Herrn Odlaswitz befiel, während seines allabendlichen Spaziergangs, der ihn wie gewohnt um den Häuserblock führen sollte, ein unbändiges Verlangen zu verreisen. Es war kurz vor Weihnachten, als er an der Ecke Halderstraße-Bahnhofstraße nicht, wie er es für gewöhnlich tat, rechts in die Halderstraße einbog, sondern ohne anzuhalten und ohne die geringste Verzögerung seines Schrittes, geradeaus weiter, direkt auf den Hauptbahnhof zulief. Er betrat bereits die große Eingangshalle, als ihn eine wage Beunruhigung beschlich, da er gänzlich unvorbereitet war und auch nicht viel Geld in der Tasche haben konnte, und dass davon Ziel und Dauer seiner Reise abhängen würden. Er dachte an die See, den Wind, den er sich durch die Haare wehen lassen könnte, Hamburg wäre ein mögliches Ziel. Nein, dachte er, ein wenig weiter sollte ihn der Zug schon bringen, sonst lohne sich der Ausflug nicht. Ein lang ersehnter Wunsch war Amsterdam einmal zu besuchen. Das würde teuer, dachte er bei sich, noch während er den Tritt zu seinem Wagon hinaufstieg. Er setzte sich in Fahrtrichtung, wie er es für gewöhnlich immer tat, wenn ihm die Gelegenheit beschert war, mit der Bahn zu reisen. Die Lichter der Nacht setzten sich in Bewegung. Die Gedanken an Amsterdam, die Stadt der Toleranz, erfüllten ihn zunehmend mit erwartungsfroher Sehnsucht. Nur wenige Notlichter erhellten das Abteil, indem er vollkommen allein in die Dunkelheit eintauchte. Es umgab ihn eine wohlige Wärme und Müdigkeit beschlich ihn. Er verfolgte die vorbei hetzenden Lichterschwärme, die draußen unterwegs waren und kaum aufgetaucht hinter ihm im Dunkel verglühten. Sein Kopf schlug gegen die vibrierende Scheibe, er erwachte kurz, legte sich zurück in die samtigen Polster, die das rhythmische Klopfen der Schienen langsam bis zur Unmerklichkeit dämpften. Als er wieder aus dem Schlaf auftauchte, dämmerte es bereits. In dem Grau des Morgens zeichneten sich Felder, Wiesen und Kühe ab. Er verspürte Hunger und einen faden Geschmack im Munde. Er erinnerte sich, dass er ohne Gepäck unterwegs war. Die Kleider, die er am Leib hatte und die wenigen Dinge, die sich in deren Taschen befanden, waren alles, das ihm an diesem Morgen zur Verfügung stand. Eine Zahnbürste entbehrte er am meisten. Das wird das Erste sein, das ich mir kaufen muss, sagte er mit Nachdruck zu sich selbst. Mit dem Geschmack der Nacht an seinem Gaumen war er noch nie in der Lage gewesen zu frühstücken. Er zog sich seinen Mantel über, er fror. Dünner Nebel fetzte vorüber.
Langsam schob sich der Bahnhof von Amsterdam an ihm vorüber und kam mit einem Ruck zum Stillstand. Er war erfüllt von freudiger Erwartung. In der Bahnhofshalle war es wärmer und er reckte seinen Kopf nach Essbarem. An Bahnhöfen war es immer besonders teuer, dachte er, als er einen Laden betrat und eine Zahnbürste und ein kleines Sandwich erstand. Eine unbekannte Stadt, eine kryptische Sprache auf den Plakaten, die gleichen Füße, die ihn trugen. In frischer Morgenluft begann er seinen Spaziergang durch Amsterdam. Unter den Brücken spiegelte sich die niedrig stehende Sonne im Wasser. Orange und rosafarbene Lachen züngelten durch die Kanäle. Er atmete tiefe Befriedigung. Feuchte Luft drang in seine Lungen und gleichzeitig sog er die Gewissheit in sich auf, dass niemand, der ihn kannte, wusste, wo er sich jetzt im Augenblick befand. Er war allein, doch fühlte er sich keinesfalls einsam. Vielmehr bewegte er sich wie in einem Traum vorwärts, in dem ihn niemand sehen könnte. Er dachte an das Versteckspiel von Kindern, die nur die Augen zu schließen brauchen, um unsichtbar zu werden. Über all den vielen Gedanken, die ihm die Stadt in den ersten Minuten durch die müden Schläfen schickte verlor er die Orientierung. Amsterdam hatte ihn nach wenigen Schritten lustvoll verschluckt. Selbstverständlich trug er keinen Stadtplan mit sich, und er hatte nicht das geringste Bedürfnis jetzt einen zur Hand zu nehmen. Er genoss es dahin zu gleiten, ins Unbekannte vorzudringen, selbst nicht zu wissen, wo er sich befand, verschaffte ihm höchste Befriedigung. Restaurants und Cafés kamen ihm entgegen und es fiel ihm schwer eine Entscheidung zu treffen. Der Hunger plagte ihn empfindlich. Schließlich setzte er sich in ein Café, mit Blick auf das im Morgenlicht erstrahlende Amsterdam. Kaffee, Brötchen, Croissants, sein Hunger war größer, als erwartet. Die Rühreier, die er in der Absicht das opulente Essen damit abzuschließen bestellte, waren die besten, die er in letzter Zeit gegessen hatte. Noch einmal Kaffee und dazu eine Zigarette. Er hatte über dem hervorragenden Frühstück gänzlich vergessen, dass er vorher seine Zähne hätte putzen wollen. Zum Teufel mit den Ritualen, dachte er. Der Rauch, der auf dem Weg in seine Lungen die kaffeerauhe Zunge glättete, bestärkte ihn in seinem mutigen Vorsatz von Innen. Ihm senkten sich seine Lider, müde vor Glück.
