Dennoch stand er am Meer. Der glatte Raum lag vor ihm. Ihm war als sähe er in endloser Wiederholung das Blut aus ihrem Kopf rinnen. Dann doch New York, dachte er und lächelte desillusioniert vor sich hin. Geradezu panisch war er hierher geeilt, wenn man eine Flucht über tausende Kilometer so beschreiben kann. Vielleicht aber auch nur, weil es naheliegend war. Die Wände hatten gewankt, die Zimmerdecke sich unnatürlich gewölbt. Abbrechen, nur noch Ausbrechen! In New York wollte er vergessen, seinen Schmerz; ihren Anblick noch lange nicht. Seinen uralten Traum, dem er sich anheischig gemacht hatte, hatte er in seiner Ausweglosigkeit aufgegriffen und wohl endgültig abgenutzt, verbrannt. Eine Aschewolke legte sich über die Bilder.
Er hatte seit langem keine Angst mehr vor dem Fliegen, und obgleich der Vulkan eine unerwartete Gefahr evozierte, und nahezu alle potentiellen Flugpassagiere Europas davon erfasst wurden, machte ihm das am wenigsten zu schaffen. Der Mann am Schalter winkte ihn zu sich. Ob er etwas genommen hätte, er solle einmal in diesen Apparat pusten. Er sah immer wieder die Bilder von dem Magma speienden Krater. Man müsse abwarten, ob es möglich sein wird zu starten. Im Augenblick sei die Situation unsicher. Wann nicht, dachte er. Sie tun noch immer so, als gäbe es Situationen, die sicher seien. Sie werden nicht müde vorzugeben, sie hätten die Lage im Griff. Alle starrten ihn an, während er auf der Bank Platz genommen hatte und in diesen dummen Apparat pustete. Nie fest genug, bis er schließlich keine Lust mehr hatte und den Sicherheitsbeamten beschimpfte. Dieser Flug würde sowieso annulliert, er hätte nun Zeit, wie alle hier. Zum Glück haben sie jetzt überall diese Bildschirme, man kann fernsehen, wo immer man ist. Man hat auch nie das Gefühl man würde nicht mehr mitkommen, weil man zu spät eingeschaltet hat. Man kann augenblicklich folgen, ist immer sofort mitten im Geschehen, ohne beschreiben zu können, worin dieses genau bestand. Man war sofort mit dabei. Wie machen die das? Diese Bildschirme nahmen einen zu jeder Zeit dankbar auf im virtuellen Zuhause. Alle sprachen von dem Vulkan und der Aschewolke, die unseren Planeten in den Würgegriff zu nehmen drohte. Eigentlich sah man gar nichts, wenn sie Aufnahmen aus großer Höhe sendeten. Nur in Nahaufnahme erkannte man, wie sich dicker, silbrig-schwarzer Qualm aus einem imaginären Erdloch quetschte. Ganz Europa war gebannt und starrte pausenlos auf dieses nahezu unbewegliche Naturschauspiel. Die Menschen besaßen ohnehin kaum noch einen Rest Phantasie. Sie glaubten nur noch, was sie sahen. Also mussten sie glotzen, sprach Zarathustra. Er dachte an New York, während er auf seine Entlassung wartete. Die himmelstrebenden Mauern, die klaustrophobischen Schluchten, die irrlichternden Spiegel, das ist, was er jetzt brauchte, um zu vergessen, sich zu verlieren, auch in der Masse, die ihn jetzt anglotzte, der Anonymität. Es machte ihm nichts mehr aus.
