Es gibt Tage, so wie jener Weihnachtstag, von dem hier die Rede sein soll, da kommen Engel vom Himmel auf die Erde hernieder und bezeugen eindrucksvoll die Existenz Gottes. Sie geben bereitwillig kleine Zeichen, anhand derer wir sie zu erkennen vermögen. Doch braucht es einen hochgradig durchdringenden Blick, der uns dazu befähigt, die Zeichen eines Engels aus der unermesslichen Zahl von völlig wertlosen Zeichen, die um uns sind und die lediglich die Verführbarkeit des Menschen bezeugen, herauszufiltern. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es allein der durchdringende Blick ist, der es uns ermöglicht, die Zeichen eines Engels zu erkennen; vielmehr vermute ich, dass man darüber hinaus ein von höherer Stelle Auserwählter sein muss.
Ich kannte beispielsweise einen Mann, den erfolgreichen Unternehmer Jérôme, von dem ich nie geglaubt hätte, dass er mit diesem besonderen Blick ausgestattet sein könnte und doch war es jener Jérôme, dem es als einzigem von uns, die wir in seinem Hause lebten, vorbehalten war, die Zeichen eines Engels - der laut eigener Aussage Jérômes sogar zu ihm gesprochen hatte - zu verstehen, und vor allem, sie in einer Weise zu deuten, die es uns allen auch in besagtem Jahr, als ich schon gar nicht mehr gewagt hatte daran zu glauben, doch noch möglich machte, ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern.
Jérôme war zu uns immer sehr korrekt gewesen, das muss ich hier anmerken, wenngleich er mit den zahlreichen weiblichen Hausangestellten einen nicht gerade salonfähigen Umgang pflegte. Mir gegenüber benahm er sich stets besonders zuvorkommend - gerade so, als sei ich für ihn so etwas wie ein eigener Sohn. Ich nehme an, er tat dies vor allem deshalb, weil ich, als sein persönlicher Referent, bestens über die wahren, und für ihn, Jérôme, nicht immer sehr schmeichelhaften Intrigen Bescheid wusste, mit deren Hilfe er sich, über die Jahre hinweg, ein beachtliches Vermögen geradezu erschlichen hatte. Wenn es ums Geschäft ging, hatte er überhaupt eine ungemein abstoßende und durch nichts zu rechtfertigende Art, über Leichen zu gehen.
Immer wieder, zur Weihnachtszeit jedoch, verfiel Jérôme dem Gedanken, er könne seine skrupellosen unternehmerischen Methoden vergessen machen, indem er all seine Angestellten und seine Familie um sich scharte und sie anwies, zusammen mit ihm, ein paar Tage in völliger Harmonie dahinzuleben. Er legte während dieser Zeit allergrößten Wert darauf, dass im Haus kein einziges böses Wort viel. Um dies zu erreichen, gab er einen von ihm selbst erarbeiteten Verhaltenskodex aus, den wir alle peinlichst genau einzuhalten hatten. Entscheidend für den nun schon seit Jahren anhaltenden Erfolg des harmonischen Dahinlebens war jedoch nicht der von Jérôme ausgegebene Verhaltenskodex, sondern die Tatsache, dass er allen Angestellten und wohl auch seiner Familie, eine extra für diese festlichen Tage eingeführte Weihnachtsgratifikation auszahlte - Jérôme hatte es immer schon, seit ich ihn kenne, verstanden, das Verhalten anderer Menschen durch von ihm routiniert abgeschätzte ausreichend hohe Geldzahlungen zu beeinflussen. Selbst seine Gattin, die überaus reizvolle Elena Kuschkova, der vor einigen Jahren immerhin der sehr beachtete Titel einer "Miss Ukraine" zuerkannt worden war und die daraufhin dem Unternehmer Jerome nicht mehr aus dem Sinn gegangen war, hatte er letztlich auch mit Hilfe seiner schier unbeschränkten Geldmittel für sich gewinnen können. Elena lieferte sich erwartungsgemäß der Sorglosigkeit aus und gebar ihm zwei Kinder, Julie und Jim. Elena schien mit ihrem Leben recht zufrieden zu sein - wozu sie auch allen Grund hatte, denn Jérôme gestattete ihr, über ein verschwenderisch hohes Budget zu verfügen, um sich selbst und das Haus in standesgemäßem Glanz erstrahlen zu lassen.