Möglicherweise war er kurz eingenickt. Der Tag war weit fortgeschritten, als er seine Rechnung beglich, die ihn kurzzeitig aus der Fassung brachte, und er vor die Sonne trat, als wollte er sie fragen in welche Richtung er spazieren sollte. Er überquerte die Straße und trat zum Wasser, das betulich dahin floss, und nahm dessen Richtung auf. Es war heute seine Stadt, die sich nicht bitten ließ, sich in strahlenden Farben vor ihm auszubreiten. Morgen wäre das Geld in seinen Taschen aufgebraucht und er müsste wieder nach Hause fahren, doch heute verbot er sich derartige Gedanken. Eine günstige Unterkunft für die Nacht würde sich sicherlich noch finden. Das Frühstück war schließlich kostspielig gewesen, aber für ein einfaches Bett in einem einfachen Haus sollte es noch genug sein. Er griff in seine Hosentasche und fühlte Scheine und Münzen durcheinander fallen. Einen Blick darauf zu werfen lohnte sich kaum. Morgen, das stand fest, müsste er wieder nach Hause fahren, das sagte ihm seine rechte Hand unmissverständlich. Ein Mann, der ihn ansprach, als er bereits an ihm vorüber gegangen war, riss ihn aus seinen Bedenken. Herr Odlaswitz konnte die Worte nicht verstehen, obgleich er sofort wusste, dass er gemeint gewesen war. Der Mann bot ihm eine Rundfahrt durch die Stadt auf seinem Boot an. Lernen Sie die Stadt auf dem Wasser kennen, wiederholte er jetzt in seinem gebrochenen Deutsch und verdeutlichte das Angebot indem er auf eine Anschlagtafel verwies. Herr Odlaswitz spielte noch mit seinen Münzen in der Rechten, doch bestieg er ohne langes Zögern den lockenden Kahn. Er war gekommen sie kennenzulernen, meine Sehnsuchtsstadt, dachte er. Er drückte dem Mann einen Schein in die Hand. Mit ausladenden Armbewegung präsentierte der Kapitän Herrn Odlaswitz die Sehenswürdigkeiten an den Ufern der Krachten, während er mit einer Hand das Gefährt durchs Wasser manövrierte. Die Sonne wärmte Herrn Odlaswitz, der in seinen Mantel gehüllt, hinten in dem Boot saß. Mit großem Interesse für die Architektur Amsterdams, ließ er sich von dem Kapitän über Bauwerke und Historie ausführlicher unterrichten. Er genoss es die bunten Häuser vorüber ziehen zu lassen, wie eine Reihe von Dienstboten, die sich vorstellen ließen und eigens für ihn angetreten waren.
Als er wieder festen Boden spürte wurde ihm das sanfte Wogen des Wassers erst gewahr, das ihn noch zufriedener gestimmt hatte. Eine steile Treppe führte ihn hoch zur Straße. Auf der obersten Stufe angekommen kreuzte, wie aus dem Nichts kommend, ein Mädchen seinen Weg. Sie hatte ihn nicht bemerkt und war offensichtlich in Eile. Vom Luftsog des Mädchens aufgegriffen ging er ihr, wie selbstverständlich, hinterher. Sie war schneller als er und er hatte Mühe Schritt zu halten. Ihr glattes Haar glänzte in der Sonne und schickte ihm Glanzlichter. Vor einem rosa getünchten Haus machte er Halt. Er betrachtete die für ihn ungewöhnlich farbige Fassade des schmalen Gebäudes. Langsam ließ er seinen Blick hinauf zum First und wieder hinunter zur Haustür streichen, durch welche das Mädchen verschwunden war.