Das Meer klappte schwarz und zähflüssig auf den flachen Strand. Entgegen allen Erwartungen hatte ihn doch das Verlangen nach der See überwältigt. Weihnachten hatte er sich anders vorgestellt. Das Meer zu riechen, zu berühren, das schien ihm noch als letztes etwas wert zu sein. Seit vielen Tagen hatte er mit niemanden mehr gesprochen, war nur auf der Flucht in die Undurchdringlichkeit der Metropole, um letztendlich hier zu stehen. Die ein oder andere Stewardesse hätte er gerne angesprochen, doch ohne Grund war ihm nicht nach Sprechen. Das hätte er früher beheben können, jetzt war es zu spät. Er musste sich langsam seinen Schwächen beugen, sich an sich selbst anpassen. Seine Gewohnheiten respektieren. Irgendwann ist der Punkt gekommen, da ist man unweigerlich bei sich angekommen. Dann ist einem die Kraft ausgegangen über sich hinaus zu streben; ausgezehrt, nicht schlagartig, sie verebbt mit den Jahren. Sich selbst zu bekämpfen ist ermüdend, wenn auch belebend. Er verachtete alle, die es nicht wenigstens versucht haben. Das Kämpfen war ihm in die Wiege gelegt, davon war er überzeugt. Seine Wiege stand im Grünen, in viel zu hellem Licht, der Himmel wolkenlos, blendend blau. Er roch noch heute das Gras, das ihm als Bub die Haut verbrannte, wenn er darüber schmirgelte, aus vollem Lauf sich hinwerfend, den Tod übend; das Sterben zumindest. Nie war es ihm gelungen sich das wirklich vorzustellen. Dabei starb er zu jener Zeit jeden Tag unzählige Male. Dazu stürzte er von Bäumen, Zäunen und Mauern, und eben aus vollem Lauf ins Gras. Warum nur kämpfen den ganzen Tag, fragte sich seine Mutter. Lass ihn, er ist eben ein Junge, entgegnete der Großvater. Der war noch im richtigen Krieg dabei gewesen und in Gefangenschaft bei den Russen. Dort hatte er mit eigenen Augen mit angesehen, wie sie Gefangenen ausgehungerte Ratten unter einen Stahlhelm, auf die nackte Brust banden. Das hatte ihm als Jungen imponiert, auch wenn er Krieg nur aus den Wild-West-Filmen kannte. Die Russen, oder der Russ, wie die Großmutter zu sagen pflegte, war der Böse. Es gab eben das Böse und das Gute auf der Welt, das war ihm schnell eingeleuchtet und deshalb war er wohl verpflichtet zu kämpfen. Im Fernsehen waren die Weißen die Bösen und die Roten waren die Guten. Er selbst war stets ein Indianer. Schon damals wollte er nicht sein, was er war, ein Weißer, ein Junge. Ein Indianer, ein Held, ein Don Quichotte war er! Es dürfte nie geschehen, dass man all seine Taten überblickt, dass einem der Schein von den Augen gezogen wird. Nein, nicht passiv, nein, man tut es selbst! Man arbeitet an nichts anderem, als sich selbst zu enttäuschen, weil man getäuscht wird von Anfang an und gerne getäuscht ist, doch nicht glauben will, dass es gut so ist und man idiotischerweise immer nach der Wahrheit ruft. Dann muss man eben los und Abenteuer bestehen, doch man sollte nie zurückkehren. Glücklich die, die im Kampfe sterben. Das schlimmste am Kampf ist einzusehen, dass er vorüber ist, und sogleich erkennen zu müssen, dass er sinnlos war. Das ist die untragbare, wie unvermeidbare Last eines jeden Veteranen. Man will es nicht hören, man will nicht darüber nachdenken, weil das Erkennen einen vernichtet. Der Widerstand kann einem schöne Jahre bescheren, man wächst und nährt sich am Gegner. Man weiß im Kampf genau wofür man bereit wäre zu sterben. Die Leidenschaft und die Idee lassen einen kaum ruhen, sie treiben einen jeden Morgen aus dem Lager, aber auch weg von Zuhause. Er sah die Blutlache größer werden, aber er sah den Kopf dazu nicht mehr. Die Bilder schwiegen nicht länger, sie waren mit einer Tonspur versehen. Man ist wahrlich glücklich in diesem Zustand, weil er idiotisch ist. Wenn er an Zeiten zurück dachte, in denen er sich glücklich wähnte, sah er sich immer als Idiot.
