Es muss am Morgen des gleichen Tages gewesen sein, wie er sich trotz seines Zustandes versuchte zu erinnern, als er, der Weinfabrikant und seine Frau, in einer von der Stadt nicht allzu weit entfernten kleinen Ortschaft, in Großau, wie sie es schon seit Jahren gewohnt waren, im Salon ihres Landhauses Geschenke für das Weihnachtsfest zurecht machten, die sie mit Papier, Paketband und Schleife sorgfältig verpackten, wobei er, der Weinfabrikant, ein jedes mit einem individuellen Namensanhänger versehen habe, den er eigenhändig, aber nach Angaben von ihr, seiner Frau, die ihm den jeweiligen Adressaten wusste, beschriftete. Sie, die Frau des Weinfabrikanten, hatte Listen mit Namen und den jeweiligen Geschenkartikeln vor sich und sortierte das eine zum anderen, während er die Namen und passende Glückwünsche, die er selbst sich mühsam erdacht habe, auf die Pappetiketten schrieb. Sie taten all das in routiniert entspannter Atmosphäre, sie seien sich sicher gewesen, dass sie alles noch rechtzeitig für das Fest erledigen würden, sämtliche Notwendigkeiten für den bevorstehenden Heilig Abend noch in der Lage wären zu besorgen. Die Tätigkeit der Weihnachtsvorbereitung ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Tätigkeit, die er der Weinfabrikant mit ihr, seiner Ehefrau gemeinsam und inzwischen mit Routine Jahr für Jahr erledigte. Aus der Familie, von der sie beide geträumt hatten, war nie etwas geworden. Seit Jahren wünschte man sich ein Kind, doch es wollte nichts werden, stattdessen wuchs lediglich die Zahl der Hausangestellten. Während des Jahres hatten sie eine neue Köchin und noch vor wenigen Wochen den neuen Chauffeur, den Ferdinand in ihre Dienste genommen. Immer neue Anbaugebiete und expandierende Absatzmärkte weltweit bescherten dem Weinfabrikantenehepaar ein sorgenfreies Leben. Der Weinhandel lief von Jahr zu Jahr besser und auf weiteres schien man sich stillschweigend geeinigt zu haben, das zu genießen, was man habe. Die Päckchen seien dieses Jahr zahlreicher als all die Jahre zuvor, sagte er an diesem Vormittag unvermittelt in die geschäftige Stille hinein, wie er sich erinnerte, es sei doch zur reinen Gewohnheit geworden jedes Jahr mehr Geschenke zu machen, wie er meine, ja es grenze doch geradezu an Maßlosigkeit in solchem Umfang Präsente zu verteilen, sagte er völlig unvorbereitet zu seiner Frau, die auch darauf nicht im geringsten gefasst schien, und sich spontan gezwungen sah, sich gegen einen solchen Einwand, als welchen sie ihn unnötiger Weise verstanden hatte, zu verteidigen. Deshalb würde er diesen Satz nicht noch einmal so unvorbereitet seiner Frau an den Kopf werfen, hätte er die Möglichkeit diese Situation noch einmal durchzumachen. Was keinesfalls heißen solle, dass er diese Situation unbedingt noch einmal durchmachen wolle, im Gegenteil eine solche Situation würde er unter keinen Umständen noch einmal durchmachen wollen, aus jetziger Sicht. Sie, seine Frau, habe daraufhin betont, dass es sich um ein Geschenk des Himmels handle, dass es ihnen, ihr und ihrem Mann, nun einmal von Gott gegeben sei, so reichlich zu beschenken, und dass es ihre christliche Seele geradezu fordere von ihrem Reichtum, den man ja nicht mehr zu verhehlen brauche, abzugeben. Zu schenken, Konrad, habe sie gesagt, sei - Heilige Muttergottes sei Dank - eine Christenpflicht, worauf sie, den Worten Nachdruck zu verleihen, eine Verbeugung in Richtung der Heiligenstatuette auf ihrem Schriebtisch folgen ließ, wie er meinte. Jetzt noch die Spendenüberweisungen, habe