Ein gewalttätiges Pochen an der Tür schreckte ihn auf. Die Klingel hatte er längst abgestellt. Der Richter sah sich genötigt seinen Platz am Fenster zu verlassen, angewidert zwang er sich zu öffnen. Ein Mann, Koch von Beruf, wie er unmittelbar zu verstehen gab, stand vor ihm und hielt ihm einen Fetzen Papier so dicht vor die Augen, dass er reflexartig zurückwich. Der Fremde würde ab sofort bei ihm wohnen, teilte jener exakt im Wortlaut des Schreibens mit, welches er unerbittlich gegen ihn streckte, wodurch das Ganze etwas von einer amtlichen Verlautbarung hatte. Er hätte es sicherlich so oder so verstanden, er war schließlich Jurist, Richter um genauer zu sein, und vertraut mit derartigem Satzbau. Noch vor Beendigung des letzten Satzes entzog ihm der Koch das Geschriebene, knüllte es in seine Manteltasche und forderte barsch - da ja sowieso nichts zu ändern sei - eintreten zu dürfen.

"Mein Eintopf wird dir zwischen den Beinen brennen", zischte der Koch, die Augen auf ihr nacktes Hinterteil fixiert, das sie ihm provozierend entgegen streckte, während sie in einen der silbrigen Töpfe auf dem Herd spuckte. Ihre Zunge zuckte ihm entgegen, dann stöckelte sie aus der Küche, obgleich sie gar keine High Heels anhatte. Sein Blick hatte sich noch nicht von der Tür gelöst, als an ihrer statt der Richter erschien. Der Koch wandte sich seinen Töpfen zu. "Lass Deine Finger oder anderes Gerät von meiner Freundin, Du elender Schmarotzer! Komm ihr nicht zu nahe, sonst kann es doch noch passieren, dass Du die Wohnung verlässt, und zwar in der Waagerechten", herrschte ihn der Richter an. Der Koch zog den Holzlöffel aus dem dampfenden Sud und schoss mit Messer in der einen und Löffel in der anderen auf den Richter zu. Beide standen sich jetzt so nahe, dass der Richter Fett roch und der Koch Angstschweiß. "Mit Verlaub Euer Ehren", hauchte der Koch, "ich lebe hier mit den gleichen Rechten wie ihr, unter dem Schutz des Gesetzes. Somit habe auch ich das Recht zu entscheiden, wer außer uns sich in dieser Wohnung aufhält und wer nicht. Huren, wie diese Kleine, ficken sie bitte an dafür vorgesehenen Orten. Sie passt nicht in dieses Arrangement!" "Du selbstgefällige Bratwurst, ich warne Dich, es ist immer noch meine Wohnung. Mein Eigentum!", brüllte der Richter und sein Gesicht schwoll an vor Zorn, "Ich werde noch Gesetze finden, die es mir erlauben Dich an die Luft zu setzen. Verlasse Dich darauf!" Hinter dem Richter erschien erneut die Frau, mittlerweile nicht mehr vollständig nackt. Der Koch richtete das Messer an sie, das er noch immer fest umschlossen in seiner Rechten hielt. Mit überlegenem Lächeln warnte er in ruhigem Ton: "Passt einfach auf, dass Euer Hühnchen hier nicht mehr nackt durch die Küche fliegt, sonst stopfe ich sie und serviere sie Euch an Heilig Abend. Ihr wisst es ist bald Weihnachten und Fleisch ist rar. Und Mord kaum noch der Rede wert." Seine Überlegenheit entlud sich in Gelächter. Der Richter rührte sich endlich und verschwand, die Frau vor sich her stoßend, im Dunkel des Flurs.