Dahinter muss sich eine Gesetzmäßigkeit verbergen, sagte er ihr, in vollem Ernst, doch sie schien viel lieber mit ihm flirten zu wollen. Er wollte es nicht glauben. Gestern noch plagten ihn die Vorstellungen von dem minderjährigen Mädchen, in seinem Studio, das keinen Slip unter ihrem Sommerkleidchen trug. Wenn sie sich bückte sah er ihren nackten Po. Und sie tat es absichtlich. Mit dem offenen Blick einer Fünfundvierzigjährigen, die mit ihm freizügig über ihrer beider Midlife-Crisis sprach, hatte er beim besten Willen nicht gerechnet. Sie drehte an ihrer Tasse und bot ihm ihr Dekolletee. Mit jedem Augensaufschlag unterstrich sie ihre Absichten, wenn er es richtig deutete. Ihm war nach Reden, egal worüber. Er erzählte ihr von seinem ewigen Reiseziel New York, das ihn hier auflaufen hatte lassen, und das ihm helfen sollte seine unerträglich gewordene Unentschiedenheit zu überwinden. Mittlerweile sei er sich aber auch dessen nicht mehr sicher. Ob nicht vielleicht, der verqualmte Luftraum ein Zeichen sei, doch zu bleiben. Sie fragte ihn, ob er von Natur aus abergläubisch sei, oder ob er einfach nur unentschlossen durchs Leben gehe und begann dann nahtlos und vollkommen offen von ihrer spröde gewordenen Ehe und ihrem wenige Jahre älteren Mann zu sprechen. Sei es nicht üblich in dem Alter alles in Frage zu stellen? Woher wusste sie? Diese Frau durchschaute ihn. Endlich, danach hatte er sich gesehnt. Eine Frau, die ihn durchschaute! Wie sehr er es genoss. Langsam begann er in flüssigen Sätzen zu antworten. Dem einen oder anderen Satz konnte er mit einer gelungenen Geste richtig Wirkung verschaffen. Er verblüffte sich selbst, als es ihm gelang, sie dazu zu bringen laut aufzulachen. Als hätte er ihr einen Orgasmus verschafft, dachte er. Seine Verschwiegenheit war wie weggeblasen. Ein Ventil schien gesprengt. Es lief und er ließ es zu, keinesfalls wollte er dies Gespräch stoppen. Er fragte sie, ob sie darüber auch mit ihrem Mann sprechen würde. Sie bejahte ungeniert und widerrief sogleich mit einem hochgezogenen Mundwinkel. Das funktioniere aber nicht, schob sie hinterher. Er hätte jetzt am liebsten unter dem Tisch ihre Schenkel berührt, stattdessen fragte er sie, ob er ihr noch etwas von der Bar mitbringen dürfe. Verhaltensmuster sind schwer zu knacken, vor allem mit Fünfundvierzig. Wir beginnen unser zweites Leben und sind doch schultertief im ersten verwurzelt. Aus dem Lautsprecher versuchte sich eine übermotivierte Sprecherin der Fluggesellschaft in Erklärungen über die Flugannullierungen. Der Mann hinter ihm bedrängte ihn und er wäre beinahe handgreiflich geworden, bei dem Versuch sich ihn vom Leib zu halten. Die Disziplinierung des Körpers droht aufzubrechen, dachte er. Das Verharren in einer Haltung ist schmerzhaft. Unbeweglichkeit kann unbeschreiblich schmerzhaft sein, wie wir spätestens wissen, seit es die betuliche Stadt Guantánamo am anderen Ende der Welt zu unrühmlicher Bekanntheit gebracht hatte. Alles ist auf Stillhalten ausgerichtet, doch es schmerzt zusehends. Es gibt keine andere Möglichkeit einen solchen Ameisenhaufen zu koordinieren. Unterdrückung und Disziplinierung, zwei Seiten einer Münze. Man hat nur die Wahl sich selbst, oder sich von anderen unterdrücken zu lassen. Wie er diese Räume hasste. Weil es so unglaublich gut funktioniert, weil unser Verstand es ermöglicht so unnatürlich masochistisch strukturiert zu existieren, werden wir keinen anderen Weg mehr einschlagen können. Er musste stehen bleiben, wenn er einen weiteren Kaffee wollte, hielt aber Sichtkontakt mit ihr, obgleich er die Unterbrechung selbst arrangiert hatte. Idiot, dachte er. Er stolperte über einen kleinen Jungen, der auf einem Koffer schlief. Dadurch wurde er gezwungen die weiße, gelochte, weltweit verbreitete Normkassettendecke der Espressobar in Augenschein zu nehmen. Jetzt schmeckte alles nur noch schal. Die Bar wurde zum Pissoir und er verabschiedete sich aus der Schlange. Überlegte kurz, was sich äußerlich in einem momentanen Ausharren andeutete und verließ überstürzt den überfüllten Raum, die Toiletten aufzusuchen. Auch dort eine Schlange, die ihn nicht so einfach einlassen wollte. Einmal gewählt macht die Evolution keine Ausnahmen mehr. Die Alternative ist der Tod. Er wollte zurück zu Bernadette, seiner Reisebekanntschaft, aber auch das schien ihm nun untersagt. Man stellte sich gegen ihn, obgleich er den anderen doch nur den Vortritt gewähren würde, wenn sie ihn hinaus ließen. Wir ringen um Atem und sind uns gewiss es noch für Jahrzehnte tun zu müssen. Wir leben wie eingeschweißt und doch liegt das Meer in seiner unerschöpflichen Weite vor uns. Jammerschade, dass wir keine Scherenhände bei uns führen, den Schlauch aufzuschlitzen, wenn es soweit ist. Dabei sitzen manche einfach da, ein Leben lang und starren hinaus aufs Meer, ohne den Eindruck zu erwecken, als würden sie es wirklich wahrnehmen. Sie sitzen unbeweglich, wie man für gewöhnlich Greise sitzen sieht, mit der offenen Frage in den tauben Gesichtern: was sehen sie? Man möchte ihnen die Augen ausstechen. Nichts ist den Menschen mehr heilig. Sie klammern und sind froh, wenn man sie kleben lässt.
