In einer der Trabantenstädte der Landeshauptstadt, lebten einst sieben Mädchen. Sie trafen sich jeden Nachmittag nach der Schule zwischen den mehr als zwölfstöckigen Wohnblocks, in denen sie bei ihren Familien lebten. Sie erzählten sich dann gegenseitig den neusten Tratsch aus der Schule, ihre intimsten Geheimnisse und nicht selten ihre Zukunftsträume. Oft kamen sie dabei auf das Land im Westen zu sprechen, in das man nun seit einigen Jahren ungehindert fahren könne, und von wo jetzt auch vermehrt Ausländer zu ihnen kämen, die von aufregenden Dingen zu berichten wüssten. Von einem Land, wo es verrückt zuginge, wo niemand daran etwas Abartiges fände, dass alles, was dort geschieht in der Zukunft geschieht, während hier, in ihrer eigenen einzementierten Lebenswelt beinahe alles ohne jede Zukunft geschieht. Die sieben Mädchen aber glaubten - wenn überhaupt, so an die Zukunft - an ihre Zukunft! Und alle Sieben kamen zu der festen Überzeugung, dass auch das Land der Zukunft, wie sie es nannten darin eine Rolle spielen müsse. Dort, so ahnten sie, gäbe es Möglichkeiten alle Dinge auszuprobieren, während in ihrer bisherigen Welt ihr Lebensweg einer Eisenbahnschiene glich, die zielstrebig auf den Abgrund zulief. Das besondere in dem fremden Land sei, dass man Wege einfach verlassen könne, jeden Abzweig ausprobieren dürfe und manchmal sogar umkehren oder zumindest eine gänzlich andere Richtung einschlagen könne. Man wäre dort drüben, am anderen Ufer des großen Flusses, sein eigener Herr, wie sie glaubten. Und - sie wollten nicht einsehen, warum das nicht auch hier in ihrem Lande jetzt so werden sollte, von dem doch jetzt alle behaupteten, es sei gleichfalls ein freies Land. So wollten sie sich am Westen ein Beispiel nehmen und den Bürgern ihres Landes ein Vorbild sein, auf dass auch ihr Land ein Land der Zukunft würde. Die sieben Mädchen verrannten sich von Tag zu Tag, von Nachricht zu Nachricht - die immer unmittelbarer von dort drüben in ihre Stadt drangen - mehr und mehr in ihre Idee von der selbstgestalteten Zukunft. Bis sie endlich nicht mehr akzeptieren wollten, dass alles wovon sie täglich sich erzählten reine Fantasie bleiben solle.
Eines Tages begann Vera, das älteste der Mädchen, auszusprechen, was alle von ihnen dachten. Man müsse weggehen, weg aus der Vorstadt, dieser monotonen Umgebung, die einem jede Phantasie abspenstig machte; weggehen bevor es zu spät sei, ehe man nur noch von den grauen Gedanken beherrscht würde. Inka, die Größte von ihnen, die immer ein wenig unbeholfen schlaksig über den Hof stiefelte, meinte, man müsse sich das Leben selbst gestalten, wie es in einem freien Land, das sie ja jetzt seien, auch möglich sein müsse. Paula, mit den für ihr Alter üppigen Brüsten, sagte, man müsse sich sein eigens Geld verdienen, das sei wohl klar, weil ohne Geld gehe schließlich gar nichts, auch nicht in dem Land der Zukunft. Tanja, mit ihrem bäuerlichen Gemüt, machte allen Mut, sie seien, eine jede von ihnen, sicherlich ebenso gut, wie jede andere im Westen, und man müsse sich nicht verstecken, man müsse nur sein eigenes Geschäft versuchen! Anja, die zweifellos Kritischste unter ihnen, fragte zögerlich, ob es nicht zu gefährlich wäre sich ganz ohne Mann in der Neuen Welt zu versuchen. Svenja, die etwas mollige, entgegnete, man könne eine Gastronomie eröffnen, in der City. Das Bedienen sei ein krisenfestes Geschäft und eines, das sie wohl alle beherrschten, auch ohne Männer. Rentja, die zugegebener Maßen Hübscheste, fügte hinzu, sie liebe nichts mehr als Schokolade. Woraufhin Vera entschlussfreudig resümierte: "So werden wir es machen: Wir gehen in die Altstadt und eröffnen dort ein Kaffeehaus!" "DAS SCHOKOLADENCAFÉ", ergänzte Rentja verzückt, und die anderen stimmten ein Jubelgeschrei an, das ihnen Mut machte.