sie dann in kaufmännischem Ton sogleich hinterhergeschoben, um ihm nicht die geringste Zeit zu lassen auf diese Provokation, wie er meinte, zu reagieren. Dann habe man es wiedereinmal geschafft, für dieses Jahr, wie sie sich wohl ausgedrückt habe. Vom Schreibtisch holte sie umgehend einen Packen Formulare und küsste bei der Gelegenheit die Madonna auf ihr Haupt. Danach begann sie eine ihrer Listen zu durchforsten, während er sich, ohne noch ein Wort darauf sagen zu wollen, bemühte die letzten Etiketten zu beschriften. Die Welthungerhilfe könne man dieses Jahr getrost etwas weniger bedenken, habe er aber dann doch gesagt, als sie begann rücksichtslos die Überweisungsformulare auszufüllen. Mit der größten Rücksichtslosigkeit habe sie aber ohne auch nur aufzusehen weiter diese Überweisungsformulare ausgefüllt. Man habe das ganze Jahr über nichts von großen Hungerkatastrophen vernommen, habe er ihr seinen Einwand begründen wollen. Es sei so oder so nur allein von den Medien abhängig, was immer gerade für Katastrophen herrschten, sagte er ihr. Ganz wie Du meinst, Konrad, habe sie ihn daraufhin abgefertigt, wie er sich erinnerte. Es muss ihn sichtlich angestrengt haben, bis das letzte der Etiketten an den Paketen befestigt gewesen war. Ungeachtet dessen wusste ihm seine Frau sofort einen weiteren Dienst und habe von ihm, dem Weinfabrikant verlangt die Pakete mit etwas von dem Dekorationsmaterial zu drapieren, wo sie doch zweifellos gewusst habe, dass ihm jedwede Dekorationsarbeit ein Gräuel sei. In der Kiste dort, Konrad, habe sie ihn rücksichtslos unterwiesen, findest Du das Nötige, während er, sichtlich am Ende seiner Geduld, aber dennoch bereitwillig nickend, den Deckel der Kiste anhob, die auf einem der Sessel neben ihm schon bereitstand. Es sei doch an der Zeit einmal über die Zukunft nachzudenken, sagte er ihr, und nicht bedenkenlos alles wegzugeben. Diese Maßlosigkeit werde noch die ganze Familie in den Ruin stürzen, insistierte er von neuem. Darauf sie, es habe doch nichts mit Maßlosigkeit zu tun, wenn man etwas von dem Überfluss an die Ärmsten abgäbe, und überhaupt werde nach ihrem Tod von der sogenannten Familie doch nichts mehr übrig sein. Ganz und gar Nichts sei dann von ihrer sogenannten Familie noch übrig. Ausgestorben, habe sie gesagt, seien sie dann für immer und ewig. Vielmehr wäre es doch angebracht sich einmal Gedanken zu machen, wohin mit dem vielen Geld, wenn sie einmal nicht mehr seien, wenn sie einmal ausgestorben seien. Und sie habe in der Folge immer wieder dieses "Ausgestorbensein" wiederholt. Man könne den Nachlass zum Beispiel der Kirche vermachen oder gar eine eigene Stiftung gründen. Sie beschrieb abermals eines dieser Überweisungsformulare. Er versuchte Schleifen und Sterne zu entwirren. Sie solle sich doch nicht schon mit allem abfinden, habe er ihr gesagt. Es höre sich so an, als habe sie sich schon mit allem abgefunden. Er hätte sich seine Gedanken über die Zukunft schon gemacht. Für sie aber sei wohl, wie es den Anschein habe, ihre Lebensplanung abgeschlossen, sagte er, für ihn sei das Leben keineswegs schon beschlossene Sache. Er könne es nicht für gut heißen, wenn sie ihre Lebensplanung schon als abgeschlossen betrachte, in ihrem Mittleren Alter, wie er sagte. Er verstrickte sich zunehmend in die Dekorationsutensilien, während er versuchte ernsthafte Konversation zu führen, während sie Formular um Formular ausfüllte. Ferdi solle die Sachen heute noch zur Post bringen, habe sie nur lapidar erwidert, wie er