Lebensmittel wurden zunehmend knapper. Die Zutaten zu den aufwendigen Speisen, die der Koch gerne kreierte und der Richter gerne aß, waren immer schwerer und seltener zu beschaffen. In den offiziellen Bezugsstellen war kaum noch etwas zu anderes als Grundnahrungsmittel zu bekommen. Alles rationiert, versteht sich, da blieb der Schwarzhandel nicht aus. Die Beziehungen des Koches waren von Berufs wegen ausgezeichnet und für die Wohngemeinschaft die einzige Hintertür zu einem Rest würdevollen Lebens, weshalb der Richter gerne wegsehen mochte, wenn sein Schicksalsgenosse "Einholen" ging. Es deutete sich an, dass auch diese Quellen langsam zu versiegten. Je weniger auf dem Markt war, umso kreativer wurde zwar der Koch bei der Gestaltung des Speiseplans. Doch trotz angesporntem Ehrgeiz kam es eines Abends, genau einen Abend vor Heilig Abend dann zu dem größten aller Übel, welches beide sich ausmalen konnten. Man ahnte sehr wohl beiderseits, dass es dem Essen zu danken war, dass man sich in der Zwangskommune arrangiert hatte. Die hochwertigen Speisenfolgen garantierten seit Wochen einen höchst sublimen Waffenstillstand. Eine hauchdünne Schicht von Kultur unter der die gegenseitige Aversion erstickt wurde, die natürlich bei der kleinsten Abweichung des Ritus drohte aufzuflammen. Es war wohlgemerkt das erste Mal, seit der Koch hier wohnte und kein Abendessen aufgetischt werden sollte. Sogleich drohte die Situation zu kippen: "Du hast nicht gekocht?! Willst Du mich bestrafen?" provozierte der Richter streng. Er saß wie immer an der Stirnseite des Esstisches, entkorkte demonstrativ eine Flasche des besten Weins, als wollte er unterstreichen, dass es nur noch am Essen fehlte. Er reichte die Flasche seiner Mätresse weiter, die seitlich hinter ihm Stellung bezogen hatte und die wie gewohnt, nicht mehr als Strapse tragend, die Rolle der ergebenen Dienerin spielte. Mit sattem Glucksen plumpste der Wein unfachmännisch in das dafür vorgesehene Glas, welches zwischen zwei Fingern des Richters Hand schwebte. "Du hast Dein Versprechen gebrochen! Für die Zeit, die Du hier wohnst, wolltest Du mich täglich mit den feinsten Speisen verwöhnen. Du erinnerst Dich? Als kleine aber feine Entschädigung, wie Du es selbst nanntest. Demnach könnte ich Dich auf der Stelle laut unserer Absprache vor die Tür setzen." Mit süffisantem Grinsen legte der Koch die Arme ineinander: "Euer Ehren, ihr seid von einfachem Gemüt. Dass ich versprochen habe für Euch zu kochen ist richtig, aber dabei handelte es sich nie um ein juristisch wirksames Abkommen, vielmehr um ein menschliches Entgegenkommen. Ihr wisst selbst, es ist selbstredend nicht meine Pflicht hier für die häusliche Verpflegung zu sorgen. Ich tat dies all die Zeit aus freien Stücken und obendrein mit einigem Anspruch, den ihr wohl zu genießen wusstet. Es war naheliegend, da es sich um meine Profession handelt, aber nicht selbstverständlich und schon gar nicht Pflicht. Seht es als kleinen Beitrag zur Erhaltung des Hausfriedens. Ein letztes Aufrechterhalten der Kultur gegen die erdrückende Schwere archaischer Urzustände, die zunehmend ungemindert an die Oberfläche drängen und eine allgemeine Plage unserer Zeit sind. So bestand ich auch nie auf Gegenleistung, schließlich wohne ich nicht mit Euch unter einem Dach, weil ich für Euch koche, sondern weil mir diese Wohnung zugeteilt wurde und damit zusteht, ebenso wie sie Euch zusteht. Über etwaige Untermieter, die sich ihre Gunst erschlichen zu haben scheinen, wäre noch gesondert zu verhandeln." Erzürnt und nur mit größter Anstrengung sich im Zaum haltend erhob sich der Richter, wie er es wohl während Ausübung seiner Amtsgeschäfte unmittelbar vor der Urteilsverkündung zu tun pflegte: "Ich möchte wissen, wie es Dir möglich ist, Dich derart selbstsicher zu benehmen. Worauf gründest Du die Selbstverständlichkeit mit der Du Deine Rechte hier vorbringst?" Langsam ging der Koch auf den Richter zu und setzte sich auf den Platz links neben ihn. Dabei nahm er im Vorübergehen den "Strapsen" die Weinflasche aus der Hand und füllte sich sein Glas. "Das Gesetz ist gerecht, wie ihr mir doch zustimmen werdet. Es gibt Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, und denen jede Chance auf ein Überleben in unserer Zeit genommen wäre, gäbe es nicht das Gesetz. Seht nur hinaus, bei diesem Wetter wäre ein Überleben auf Dauer ohne Obdach kaum möglich. Die Temperaturen gehen bereits unter Null. Ihr hört nachts auch das Zähneklappern aus dem Treppenhaus? Dabei fügt das Gesetz kaum Schaden zu, ein paar Unannehmlichkeiten gewiss, ein Geben und ein Nehmen in Zeiten, da die Dinge rarer und rarer werden. Aber niemand sollte leiden, nicht wahr?" Dabei schielte er grinsend hoch zu dem nackten Flittchen an seiner Seite, das keinen Schritt zurück gewichen war. Dann führte er sich in genießerischer Manier einen Schluck des edlen Roten zu. Der Richter sank erschöpft auf seinen Sessel. "Ist es Dir nicht peinlich, Dich in der Privatsphäre eines Fremden breit zu machen?", fragte er ermüdet. Nachdem, der Schluck die Speiseröhre hinter sich gebracht hatte, die Geste höchsten Genusses aus dem Gesicht des Kochs gewichen war, antwortete er in ruhigem Ton und seine Mimik bemühte sich, die dem Gespräch gebührende Ernsthaftigkeit zu unterstreichen: "Mich geht Euer Privatleben überhaupt nichts an. Und ich bemühe mich es in keiner Weise zu stören. Wir wollen unsere Verbindung auf die faktischen Tatsachen beschränken. Wollen wir die Sache nicht überbewerten! Wir teilen lediglich einige Räume miteinander. Wenn man genau ist, ist es nur dieser eine, in dem wir uns jetzt befinden; das Arbeitszimmer und ein zusätzliches Zimmer mit Bad für Euch, die Küche und ein Zimmer mit Bad für mich. Die Wohnung ist schließlich mehr als geräumig, für zwei Personen." Der Richter, nachdenklich in seinen Rotwein blickend, als hätte er darin etwas verloren: "Ich frage mich, wie kommt es, dass gerade Du das Los gezogen hast, bei mir wohnen zu dürfen. Vor der Tür liegen noch Hunderte, die kein Obdach haben; im Treppenhaus haben sie jetzt bereits Familien mit Kindern einquartiert. Weshalb also gerade Du? Ist dieser Umstand Deinen guten Beziehungen geschuldet?" "Euer Ehren, darüber ist mir nichts zur Kenntnis gekommen. In solch hohe Entscheidungen habe ich als Koch doch keinesfalls einen Einblick. Dennoch muss ich zugeben, wir passen wohl gut zusammen. So gut, dass es mir nicht nach einem Zufall aussehen will. Fast denke ich wir wurden mit Bedacht für einander ausgewählt, findet Ihr nicht? Zudem hat man uns beide zusammen durch diese Anweisung in eine ausgezeichnete Situation befördert, angesichts des Elends dort draußen. Wer weiß, ob man nicht inzwischen gewaltsam sich Eurer Wohnung bemächtigt hätte? Und in einem solchen Falle bräuchten nicht einmal Euer Ehren auf Hilfe vom Gesetz hoffen." Der Koch nahm sich sein Glas und kippte den Inhalt in die Gurgel, um den aufflackernden Hunger zu ertränken. Dann erhob er sich so dicht an dem übermäßige Wärme ausstrahlenden, nackten Körper der Hure empor, dass er sie schmecken konnte, sah ihr schließlich tief in die Augen und empfahl sich mit den Worten: "Morgen ist Heilig Abend und seid Euch sicher: Morgen koche ich wieder! Ganz sicher wird mir bis zum Morgengrauen etwas vor das Messer laufen. Einen feinen Eintopf wird es geben, mit richtig fettem Speck. Ich denke ich weiß schon woher ich bekomme, was ich benötige."