Wenn man durch die Eingangstür trat, bimmelte ein schrilles Glöckchen und unvermittelt stand man in einem zauberhaft schillernden, über zwei Geschosse sich erhebenden Raum. Hier hatte man augenblicklich das Gefühl, man werde diesen Raum nicht mit hunderten und auch nicht tausenden Blicken gänzlich erfassen, soviel Schimmer und Glanz verwirrte den Betrachter. Die Wände waren vollständig bedeckt mit Regalen voll von Pralinés in den unterschiedlichsten Schachteln und Dosen. Es schimmerte rot und golden, silbern und blau, und der Hochglanz der metallischen Verpackungen versah den ganzen Raum mit einem magischen Funkeln. In der Mitte prangte ein silberner, bis zur Decke ragender Schokoladenbrunnen, von dem die Kinder in einem unbeobachteten Augenblick mit dem Finger naschten. Ein langer Tresen, auf dem sich die Bonbonieren dicht drängten und dessen Vitrinen voll gestopft waren mit allen erdenklichen Dingen aus Schokolade, zog sich vom Eingang bis in den hinteren Winkel des Kaffeehauses. Dort standen die Mädchen an ihren Maschinen, bereit ihren Kaffee zu brühen, ihre Heiße Schokolade zu kochen und schneeweiße Sahne zu schlagen. Mit erlesenen Zutaten und bisher unbekannten Köstlichkeiten verführten die frischgebackenen Unternehmerinnen ihre Gäste und weckten in den meisten ungeahnte Lebensgeister, so dass sich der gute Ruf des Schokoladencafés durch die ganze Stadt ausbreitete und niemandem das neue Kaffeehaus mehr unbekannt bleiben konnte. Und selbst in dem fremden Land im Westen verbreitete sich die Nachricht, dass jenseits des Flusses ein ganz unglaubliches Kaffeehaus eröffnete habe, welches von sieben jungen Mädchen geführt würde und ungeahnte Spezialitäten vorhalte. So geschah es, dass immer mehr Menschen aus dem Land der Zukunft in das einst verachtete Nachbarland reisten, allein um das Schokoladencafé aufzusuchen. So kann man sich vorstellen, dass die sieben Mädchen nicht über mangelnde Kundschaften klagen konnten. Eher das Gegenteil hätte der Fall sein können, wäre das Schokoladencafé nicht wie von einer himmlischen Hand behütet gewesen. Das Kaffeehaus war insgesamt kein großes und noch dazu nahm der Schokoladenbrunnen den meisten Platz ein. Aber dennoch verhielt es sich mit dem Café recht sonderbar, wie die Leute sich erzählten. Ein jeder Gast in dem Café bekäme immer und jederzeit einen Platz. Auch der Ansturm aus dem Westen, der immer mehr zunahm, konnte daran nichts ändern. Nie vermochte man zu hören, wie ein Gast der Überfüllung wegen klagte, oder sich der schlechten Bedienung wegen beschwerte. Wenn ein Gast kam, machte mit Sicherheit ein anderer einen Stuhl frei. Die sieben Mädchen hatten zwar alle Hände voll zu tun, aber niemand kam zu kurz. Ein jedes hatte seine spezielle Tätigkeit, so dass sie sich harmonisch ergänzten und niemand je verärgert das Schokoladencafé verließ. Vera führte die Geschäfte mit höchster Aufmerksamkeit und in größtem Bewusstsein ihrer Verantwortung gegenüber den anderen Mädchen. Inka bediente die Tische, sie hatte gelernt wie ein Model zu laufen. Paula kochte Schokolade und Tanja den Kaffee. Svenja bediente am Tresen. Anja machte die Kasse und Rentja war Tag und Nacht damit beschäftigt Schokolade zu schmelzen und in den Schokoladenbrunnen nachzugießen, von dem doch allzu gerne genascht wurde, was von den Mädchen großzügig geduldet war. Die Mädchen waren glücklich und auch die Gäste, das war die Hauptsache.
