Es war Donnerstag, der 23. Dezember. Ich fand mich unversehens barfüßig im Garten wieder, als dieser Tag wenige Sekunden alt war. Es war eine mondhelle Nacht und der Schnee leistete seinen Beitrag, dass ich mich, wie in ein Fotostudio versetzt fühlte. Die Atmosphäre barg mich im Luftleeren. Ich war nicht barfüßig, doch die Sohlen meiner Latschen versanken so weit im nassen Schmelz, dass ich meine Füße, wohlig umgeben vom eisigen Pulver, völlig entblößt glaubte. Der Wind war lau, wenn auch unter dem Gefrierpunkt. Man hatte sich an den Frost in wenigen Tagen gewöhnt, dass man in der Brise, die in dieser Szene meinen Schlafanzug durchwehte, herannahendes Tauwetter vermuten konnte. Die Kälte war nicht wirklich zum Erfrieren. Wie Sand stieb das Pulver bei Mondschein silbrig auf, während ich im Kreise wandelte. Ein Schnappschuss, den niemand sehen konnte, alles schlief um Mitternacht. Deshalb - schade - müssen die Menschen sich Filme erfinden, weil die Wirklichkeit immer geschieht, während sie wegsehen. Die künstliche Belichtung bringt den Menschen jene Momente zurück, die sie für gewöhnlich verschlafen. Wenn man immer wüsste, was sich nachts um einen herum abspielt. Die ganze Szene war nicht gestellt, hätte jedoch so gewirkt, wenn sie jemand gesehen hätte. Nur für wen, sollte ich sie darstellen, als für mich? Mit bloßer Hand umfasste ich den Weihnachtsbaum und trug ihn hierhin und dorthin, im Schnee meine Spuren hinterlassend, die mich daran gemahnten, endlich einen Patz zu finden, an dem dieser unmögliche Weihnachtsbaum seine ruhige Vorweihnachtsnacht verbringen könnte. Der Wind sollte stärker werden, hat man verkündet, und die Fichte hatte schon jetzt der Brise nicht mehr Stand gehalten. Sturm soll es geben, wie damals auf dem See. Die Äste wollte ich schonen, nicht knicken sollten sie und nicht übergebühr beansprucht werden durch Sturz, obgleich ich das Nadelvieh für ziemlich zäh hielt, als ich es jetzt durch den Eisgarten schleppte, hoch empor haltend wohlgemerkt, so dass der Arm lahm wurde. Erst war ich mir unsicher, überhaupt etwas unternehmen zu sollen. Dann aber entschied ich mich dafür, weil doch schon die Anschaffung so sorgfältig vonstatten gegangen war und die Mühe doch lohnen solle, und nicht vom Sturm nachträglich noch zunichte gemacht werden solle. Wie bedauerlich wäre es, am Heiligabend dann geknickte Äste schienen zu müssen, oder eine abgebrochene Spitze mit einer jener Glasspitzen kaschieren zu müssen. Die Assoziation mit dem Sand - war mir inzwischen bewusst geworden - musste von der vorausgegangenen Lektüre herrühren, in welcher ich mich intensiv mit dem Evangelium nach Jesus Christus beschäftigt hatte. So fühlte ich den Schlafanzug wie eine Tunika um die Genitalien flattern und die Latschen konnten mich ebenso wenig vor dem Schnee schützen, wie sie Jesus den Wüstensand fernhielten. Bald würden sie mir in Fetzen von den Knöcheln baumeln, sollte ich noch länger die Nacht hier draußen verbringen. Immerhin trug ich einen Baum zu Christus Ehren, schützend am ausgestreckten Arm, während Schneekristalle meine Zehen betäubten und ich fühlte wie die Nadeln sich in meine Hand bohrten. Mir war weder kalt noch empfand ich direkte Schmerzen, vielmehr war es alles nur ein Reflektieren. Der Schnee müsste beißen, der Wind mich erzittern lassen und die Stacheln im Fleisch meinen Willen brechen. Stattdessen genoss ich es zunehmend in heroischer Pose, wie ein Fackelträger, durch den silberweißen Firn zu stolpern. Meine Füße wurden zu Märtyrerfüßen, meine Hände zu Werkzeugen des Guten und insgeheim wäre es zumindest ein groteskes Schauspiel gewesen - für einen möglichen Zuseher -, wie ich meinen Körper an den Wind und das Wetter übergab. Jetzt wollte ich nur noch Erfrieren, in dieser einen Nacht vor Heiligabend. Letztlich fand sich doch eine Ecke im Spalier in die ich sorgsam das Heidengewächs einklemmen konnte, auf dass es eine geruhsame Restnacht verbringen könne. Und der schlafenden Kinderschar war ein unversehrter Christkindersatz bewahrt geblieben. Doch mir war die Szene mehr. Eine transzendente Wandlung meines eigenen einfachen Körpers zum Auserwähltsein. Derjenige, dem um diese Zeit eigentlich die Federdecke verhießen war, hatte sich ermannt, entgegen allen Prophezeiungen, Dornen durch den Schnee zu tragen. Keinen Pfifferling hätte jemand, der mich kannte, darauf verwettet, dass der alte Atheist sich auch nur bequemen würde einmal nachzusehen, wie es dem unliebsamen Kultgegenstand in der Sturmnacht ergeht. Welch´ unverständliche, triviale und unverschämt rudimentäre Erhöhungspose war daraus entstanden, und mir mitgespielt worden, die zu bedenken ich erst wieder im Federbett, mir selbst, wie im Film zusehend, nicht für möglich gehalten hätte, stünde nicht als Zeugnis dieser Weihnachtsbaum, der morgen erst Einlass erhalten wird, jetzt dort im gefrorenen Spalier verwahrt, Und er würde nicht für die nächsten Tage unversehrt in die Stube eingedrungen sein und dankend sein Licht über sein Nadelkleid breiten, dem Schutz anzugedeihen ich übermannt worden war, und welches mir einen Augenblick als Dornenkrone aufgesetzt ward, von unvordenklicher Gewalt, von der niemand weiß, wer sie je schickt. So setzte sich dieses nachts eine Heerschar von Engeln über mich hinweg, um meiner Zehenspitzen Wundmale mir als das Gute zu bezeugen.
2005

![]()
Vorweihnachtsschauspiel
von Jürgen Mick