sich erinnerte. So sieh zu, dass Du fertig wirst, habe sie ihn, ihren Mann, angetrieben. Ich habe übrigens angewiesen, dass wir heute zu Abend kalt essen, habe sie dann vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen dazwischen geworfen, wenn es Dir recht ist, Konrad, habe sie obligatorisch gefragt. Das Personal ist zu beschäftigt mit den Speisen für die nächsten Tage, wie Du Dir vorstellen kannst, obgleich sie damit nur sagen wollte, dass er sich überhaupt nicht vorstellen könne, wie aufwendig diese Weihnachtsvorbereitungen für sie, seine Frau seien. Ihm sei in dieser Beziehung, so oder so, alles recht, wie sie ihm immer unterstellt habe. Er war zu diesem Moment nur noch bestrebt sich aus den Bändern und Schleifen zu befreien und verhedderte sich nur noch mehr darin, so aufgewühlt sei er in der Zwischenzeit gewesen. Unterschreibe doch endlich, habe sie gemahnt und ihm die vollständig ausgefüllten Formulare vor die Nase gelegt. Es sei doch eine reine Gewohnheit, habe er wieder angefangen, dass Du diese schrecklich hohen Summen all diesen karitativen Zwecken zukommen lässt. Nein keine Gewohnheit, eine regelrechte Sucht sei es, fügte er hinzu, als sie nicht reagierte. Sie läse zuviel in der Klatschpresse und schaue viel zu viel fern, sagte er, sie reagiere nur noch aus Gewohnheit auf alles, was ihr die Medien vorsetzten und habe mit ihrem eigenen Leben bereits abgeschlossen. Dem Geschäft mit dem Weihnachtfest gehe sie jedes Jahr wieder auf den Leim, wie er meine, und sie sähe das alles viel zu wenig kritisch, habe er ihr vorgeworfen, weshalb ihre Weihnachtsvorbereitungen von Jahr zu Jahr mehr ausuferten. Ab August habe sie regelmäßig nichts als ihre Weihnachtvorbereitungen im Kopf. Schon im August, wohlgemerkt mitten im Sommer, denke sie nur noch an Weihnachten. Wohingegen er, wie er gesagt habe, jetzt ernsthaft sich mit der Zukunft auseinandersetzen wolle und auch in seinem Mittleren Alter nicht daran denke seine Lebensplanung aufzugeben. Weil sie beide, er als Weinfabrikant und sie als seine Frau, jetzt in ihrem Mittleren Alter, wie er sagte, die Lebensplanung keinesfalls aufgeben dürften. Es wäre ein sträfliches Verbrechen, wenn man gerade jetzt im Mittleren Alter seine Lebensplanung aufgäbe, habe er gesagt. Die einzige Zukunft, die sie selbst in der Hand hätten, sei ihre eigene, um nicht zu sagen die ihrer Familie, wie er glaubte sich zu erinnern, gesagt zuhaben. Sie habe nur rücksichtslos weitergeschrieben ohne ihn wahrzunehmen, habe er den Eindruck gehabt. Bis sie schließlich unvermittelt sagte, sie frage sich selbstverständlich auch, von Zeit zu Zeit, weshalb sie das alles täte. Aber dann sage sie sich, es ist doch nur angemessen, dass sie die anderen an ihrem Wohlstand teilhaben lasse. Sie verneigte sich andeutungsweise abermals vor der Muttergottes, wie er glaube registriert zu haben. Das geböte schließlich die christliche Nächstenliebe. Er, der Weinfabrikant hielt jetzt inne und schaute in eine imaginierte Ferne. Wir haben mehr als genug, Konrad, habe er sie noch sagen hören, und dem Herrgott sei Dank, da mache es doch Freude anderen, die nicht soviel hätten etwas abzugeben. Gerade wenn man es sich leisten könne, wie sie, als Frau eines Weinfabrikanten, bei dem die Geschäfte so hervorragend liefen, da sei es doch nur christlich zu geben, was man kann, sagte sie und bekreuzigte sich, wie er von der Seite mitbekommen habe. Unversehens habe auch er sich, wohl mehr spontan, wie aus einem Reflex heraus, wie es ihm schien in diesem