Nur wenige Häuser weiter bezog Herr Odlaswitz sein Hotel. Die Formalitäten waren mit dem alten Portier, der auch der Inhaber des Hauses und wohl auch dessen Hausmeister war, schnell besprochen und so befanden sich der betagte Holländer und Herr Odlaswitz bald auf dem Weg in das dritte Stockwerk. Das Haus war schmal und seine Zimmer waren in vielen Lagen übereinander geschichtet. Herr Odlaswitz hatte vorsorglich seine Übernachtung im Voraus bezahlt, um sicher zu gehen, die Summe nicht schuldig bleiben zu müssen. Ihm war sehr wohl klar, dass er das Zimmer nur gemietet hatte, weil ihm das Mädchen nicht aus dem Kopf ging, und dennoch gefiel ihm der Blick auf die Kracht gegenüber sehr. Das Zimmer war klein, aber hell und es gab ihm das Gefühl willkommen zu sein. Es ist in jedem Falle seinen Preis wert, goutierte er seinen Entschluss. Vor allen Dingen konnte er von hier das rosafarbene Haus beobachten. Er griff gezielt in seine Hosentasche und verabschiedete den wartenden Portier mit einer Münze. Er griff sich einen von den zwei Stühlen, legte seinen Mantel darüber und setzte sich auf den zweiten, den er sich vor das Fenster stellte. Das Hotel stand in einer geschlossenen Reihe mit dem rosa Haus, gegenüber lag das Wasser dunkel wie Quecksilber im Kanal. Die Straße beschrieb einen leichten Bogen, was ihm ermöglichte die Eingangstür des rosa Hauses im Auge zu behalten. Erschöpfung kroch von seinen Beinen bis in seinen Kopf.
Es war dunkel als er erwachte und Hunger war abermals der Grund. Da er nur dabei hatte, was er am Körper trug, kleidete er sich kurz entschlossen aus bis auf die Haut, unterzog sich einer gründlichen Waschung an dem verloren in der Zimmerecke platzierten Waschbecken, um unverzüglich wieder in die noch warmen Sachen zu schlüpfen. Ohne sich auf eine lange Suche nach einem geeigneten Restaurant einzulassen, ging er gleich nach nebenan in Das kleine Gasthaus. Ein mit wenigen Tischen bestücktes, aber feines Haus, wie ihm die Preise auf der Speisekarte unmissverständlich deutlich machten. Dennoch, ein solcher Tag wollte gebührend gekrönt sein und so bestellte er eine Flasche Lafite-Rothschild, genoss unverschämt jeden Gang des Menüs und gab zum Abschied, um nicht kleinlich wirken zu wollen, übermäßig Trinkgeld.

 

Herr Odlaswitz trat jeden Morgen bevor er das Hotel verließ, an die Rezeption zählte die Scheine für eine Übernachtung auf den Tresen und sagte zu dem alten Holländer: Ich werde noch eine Nacht länger bleiben. Und jedes Mal betonte der Portier, dass es nicht nötig sei im Voraus zu bezahlen, man würde ihm vertrauen, und er könne bleiben solange es ihm beliebe. So geschah es mittlerweile seit siebenundvierzig Tagen und Herr Odlaswitz war nicht einmal mehr verwundert darüber, dass der Geldvorrat in seiner Hosentasche noch immer nicht zur Neige gegangen war, ja unerschöpflich schien. Inzwischen hatte er ganz Amsterdam durchlaufen, so kam es ihm vor, sämtliche Museen aufs Gründlichste inspiziert. In einigen war er schon dreimal gewesen. Er kannte die Krachten, die Kirchen und sämtliche Schattierungen des Wassers, welches einmal schnell und einmal überhaupt nicht seine Kreise zog. Er war gelaufen soweit seine Beine ihn trugen und mit allen Arten von Booten zu Wasser unterwegs gewesen. Sogar das eine oder andere Wort Holländisch hat er seinem Wortschatz hinzugefügt. Und er hat sich auch bereits ein Ritual zugelegt, eine Gewohnheit, die er noch nie gebrochen hat. Jeden Abend ging er in Das kleine Gasthaus, welches er am Tag seiner Ankunft spontan aufgesucht hatte. Dort saß er an immer dem gleichen Tisch, mit immer demselben Blick zu Tür und allein. Abgesehen von dem alten