Er saß auf der Kante seines Bettes und blickte aus dem Fenster. Schlaffe Lichtfahnen lagen in den nassen Straßen. Elektrizität war knapp und beinahe unerschwinglich geworden. Man ließ jetzt die Straßenbeleuchtung nur aus Sicherheitsgründen wieder die ganze Nacht brennen. Zu viele Plünderungen und Vergewaltigungen in den letzten Wochen. Er war Richter an einem der oberen Gerichtshöfe des Landes. Die Gesetze änderten sich mittlerweile so schnell, dass selbst er immer öfter Unsicherheit verspürte. War das Gesetz wirklich gerecht, wie der Koch behauptete? Nicht selten zweifelte er an seinem Urteilsvermögen. Mittlerweile sah man über Mord bedenkenlos hinweg. Offiziell war Mord keineswegs legitimiert, dennoch verzichtete man inoffiziell auf Anklage. Es war allgemein akzeptiert, dass jeder Mord objektiv betrachtet den Mangel reduzierte. Er war wegen des ausgefallenen Nachtmahls aufgewacht. Es war ruhig auf der Straße. Die Menschen hatten keine Kraft mehr nächtens herum zu streifen und zu plündern. Kein Mensch war zu sehen, obwohl da viele sein mussten. Geduckt und eingerollt hinter den Rabatten, zwischen den Sträuchern und auf den Bänken. Sie hatten sich mit den Schatten verbündet. Er hatte wohl einige Stunden geschlafen. Ihm war kalt. Sein Magen knurrte. Woher kam in den letzten Tagen diese Unsicherheit bei seinen Urteilsverkündungen? Die Gesetze gegen Plünderung und Lebensmitteldiebstahl waren drastisch verschärft worden. Der Schwarzhandel war eines der schwersten Delikte und die Strafen unmenschlich hart geworden. Sein Magen verkrampfte sich, dass er aus seinen Gedanken gerissen wurde und nur noch seinen Körper fühlte, der ihn nicht schlafen lassen wollte. Er kroch zurück ins Bett. Es war eine helle Nacht, vielleicht auch eine heilige. Das Licht des Mondes lag auf seiner Bettdecke. Die Stadtverwaltung hätte heute Nacht auf das künstliche Licht verzichten können. Er konnte fast alle Gegenstände des Zimmers erkennen. Die hellen Nächte waren zwangsläufig die ruhigsten. Für morgen waren nur wenige Blitzverurteilungen zu erwarten, das würde er meistern. Zuletzt dachte er an den versprochenen Eintopf mit Speck. Dann fielen ihm die Augen zu.

09.12.09

 

Der Richter und der Koch
von Jürgen Mick

 
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