Irgendwann stand Bernadette plötzlich neben ihm in der Menschenherde, der wie in einem Bullenpferch dampfte und vor Ungeduld zu vibrieren schien. Sie winkte mit einem Schlüssel mit einem Schild daran. Der Himmel war wirklich ein wenig dunkler als normal zu dieser Tageszeit, das Licht indifferent und vollkommen ungeeignet für eine Fotosession, als sich sein Samen ruckartig in ihr ergoss und er dabei ganz bewusst das Pulsieren verfolgte. Sie wankte und schwitzte stark, alles war intensiver, plastischer als die Realität es eigentlich zuließ. Er hatte gewiss nichts genommen. Die Linsen stellten sich scharf, die Blende zuckte zurück, und ihm war, als hörte er seinen mechanischen Abzug rattern. Klack-Klack-Klack. Lautlos fiel ihr Kopf nach hinten. Die Vorhänge verschwammen zu grauen Schlieren. Es war ein Glück, dass ihr Schweiß für ihn äußerst angenehm roch. Ihre Brüste waren noch immer wohl geformt und sehr ansehnlich. Er knete sie kräftig, bis sie abrupt, ohne seinen Schwanz frei zu geben, mit ihrem Oberkörper auf ihn nieder sank. Er liebte dieses weiche Fleisch. Er war hell wach. Die Unsicherheit in dem, was er eben tat bescherte ihm einen belebend anregenden Adrenalineinschuss. Sie würden noch lange Zeit haben bis der Vulkan den Luftraum nicht mehr für sich beanspruchte. Fragen wurden keine beantwortet, allerdings auch keine mehr gestellt.
Die Meldungen im Fernsehen über die Aschwolke des Vulkans auf Island, dessen Namen niemand korrekt, zumindest niemand zweimal gleich aussprach, und der in seiner Unschuld Verursacher eines kontinentalen Zwangsstillstandes wurde, verwob sich zu einem Endloskommentar, der aus jedem Lautsprecher quoll, jedoch mittlerweile jeder Information, das heißt jedes Neuigkeitswertes, entbehrte. Man saß eben fest, wenn man beabsichtigte von oder nach Europa zu reisen, weltweit, wo immer man sich befand. Was ist so ungewöhnlich daran fest zu sitzen? Ein Fakt und ein seltsames Phänomen, so ganz ohne Instanz eben, an die man hätte seine Beschwerde führen können. Was nahm sich dieser Erdpickel nur heraus? Mit welcher Unverschämtheit blockierte dieses Loch unseren gesamten Luftverkehr? Mehr noch, der Vulkan torpedierte unser gesamtes zivilisiertes Zusammenleben. Außer man saß entspannt auf dem Rand eines Hotelbettes. Dann war es lustig anzusehen, wie Menschen tausende von Euros ausgaben, um per Taxi durch den halben Kontinent zu fahren, Schnittblumen im Vorderen Orient ungesehen verwelkten, Rindersteaks in den Restaurants knapp wurden und die Reiseveranstalter Schadensersatzdrohungen gen Himmel schickten. Prominente aller Kategorien wurden zu Irrfahrten mit Schiffen und Bahnen verdonnert. Automobilkonvois mit Staatsoberhäuptern bahnten sich mittels Polizeikordon den Weg über die Alpen. Erstaunlich was einem so alles auf Erden erspart bleibt, weil es sich üblicherweise über den Wolken abspielt. Ein bisschen Ruß, ausgestoßen von einem seit Urzeiten schnaubenden Felstrichter, vermochte der Krönung der Schöpfung die Suppe zu versalzten. Er war neugierig darauf, was sich seine Spezies einfallen lassen würde, um in Zukunft nicht noch einmal von solchen Unzulänglichkeiten aus dem Konzept gebracht zu werden. Seitdem er die Masse von Verprellten hinter sich gelassen hatte und Bernadette bei sich wusste, begann er die Welt locker zu sehen. Er lag entspannt auf einem komfortablen Doppelbett, fühlte sich ausgeglichen wie seit langem nicht mehr und kommentierte sarkastisch das Weltgeschehen. Bernadette verstand es mit gebührender Distanz Nähe zu ihm aufzubauen. Er genoss ihre Anwesenheit sichtlich. Er hörte noch einmal das metallische Klacken. Ohne sein Zutun riss es ihn diesmal so abrupt hoch, dass ihm schwindlig wurde. Vergiss New York, hörte er sie sagen.
20.12.10

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Vergiss
New York
von Jürgen Mick