Augenblick bekreuzigt. Man dächte doch gewohnheitsmäßig immerfort in unserer Zeit ausschließlich an sich selbst, wie sie sagte, für ihr Gefühl eigentlich zu sehr, wie sie meine. Es ist nicht des Geldes wegen, habe er daraufhin erregt geantwortet. Das wäre der größte Irrtum ihrerseits, wenn sie glaube, er hätte seine Einwände gegen diese Schenkerei nur des Geldes wegen, sagte er. Viel zu leicht ständen solche Einwände immer im Zeichen des Geldes. Dazu seien unsere Gedanken viel zu sehr beherrscht von dem Geld, habe er ihr gesagt. Ihm ginge es ausschließlich um ihrer beider gemeinsames Leben, das ihnen jetzt, da sie erst, wie er betonte, im Mittleren Alter seien, noch bevor stünde. Ich meine, mir geht es nur um uns, Elionore, habe er ihr gesagt, woraufhin sie nur angefangen habe zu lachen. Ihr Lachen, das so unpassend eingesetzt habe, wurde zudem immer ausgelassner und unerträglich laut. Sie habe sich kaum mehr beruhigen können vor Lachen, wie er sich erinnerte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob sie ihn nicht habe auslachen wollen. Ich habe dieses Jahr einmal an uns gedacht, hat er daraufhin lauthals gegen das Lachen, ihr Lachen, das daraufhin augenblicklich verstummt sei, angeschrieen. Ich habe ausnahmsweise an uns gedacht, Elionore, habe er dann noch in die Todesstille hinein wiederholt. Sie stand nur auf, um neue Formulare aus dem Schreibtisch zu holen. Sie kam zurück an den Tisch und er habe immer noch dort regungslos gestanden, wie er sich erinnerte, als sie nichts anderes zu tun hatte, als feierlich die Worte zu sprechen, jetzt noch unser Patenkind, Konrad. Weihnachten müsse man ihres gemeinsamen Patenkindes großzügig gedenken, wie sie sagte. Unser Patenkind solle doch schließlich von unserer Kultur, der christlichen, etwas mitbekommen, davon dass es Weihnachten überhaupt gäbe solle es wenigstens Notiz nehmen, wie sie meine. Wenn es, das Patenkind, auch zweifellos kaum eine Ahnung haben könne, was Weihnachten bedeute, für sie, den Weinfabrikanten und seine Frau, aber, dass es etwas besonders sei ein Weihnachtsfest, das müsse, ja solle, wie sie betonte ihrem Patenkind unbedingt nahe gebracht werden, weshalb sie ihm heuer einen ordentlichen Betrag extra überweisen werde, wie sie sagte. Sie habe sich an diesem Vormittag von seinen Anmerkungen zu keiner Zeit ernstlich irritieren lassen, wie ihm jetzt auffalle. Wir bereiten anderen eine Freude, habe sie ohne Unterlass wiederholt, ist das nicht schön und eigentlich schon genug. Denk an die vielen Opfer, sagte sie, die Naturkatastrophen, die Kriege und bedenke die zahllosen Kinder, die ja in allen Konflikten, wie man wisse, immer die Leidtragenden seien. Ihnen werde durch ihre, des Weinfabrikantenehepaares von Großau, Großzügigkeit ein wenig das Leben erleichtert, habe sie gesagt, worauf er der Weinfabrikant resigniert geantwortet habe, es sei die reine Willkür, und niemand sei berufen allen zu helfen, so müsse man doch gezielt sein Vermögen einsetzen, um vernünftig in die Zukunft zu investieren, habe er ihr vorgehalten. Es entbehre doch jeder Vernunft nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren, wie er sagte. Es sei aber ihr Gefühl, das ihr sage, dass sie etwas Gutes tue, da komme es auf die Vernunft nun einmal am wenigsten an, habe sie behauptet, wenn es um das Gute gehe, da reiche es ein gutes Herz zu haben, habe sie gesagt, erinnerte er sich. Ferdi wolle jetzt in die Stadt fahren, drängte sie ihn, der unermüdlich Unterschriften leistete, als Ferdinand in den Salon