Es war einmal ein armer Architekt, der ziemlich erfolglos sein Dasein fristete. Er hatte eine junge Frau und sechs Kinder. Die meiste Zeit saß er in seinem Büro, es war der einzige Raum, der beheizt war. Dort zeichnete und skizzierte er und erdachte sich die außergewöhnlichsten Gebäude, die allerdings bisher nie ein Mensch bauen wollte. Er war zu allem Übel nicht nur ein sehr erfolgloser Architekt, er war auch ohne jedes Talent für diesen Beruf. Dennoch entwarf er soviel er konnte und sandte zu jedem Wettbewerb seine Zeichnungen und Modelle ein. Mit größter Spannung erwartete er jedes Mal wieder die Beurteilung der Preisrichter, obwohl er genau wusste, dass er nur wieder eines von den, eigens für ihn gedruckten, Dankschreiben erhalten wird, in denen sein Misserfolg von höchster Stelle bedauert wird: "Wir danken für ihren vollkommen missglückten Beitrag und bedauern, dass sie so unbegabt sind."
Seine Kinder bekam er selten zu Gesicht, so war ihm auch nicht aufgefallen, dass sie sehr abgemagert waren. So sehr er seine Familie liebte, er konnte es einfach nicht lassen, Gebäude zu entwerfen, die keiner braucht.Doch als es wieder einmal Weihnachten war, trat er vor seine Familie und sprach: "Ich weiß, dass wir sehr sparen müssen und uns sogar an Weihnachten keinen Weihnachtsschmaus und keinen Weihnachtsbaum leisten können. Aber, liebe Frau, liebe Kinder, dieses Jahr habe ich eine Überraschung für Euch: Ich habe ein Haus entworfen, nicht für die verständnislosen Menschen da draußen und auch nicht für einen dieser Wettbewerbe, sondern nur für Euch, meine Kinder und meine liebe Frau."
Er ging in sein Büro zurück und kam mit dem Modell eines großen Einfamilienhauses zurück. Er stellte das Modell auf den leeren Holztisch in der Mitte des Raumes und tapezierte die Wände des Zimmers mit großen, endlos langen Plänen. Mit traurigen Augen standen die sechs Kinder und seine Frau um den Tisch, und er begann zu erzählen, von dem Haus, das er nur für seine Familie entworfen hatte. Es war ein unglaublich riesiges Haus, es dauerte ganze zwei Stunden bis er alles daran seiner Familie erklärt hatte, und es war ein miserables Haus.
Als er endlich zu Ende war, blickten ihn sechs hungrige Augenpaare ungläubig an. Die Mutter aber nahm das Modell vom Tisch und ging damit in die Küche. Dort hackte sie das Haus in Stücke, nahm einen großen Topf, gab einige Körner Reis dazu und ein wenig Salz und kochte daraus eine Suppe. Sie setzte die Suppe der Familie vor und alle aßen ohne ein Wort zu sagen, bis schließlich nichts mehr von der Suppe übrig war. Danach sagte das jüngste der Kinder, sie hieß Natascha: "Das war das beste Haus, das ich je gegessen habe."24.05.04

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George Tabori zum 90. Geburtstag - Eine Hommage für
den dienstältesten Theatermacher der Welt
Der
Weihnachtsschmaus
(frei
nach George Tabori)
von Jürgen Mick