Holländer hatte er mit noch keinem anderen Menschen näheren Kontakt aufgenommen. Noch einige Male hatte er das Mädchen aus dem rosa Haus gesehen, wie es unter seinem Hotelfenster vorbei ihres Weges ging, oder zufällig bei einem seiner Spaziergänge, aber noch nie hatte er es angesprochen. Wenn er den Moment erwischte, da sie ihre Wohnung verließ folgte er ihr mit seinen Blicken bis an die nächste Straßenecke an der sie verschwand. Ihr Gesicht konnte er bislang nur flüchtig wahrnehmen, doch schien es ihm von ausgezeichneter Klarheit und von anziehender Transparenz. Er begehrte sie, zweifellos. Ihm war vollkommen bewusst, dass er sich ausschließlich wegen ihr noch in der Stadt befand. Mit jedem Tag merkte er mehr, wie ihn Amsterdam überdies langweilte. Nichts an Amsterdam erweckte noch weiter sein Interesse. Seine Spaziergänge waren reinste Routine geworden. Aus reiner Verzweiflung begann er seine tagtäglichen Spaziergänge. Damit er nicht in seinem Hotelzimmer verrückt würde, unternahm er unermüdlich weiterhin seine touristischen Unternehmungen, obgleich er schon lange kein Tourist mehr war, in Amsterdam. Ohne jedes Ziel und nur noch widerwillig schleppte er sich an diesen Krachten entlang und er spuckt nur noch in das stinkende Wasser dieser trägen Rinnsale. Nur noch spucken konnte er auf diese Stadt, aus Langeweile und aus Sorge verrückt zu werden, weil er doch nichts, als das Mädchen aus dem rosa Haus begehrte. Manchmal schlenderte er nur mehr bis zur nächsten Straßenkreuzung, vorüber an dem rosa Haus, machte dort kehrt und ging in entgegen gesetzter Richtung zurück bis zur Brücke. Wie ein lebensmüder Tiger schlich er mit hängendem Kopf stundenlang die Straße auf und ab, in der Hoffnung sie käme in den nächsten Stunden nach Hause. Er lehnte sich über das Geländer, stützte seinen ganzen Körper auf die verschränkten Unterarme und beobachtete Möwen beim Verschmutzen der Wege und Poller. Nichts in Amsterdam zog in mehr an. Von Tag zu Tag war es eine Last in diesem Amsterdam irgendeine Ablenkung zu suchen und keine zu finden. Er war geradezu besessen von den Gedanken an diese Frau, die er noch nicht einmal kannte. Wenn er Unruhe spürte ging er ein paar Schritte und sobald er stehen blieb spürte er wieder Unruhe, die sich nicht ersticken ließ. Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit quälten ihn seit Tagen. Er zwang sich geradezu jeden Abend in Das kleine Gasthaus und er zwang sich dort wenigstens das Tagesmenü zu essen. Sein Glück schien verflogen, der Übermut war der Mutlosigkeit gewichen. Vermutlich würde das Mädchen ihn nicht einmal verstehen, wenn er sie anspräche. Er müsste es gleich auf Englisch versuchen, hatte er sich vorgenommen und bereits die verschiedensten Redewendungen parat. Die meisten Niederländer sprechen sehr gut Englisch. Ihr Englisch wäre vermutlich bedeutend besser, als das meine, dachte er. Ihm würden die Worte nicht so über die Lippen kommen, wie er sich das jetzt zurechtlegte, befürchtete er. Ihr Handschuh glitt über den kalten Handlauf des Eisengeländers. Die Harmonie der Bewegungen ihres kleinen Körpers unter dem dicken Mantel konnte er nur erahnen. Sie war wie immer in Eile, war in wenigen Sekunden an ihm vorüber. Welchen Grund sollte er vorweisen, sie ansprechen zu dürfen. Es gab keinen Grund sie anzusprechen. Wie sollte jemand wie er einen Grund haben diese Frau anzusprechen. Sie würde vor allem niemals auf mich hören, sagte sich Herr Odlaswitz. Sie war ein Phantom und er verfolgte es. Das musste er sich aus dem Kopf schlagen, sagte er sich. Es war ihm aber genug; irgendwie genug für ihn, um für immer in der Stadt zu bleiben, wenn es sein musste.