Doch das sollte nicht für immer so bleiben. Es war die Weihnachtszeit, genauer der dreiundzwanzigste des Monats, als ein junger Fabrikantensohn aus dem Westen anreiste. Jedes der Mädchen war, wie gewohnt, auf seinem Posten und es gab keinen Moment an dem sie sich auszuruhen vermochten, die Weihnachtszeit war immer eine Herausforderung. Der junge Mann war offensichtlich wohlhabend, fein gekleidet, von attraktiver Erscheinung und ein ausgesprochener Liebhaber der Schokolade. Er war von weither angereist, ausschließlich um das Schokoladencafé zu besuchen, von dem, wie er sagte, mittlerweile alle Welt spräche. Man bedachte ihn mit der größten Aufmerksamkeit und ließ ihn nicht eine Sekunde warten. Noch zu diesem Moment ahnte niemand, dass man eben diesen Tag, da dieser äußerst attraktive Fabrikantensohn das Kaffeehaus betreten hatte, nie vergessen würde. Es ereignete sich in der Folge bislang nie Dagewesenes. Wie von Geisterhand angestoßen breiteten sich heftigste Turbulenzen in den Räumlichkeiten des Cafés aus, die niemanden dort unberührt lassen sollten. Dabei bestellte der Mann aus dem Westen lediglich eine Heiße Schokolade, wie es seine Leidenschaft war. Sekunden danach versiegte bereits vollkommen überraschend der Schokoladenbrunnen und es tropften nur noch Reste der braunen Masse von den Schalenrändern. Unverzüglich ging Vera, wie es ihre Aufgabe war, der Sache nach. Svenja bemerkte das Unglück ebenfalls und beleidigte vor Schreck unbeabsichtigt einige der Kunden, woraufhin sich bei den Gästen begann Unmut breitzumachen. Raunen durchzog das Café und wie in Wellen brandete Ärger auf über die verpatzte Stimmung. Im aufkommenden Tumult verwechselten Paula und Tanja die Rezepte und ihre Zutaten. Die ersten Kunden verließen protestierend das Schokoladencafé, dem mit einem Mal sein Glanz abhanden gekommen schien. Anja, völlig aus dem Konzept gekommen angesichts der Vorfälle, verzählte sich ständig beim Herausgeben des Wechselgeldes. Die arme Inka bekam den ungehemmten Zorn des Publikums in Gänze zu spüren. Sie wurde von den Gästen hin und her gestoßen und beleidigt und konnte sich jetzt vor den Tritten und Schlägen nur noch hinter den Tresen retten. Reihenweise wurden durch das plötzliche Gedränge Kinder in die unterste Brunnenschale gestoßen, die dort zu ertrinken drohten. Die Mütter stürzten selbstlos hinterher. Auch Vera kam zu Hilfe, wo sie nur konnte. Sie versuchte zu beruhigen und zu retten zur gleichen Zeit und war bemüht die Ordnung auf irgendeine Weise wieder herzustellen. Das schien ihr nur machbar, wenn es gelänge den Schokoladenbrunnen wieder in Gang zu bringen. Sie mobilisierte alle Kräfte, auch um ihre Mitstreiterinnen wieder in ihre Positionen zu dirigieren, aber es schien aussichtslos. Verzweifelt suchte sie nach Rentja, dann versuchte sie selbst Schokolade zu schmelzen und nachzugießen. Vergeblich, schon war sie über und über mit der klebrigen und zähen Flüssigkeit besudelt, aber nichts davon wollte in den Brunnen gelangen. Alles blieb ausschließlich an ihr haften und langsam verklebte sie selbst bis zur vollkommenen Erstarrung. Hilflos rief und jammerte sie nach den anderen, doch die waren nur noch damit beschäftigt sich vor aufgebrachten Gästen in Schutz zu bringen und die Kunden abzuwehren, die lautstark ihr Geld zurückforderten. Eine Raserei war entbrannt, die niemand mehr zu löschen vermochte. Wie es schien, war das Schokoladencafé seinem Untergang geweiht.