kam. In der Küche brauche man noch dringend einige Zutaten für das Festtagsmenü, deshalb sei er, Ferdi jetzt ein wenig früher dran, und er wolle bis Mittag wieder zurück sein, könne aber auch später noch einmal zur Post fahren, wie er sagte. Nein, Ferdi könne die Pakete schon einladen, habe sie gesagt, sie seien bereits alle fertig. Nur mit den Überweisungen bräuchte man noch einen kleinen Moment, habe sie den neuen Chauffeur unterwiesen, der unverzüglich die Pakete aufeinander stapelte und im Hausflur verschwand. Sie verräumte die unbenutzten Verpackungsmaterialien, während er weiter unterzeichnete und Ferdinand kurz darauf wieder in der Tür stand. Er sei zurückgekommen und habe das Paket in Händen gehalten, wie er sich erinnerte. Gnädige Frau, ein Paket wurde abgegeben, habe Ferdi hoffärtig gemeldet. Überrascht habe man, der Weinfabrikant und seine Gattin und Ferdinand, sich gegenseitig angesehen, während der Chauffeur das unhandliche Paket unsanft auf dem Tisch abstellte. Er, der Weinfabrikant starrte auf das Paket, ließ seinen Füllfederhalter sinken und sei dann, nach einer kurzen Denkpause, aufgesprungen, um den Tisch geeilt und habe Ferdinand von dem Paket weggedrängt. Vorsicht, habe er gerufen, immer wieder Vorsicht, habe er gerufen. Ganz vorsichtig, verdammt, habe er in höchster Erregung die Anwesenden angebrüllt, obwohl diese nur regungslos im Raum gestanden hätten. Sie habe zu verstehen gegeben, dass es sie erstaune, dass er offenbar etwas über das Paket wisse und ging währenddessen mit bedächtigem Schritt und ernsthafter Mine auf ihn, den Weinfabrikant und das Paket zu. Dieses Fest werde etwas ganz besonderes sein, habe er noch gesagt. Es ist wohl einen Tag zu früh dran, doch das sei in diesem Falle gänzlich nebensächlich. Dann solle er doch bis morgen warten und es in den Keller stellen lassen, habe sie ihm vorgeschlagen, man wollen es, wie alle Weihnachtsgeschenke, nur ungern vor Heilig Abend öffnen. Unmöglich, habe er entgegnet, vollkommen unmöglich, das gehe unter keinen Umständen. Man müsse eine Ausnahme machen. Es gehe in keinem Falle auch nur einen Moment zu warten, es stünde zu Gebote es sofort zu öffnen. Sie sei zu höchst beunruhigt, wie sie sagte, und ihre Mine verfinsterte sich, als ginge von dem Paket unverhoffter Weise eine Bedrohung aus. Sie schickte sich an langsam um den Tisch zu gehen. Sie solle sicherheitshalber zurück bleiben, weil er nicht wissen könne, wie sie regieren werde, sagte er. Ich werde das Paket öffnen, er. Sie, Du willst Dein eigens Geschenk öffnen? Du verhältst Dich reichlich albern und höchst verdächtig, Konrad, weißt Du das? Er, es ist schließlich eine Überraschung. Sie, davon gehe sie aus, aber doch für sie, weil er doch anscheinend wisse, was sich darinnen befände. So wäre es nur normal, dass sie es öffnen dürfe, aber sie wolle keine Spielverderberin sein, er solle tun, was er nicht lassen könne, habe sie eingelenkt und sich demonstrativ weggedreht, von ihm weg und dem Paket. Der Weinfabrikant begann mit der höchst möglichen Sensibilität den Würfel vor sich zu untersuchen und habe dann versucht ihn mit den Fingernägeln aufzureißen. Ferdi schob ihm eine Schere über den Tisch. Keine spitzen Gegenstände, habe er geschrieen, unter keinen Umständen mit spitzen Gegenständen öffnen, sagte er. Bevor er den Deckel abzog, habe er kurz innegehalten, wie er sich zu erinnern glaubte, und dann schließlich mit einem Ruck den Karton abgehoben. Von diesem Moment an seien seine Erinnerungen nicht mehr die aller