die einzige Möblierung bestand aus einem kunstvoll aus Nussbaumholz gefertigten, mit kadmiumrotem Linoleum belegten, langen Holztresen. Darauf stand, ganz am hinteren Ende, eine Tischklingel aus poliertem Edelstahl. An der Wand hinter dem Tresen hing ein Schlüsselbrett, ebenfalls kunstvoll aus Nussbaumholz gefertigt. Dreiundzwanzig Messingschlüssel, mit Schlüsselnummern eins bis dreiundzwanzig, hingen,, an kleinen Metallhaken, daran. Erst jetzt bemerkte der Countertenor den Brief der auf dem Tresen lag. Der Brief hing an einer Ecke über den Rand des Tresens hinaus, so dass er hinunter zu fallen drohte. Er schob den Brief zurück auf den Tresen. Zuhause hatte Philippe nie Lust, seine Post durchzusehen, doch jetzt konnte er nicht umhin die Zeilen zu lesen, die mit ebenmäßiger Handschrift darauf geschrieben waren:Liebster Hotelier Puertolas,
die Nacht im Zimmer am Meer werde ich niemals vergessen können. Nach meiner Rückkehr sah ich nur noch schwankende Städte. Ich will mich nirgends mehr hinwagen, aus Angst den Halt zu verlieren. Ich gebe Ihnen bis morgen Früh die Möglichkeit, mich zu kontaktieren. Die Entscheidung über mein Leben lege ich somit in Ihre Hände.
Isolde H.Philippe dachte sofort an die schöne Isolde, die mit ihm im Sommer eine Nacht im Zimmer am Meer verbracht hatte, und die er, im Türrahmen stehend, beobachtet hatte, wie sie ihrer Leidenschaft nachkam, sich den Rücken zu kratzen. Sie hatte sich auf einem, mit rotem Samt bezogenen Hocker zurechtgesetzt und ihren nackten Rücken zum Raum hin gedreht. Vor der hellen Fensterfront zeichnete sich deutlich ihre Silhouette ab. Jedes Mal, wenn sie den Arm hob, und sie den kunstvoll aus Nussbaumholz gefertigten langen Rückenkratzer über ihre rechte Schulter hinweg, beginnend am Schulterblatt, hinab bis zum Gesäßansatz, langsam auf und ab bewegte, stellte er sich dabei vor, wie sich ihre von seiner Position aus nicht sichtbaren Brüste dabei ebenso langsam auf und ab bewegen mussten. Isolde benutzte ihren Rückenkratzer gerne und exzessiv. Sie machte daraus ein Ritual. Im Zimmer am Meer hatte sie ihn gebeten, für sie "Musik for a While" zu singen, während sie sich unentwegt den Rücken kratzte. Beim letzten Ton, der über seine Lippen kam, öffnete er die Augen. Sie hatte das Zimmer ohne ein Wort verlassen. War es jene Isolde gewesen, die diesen Brief verfasst hatte? Philippe starrte auf den Brief von Isolde H., der vor ihm auf dem Tresen lag. Während er darüber nachdachte, ein anderer zu werden, vernahm er Geräusche, die über den sehr langen breiten Korridor an sein Ohr drangen. Er löste sich von Isolde H´s Brief und ging den Geräuschen nach. Der Korridor mündete auf einer Galerie. Linker Hand stand ein mit kadmiumrotem Linoleum belegter Verkaufstresen. Darauf lag eine Packung Truffets, daneben ein Brief mit der Aufschrift: "Für Isolde H.". An der Wand hinter dem Tresen hing, fein säuberlich aufgereiht, ein Sortiment kunstvoll aus Nussbaumholz gefertigter Rückenkratzer. Rechterhand öffnete sich, hinter dem einfachen Relinggeländer der Galerie, ein zweigeschossiger großer Raum. Philippe ging die lange Treppe hinunter, auf einen Mann zu, der an einer großen Bandsäge längliche geschwungene Formen aussägte. In einiger Entfernung blieb Philippe