An einem Abend kurz vor Ostern betrat Herr Odlaswitz zur gewohnten Stunde Das kleine Gasthaus und wurde wie jeden Tag von einem der beiden Kellner herzlich begrüßt und an seinen Stammplatz geleitet. Er wählte Austern zur Vorspeise, Lachs als Hauptgang und dazu eine Flasche Grenouilles. Herr Odlaswitz erschrak, als er wie gewohnt seinen Blick zur Tür wandern ließ. Am Tisch vor ihm hatte, während er die Speisen wählte, das Mädchen aus dem rosa Haus Platz genommen. Sie saß seitlich zu ihm und noch ehe er seinen Blick abwenden konnte, drehte sie ihm ihren Kopf zu, so dass er ihr zum ersten Mal in die Augen blickte. Sie lächelt freundlich und er konnte keinerlei Reaktion zeigen. Die Klarheit ihrer Züge war bestechend, ihre dunklen Augen einnehmend. Feine Schatten zeichneten Wangen und Nase auf weißen Teint und kastanienrote Haarspitzen wippten um ihr blasses Kinn, als sie sich wieder ihrer Speisekarte widmete. Herr Odlaswitz war schlagartig klar, dass es jetzt keinen Ausweg mehr gab. Auf ein Glas Champagner einladen und versuchen sie an seinen Tisch zu bitten, war sein Plan. Er würde hinüber gehen müssen sie anzusprechen. Nie war er sich so sicher über das, was jetzt kommen würde, das er nun unternehmen würde, als könnte er die Zukunft als Vergangenheit sehen. Als wäre alles bereits geschehen, als müsste er nur noch hinterher huschen, in seine eigene Silhouette auf die Leinwand schlüpfen, so deutlich sah er seine kommenden Handlungen vor sich. Er war jetzt groß und er wirkte stolz, er stand auf, setzte elegant seinen Stuhl zurück. Er legte in aller Ruhe seine Serviette zusammen und neben sein Gedeck zurück. Er umrundete mit zwei festen Schritten den Tisch, um neben ihr zu stehen zu kommen. Mit seiner Linken rückte er sich seinen Krawattenknoten zurecht, während er seine Rechte souverän in seine Hosentasche führte. Diesmal spürte er keine Geldscheine zwischen den Fingern. Das Mädchen aus dem rosa Haus hatte mittlerweile seinen Auftritt bemerkt und neigte ihm das Gesicht zu. Er hob an ihr die Einladung zu unterbreiten, als ihm vollständig ins Bewusstsein trat, dass sich in seiner Hosentasche auch keine einzige Münze mehr fand. Seine Rechte bohrte sich vergeblich tiefer und tiefer in seine Hose. Er tastete fieberhaft nach weichem, widerspenstigem Papier, aus dem nur Geldscheine gemacht sind, nach dem warmen, stumpfen Metall, aus dem nur Geldstücke geprägt sind, aber seine Hosentasche war leer. Er stürzte zurück an seinen Platz, durchstöberte in aller Hast seinen Mantel, obgleich er noch nie in seinem Leben Geld in einer Manteltasche aufbewahrt hatte. Er schmiss den Mantel zu Boden, stieß seinen Stuhl beiseite und stolperte. Das Porzellan klirrte, das Silberbesteck sprang über den Tisch. Die beiden Kellner waren zur Stelle, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen. Sie hoben Herrn Odlaswitz von den Knien auf die Füße. Schroff riss dieser sich los, schubste die beiden Helfer zur Seite und hastete zur Tür hinaus. Er wankte die Eingangsstufen hinauf zur Straße. Sein Kopf glühte. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Nur mit größter Mühe erreichte er sein Hotelzimmer. In höchster Rage riss er sich die Kleider vom Leib und drehte jede Tasche nach außen. Er zerfetzte Jackett und Hose bis aufs Innenfutter. Er hebelte die Matratze aus dem Bettgestell und beförderte mit bloßen Händen ihr Innenleben zu Tage. Nichts kam zum Vorschein, er war bankrott, er besaß keinen Euro mehr. Splitternackt und mit blutüberströmten Händen sank er zu Boden. Um sich dann in einem verzweifelten, letzten Aufbäumen über das wenige verbliebene Mobiliar seines Hotelzimmers her zu machen. Nachdem Herr Odlaswitz das letzte Polster zerschnitten hatte, öffnete er das Fenster und sprang. Die schwarzen Wasser im Kanal blinkten freundlich im Licht der Laternen und bald darauf begann es zu regnen.

21.12.11

 

Herr Odlaswitz
von Jürgen Mick

 
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