zuverlässigsten, wie er sagte, weil ihm von jenem Moment an das Adrenalin so zugesetzt habe, dass es sich bei allen folgenden Schilderungen um nichts mehr als wage Vermutungen handeln könne. Auf dem Tisch stand jetzt dieser Korb, wie er sagte, ausgefüllt mit einem weißen Kissen, und darauf ein schlummerndes Baby. In dem Moment hielten sie wohl alle den Atem an. Doch sie, seine Frau sei als erste wieder zu Luft gekommen. Ein Kind, habe sie nur gerufen. Konrad, ein Kind, habe sie andauernd wiederholt. Er habe den Karton aus den Händen gelegt und sich zaghaft dem Korb auf dem Tisch zu nähern gewagt, während sie, wie angewurzelt auf Abstand blieb und immerfort gerufen habe, ein Kind. Ja richtig, Elionore, ein Kind, habe er schließlich gesagt und ihr den Korb sachte zugeschoben, um das Baby nicht aufzuwecken, wie er sich erinnerte; zwischen sich und seine Frau habe er das Baby geschoben. Unser Kind, habe er betont. Madonna, ein Kind, habe sie nur gesagt und vergebens um weitere Worte gerungen. Ihr Gesicht sei mehr als leichenblass gewesen, wie er noch vor Augen hat, als sie sich auf den Stuhl niedersetzte. Haben wir uns nicht immer ein Kind gewünscht, Elionore, habe er auf sie eingeredet. Jesus Maria, ein Christkind, sagte sie dann endlich und bekreuzigte sich. Wie kommt es hierher, Konrad, habe sie noch gefragt. Frage nicht, nimm es in den Arm, sagte er, es ist unser Kind, Elionore, dein Kind. Sie habe nur fassungslos und ohne jede Regung mit offenem Mund dagesessen. Unser Kinderwunsch geht endlich in Erfüllung. Freust Du Dich nicht, habe er noch gefragt, darauf sie nur, Heilige Madonna Mutter Gottes, es ist schwarz, Konrad, ein schwarzes Baby liegt auf unserem Esstisch, habe sie entsetzt geschrieen und sei, wie nach Schutz suchend zur Madonna geflohen, vor der Statuette niedergekniet und habe begonnen wie in Trance zu beten. Und noch als die Rettung kam, kniete sie wohl vor dieser Figur und man habe sie gewaltsam auf die Trage ausstrecken müssen, um sie anzuschnallen. Im Hinausgehen habe er ihr noch versucht zu verstehen zu geben, dass er doch nur wolle, dass sie als eine Familie glücklich werden könnten, und dann eine Zukunft hätten, um die sie sich ordentlich kümmern könnten. Mein Baby, Konrad, es ist schwarz, wie käme es nur dass ihr Baby schwarz sei, habe sie noch auf der Trage liegend gefragt. Ob es eine Strafe Gottes sei, dass ausgerechnet ihr Baby ein Schwarzes sei, habe sie ihn gefragt. Was glaubst Du, habe er ihr noch nachgerufen, wie schwierig es sei ein weißes Kind zu adoptieren. Man müsse Jahre darauf warten, ohne Gewissheit auf Erfolg. Ohne Beziehungen bestehe da überhaupt keine Aussicht ein weißes Kind in absehbarer Zeit zu bekommen. Und in ihrem Mittleren Alter stünde ihnen naturgemäß nicht mehr viel Zeit für eine sinnvolle Adoption zur Verfügung, hat er ihr noch zugerufen. Auf die Schnelle sei eben nur ein schwarzes Baby zu haben, wie man wisse, da habe sie aber schon längst nicht mehr reagiert. Daraufhin sei dann das Baby auch erwacht und habe begonnen mit vertrauter Stimme zu schreien. Er sei da unmöglich in der Lage gewesen es zu beruhigen, und habe es seinem Chauffeur überlassen, das Kind. Es sei erst wieder still gewesen, nachdem Ferdi es in seiner Limousine verstaut hatte. Da habe es geschwiegen, ganz friedvoll geschwiegen, als ahnte es etwas von seiner Zukunft, hat er, der Weinfabrikant von Großau noch in den frühen Morgenstunden zu Protokoll gegeben.
20.12.06

![]()
Weihnachtsvorbereitungen
Zweckbeziehungen
II
von Jürgen Mick