vor der Maschine stehen. Er wusste, dass er warten musste, bis der Mann seine Maschinenarbeit beendet hatte, bevor er ihn ansprechen konnte. Der Mann blickte kurz auf, nickte Philippe freundlich zu und stellte die Bandsäge ab. Er kam auf den Countertenor zu, gerade so als würde er nach langer Zeit einem guten Bekannten begegnen, streckte den rechten Arm aus und schüttelte die ihm zaghaft entgegen gebrachte Hand "Sie brauchen einen Rückenkratzer?", fragte er, immer noch heftig die Hand des Countertenors schüttelnd. "Eigentlich Nein! Ich suche den Hotelier Puertolas. Ich brauche ein Quartier für die Nacht", entgegnete Philippe und entzog dem Schreiner seine Hand. "Ich bin der Hotelier Puertolas, doch jede freie Minute verbringe ich hier unten, bei meinen Hölzern" antwortete der Mann. "Sie fertigen Rückenkratzer?", fragte Philippe. Der Hotelier nahm einen der Rohlinge vom Arbeitstisch und führte diesen über seine rechte Schulter hinweg, beginnend am Schulterblatt hinab bis zum Gesäßansatz langsam auf und ab: "Ja, sie sind sehr praktisch." "Ich weiß!", antwortete Philippe. "Gehen wir nach oben, ich gebe ihnen die Schlüssel.", schlug der Hotelier vor. Er klopfte sich den Sägestaub aus der Hose und stieg die Galerietreppe hinauf. Philippe folgte ihm. Oben im Korridor stellte sich Puertolas - nun wieder jener Hotelier, der er eigentlich nicht sein wollte - hinter den Empfangstresen. Er nahm einen Schlüssel und reichte ihn dem Countertenor. "Nehmen sie ruhig fürs Erste das Erkerzimmer", forderte der Hotelier ihn auf, "und für ihre Damen und den Dirigenten gibt es Zimmer mit Aussicht in den Garten." "Wenn sich das machen lässt", erwiderte der Philippe verwirrt, denn mit keinem Wort hatte er erwähnt, dass er sich zusammen mit einem kompletten Barock-Ensemble, also mit neun ukrainischen Mädchen und einem weißrussischen Dirigenten hier einzuquartieren gedenke. "Sie kennen Isolde?", fragte er vorsichtig. "Isolde H. Oh, mein Gott! Ich muss wieder in die Werkstatt. Wenn sie morgen abreist, möchte sie sicher ihr neues Rückenkratzer-Set mitnehmen können. Nehmen Sie sich ihre Schlüssel!" Mit diesen Worten machte sich der Hotelier Puertolas eiligen Schrittes auf den Weg in die Werkstatt. "Wissen sie übrigens, dass sie ihr Haar jetzt lang trägt?", ergänzte er noch. "Ist Isolde hier? Ist sie hier?", rief Philippe ihm hinterher. Ganz vom Ende des Korridors schallte die Stimme des Hoteliers: " und vergessen sie ihre Truffes nicht ". Die doppelflügelige Glastür wurde geöffnet. Neun ukrainische Mädchen und ein Weißrusse betraten den Korridor. Kathinka stellte ihre Reisetasche auf dem Tresen ab und öffnete sie. Es roch angenehm nach Lebkuchen. Philippe Leconte zögerte einen Moment lang, bevor er, trotz einer gewissen inneren Unruhe, zu singen begann.
Im Erkerzimmer des Hotels "KNX-Standard" hatte sich eine Frau mit langem Haar auf einem mit rotem Samt bezogenen Hocker zurechtgesetzt. Sie kratzte sich mit einem kunstvoll aus Nussbaumholz gefertigten langen Rückenkratzer den Rücken, während sie einer engelsgleich zarten Stimme lauschte, die vom Korridor aus ihr Lieblingslied in ihr Zimmer trug: "Musik for a While".20.12.10

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Music
for a While
von Günter Schweigard