Am nächsten Morgen, es war der Morgen des Heilig Abend, waren die Schaufenster des Kaffeehauses vollständig verkrustet mit erkalteter Schokolade. Die braunschwarze Masse überzog das gesamte Interieur und quoll noch durch die Eingangstür nach draußen. Man konnte nicht mehr hineinsehen, wo es am Tag zuvor noch so zauberhaft herausglitzerte. Es waren nur noch die Hilfskräfte bei der Arbeit zu beobachten. In der Nacht waren Spezialeinheiten der Feuerwehr in die brodelnde Hölle eingedrungen und hatten versucht zu retten, was zu retten war. Im Morgengrauen kam das Ausmaß der Katastrophe zum Vorschein. Obgleich man schon Stunden mit der Rettungsaktion beschäftigt war, dauerten die Anstrengungen mögliche Opfer in der stellenweise noch heißen Schlacke zu finden an, als morgendliche Kirchgänger bereits zur Andacht strömten. Mit gleichgültigen Minen gingen sie an dem Ladengeschäft vorüber zur Kirche, die sich auch am Platz befand. Sie schwiegen angewidert oder murmelten sich mit abfälligen Gesten in Richtung Kaffeehaus Gerüchte zu. Sie bemerkten kaum, dass soeben Hilfskräfte die fünfte Mädchenleiche aus dem Haus trugen und neben die anderen ablegten. Kopfschüttelnd über den Wahnsinn, der diese verrückten Gören getrieben haben muss, nahmen die Leute keine Notiz mehr davon, dass es soeben gelungen war eines der Mädchen noch lebend aus der Schokolade zu bergen. Jede Pore des Körpers verklebt und an Kakao nahezu erstickt, konnte man Vera erkennen, die von Rettungsleuten vor dem Café abgesetzt wurde. Sie starrte fassungslos auf die entstellten Mädchenkörper, die ihr direkt zu Füßen lagen. Als sie gleich darauf einen Feuerwehrmann rufen hörte: "Männer macht Schluss! Packt zusammen, wir sind fertig!" Ergriff sie flehentlich dessen Hand und ging ihn in ihrer Verzweiflung an: "Nein, ihr dürft nicht aufgeben, es muss noch eine von uns drinnen sein. Wir waren doch sieben!" Da antwortete ihr der Feuerwehrhauptmann, der fast ebenso erschöpft schien, wie Vera: "Wir geben nie auf! Aber wir sind jetzt sicher: Es ist niemand mehr drinnen!"
Die Kräfte schwanden Vera aus dem Körper, ermattet und resigniert ließ sie sich zu Boden gleiten. In diesem Moment der Hoffnungslosigkeit donnerte mit Klirren und Rasseln ein blumenbeschmückter Zweispänner über das Steinpflaster von der Kirche herüber, durch die Menschenmenge hindurch, geradewegs auf Vera zu. Die Passanten vermochten gerade noch vor den Hufen der beiden aufgebrachten Schimmel auszuweichen. Kurz vor dem Mädchen drehte die Kutsche ab, und Vera vermeinte im Vorüberstieben vernommen zu haben, wie eine lachende Stimme im Fond sagte: "Sei unbesorgt, Liebste! Wir werden es kaufen und alles wieder aufbauen!" Dann sah sie den schwarzen Wagen nur noch von hinten, wie er in voller Fahrt den Platz verließ, geradewegs gen Westen. - Und siehe: Niemand kaufte jemals das Schokoladencafé, es war ein für alle Mal Geschichte.
03.12.07

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Das
Schokoladencafé
von Jürgen Mick