In jenem Jahr, von dem hier die Rede ist, schickte mich Elena, wie sie dies auch in den vorangegangenen Jahren stets getan hatte, am späten Vormittag des Weihnachtstages los, um in der nahen Stadt alles Mögliche zu besorgen: Baumschmuck, festliche, extra für die Weihnachtszeit neu gefertigte Beleuchtungskörper für den Speisesaal, Kerzen, die beim Abbrennen nach Anis duften und natürlich die Weihnachtsgeschenke für die Kinder, die wie üblich, anhand einer von Julie erstellten Wunschliste, bereits Wochen vorher, von mir bestellt worden waren - weder Jérôme noch Elena hatten sich in den letzten Jahren mehr um die Geschenke für die Kinder kümmern wollen, denn Julie und Jim hatten, schon als sie noch ganz klein gewesen waren, die für sie ausgesuchten Geschenke niemals auch nur angerührt. Die Aufgabe, für die Geschenke der Kinder zu sorgen, war daraufhin mir übertragen worden. Meiner einzigen Forderung, man solle mir eine Wunschliste übergeben, um künftig den alljährlichen Verweigerungsakt der beiden Kinder, der sich, unter sträflicher Missachtung von Jérômes Verhaltenskodex, direkt unter dem Weihnachtsbaum abspielte und also zwangsläufig zu einer nicht wieder gut zu machenden Störung des uns abverlangten harmonischen Dahinlebens führen musste, zu vermeiden, wurde mit Begeisterung entsprochen und so war es mir seither eine denkbar angenehme Pflicht gewesen, gewissermaßen, im Hause Jérômes das Christkind zu sein. Darüber hinaus bot sich für mich dabei eine gute Gelegenheit, meine Ersparnisse aufzubessern, denn es war noch nicht einmal, seit ich für die Geschenke der Kinder zu sorgen hatte, nötig gewesen, den gesamten Geldbetrag, den man mir zu diesem Zweck überlies, auch nur annähernd aufzubrauchen und Jérôme hatte sich, milde lächelnd, stets geweigert, den Restbetrag wieder zurückzunehmen.
Nachdem ich aus der Stadt zurückgekehrt war, ließ ich alle Besorgungen in den Vorraum schaffen und ging zu Elena in den Speisesaal, um ihr bei den weiteren Weihnachtsvorbereitungen zu helfen. Elena war es auch in diesem Jahr, von dem hier die Rede ist, wichtig gewesen, dem ganzen Haus - vor allem den herrschaftlichen Speisesaal mit der großen Tafel - einen festlichen Glanz zu verleihen und sie behielt es sich vor, wie sie es sich auch in den letzten Jahren stets vorbehalten hatte, den Weihnachtsbaum selbst zu schmücken, obwohl ihr, über die Jahre hinweg, nicht entgangen sein konnte, dass ihre Bemühungen, hier im Haus - vor allem von den weiblichen Hausangestellten - immer wieder aufs Neue, arglistig belächelt worden waren. Elena fehlte zugegebenermaßen überhaupt jegliches Geschick für derartige Tätigkeiten. Für mich war jedoch dieser Mangel, der Elena zweifellos anhaftete, noch nie Grund genug gewesen, mich von ihr abzuwenden. Im Gegenteil: Wann immer es möglich war, suchte ich - nicht allein mangels näherer Beziehungen zu anderen Mädchen - Elenas Nähe. Die weiblichen Hausangestellten begannen in letzter Zeit sogar schon über eine Liebesbeziehung zwischen Elena und mir zu spekulierten. Ich muss hier zugeben, dass man sicherlich diesen Eindruck hätte gewinnen können, denn es war durchaus keine Seltenheit, dass auch Elena, während Jérôme sich auf einer seiner häufigen Geschäftsreisen befand, sich bei mir anzulehnen versuchte. Es war aber niemals, nicht, während wir gemeinsam an kalten Winterabenden am Kaminfeuer saßen und auch nicht, während wir uns an warmen Sommerabenden nackt in den Ufersand des nahen Flusses legten, zu Berührungen gekommen, die über das übliche Maß der persönlichen Fürsorge hinaus gegangen wären. An jenem Nachmittag jedoch, von dem hier die Rede ist, während ich Elena die Leiter hielt und sie sich noch einmal streckte, um dem Weihnachtsbaum die weiße Glasspitze aufzusetzen, war sie mir plötzlich, völlig unverhofft, mit einer unbedachten Bewegung, in die Arme gesunken.
Als die Tür sich öffnete war es für uns bereits zu spät gewesen, um noch rechtzeitig voneinander abzulassen. In Jérômes Blick war jenes Flackern zu sehen, das ich gut kannte, und das mir zu schlimmsten Befürchtungen Anlass gab. Er habe gleich den Engel gesehen, als er zur Tür hereingekommen war, erklärte uns Jérôme. Um ihn herum sei für einen kurzen Augenblick lang alles so grell erleuchtet gewesen, dass er einzig und allein den Engel habe wahrnehmen können, der über dem Weihnachtsbaum schwebte und der ihm verkünde, dass es nun nur von ihm, Jérôme, selbst abhängen würde, ob in diesem Hause auch in jenem Jahr, von dem hier die Rede ist, ein friedliches Weihnachtsfest gefeiert werden könne und dass er sich nicht fürchten solle. Der Unternehmer Jérôme verstand es - wohl mit göttlicher Hilfe - die Zeichen des Engels zu deuten. Er winkte die Hausangestellten herbei, die seit längerem bereits grinsend in der Ecke gestanden hatten und wir begannen unter Anweisung Elenas, mit den Vorbereitungen für den Weihnachtsabend fortzufahren.
Auch in jenem Jahr, von dem hier die Rede ist, standen die Hausangestellten und die Familie also wieder im Speisezimmer, vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum. Elena trat dicht neben Jérôme, und stimmte ein altes Weihnachtslied aus ihrer Heimat an. Die Hausangestellten versuchten den ungelenken Text so gut es ging mitzusingen, denn sie wussten, dass Jérôme dies von ihnen erwartete.
Elena würde niemals die Sorglosigkeit aufgeben, und mir war klar, dass ich es würde kaum ertragen können, weiterhin hier leben und womöglich auch im nächsten Jahr, wieder zusammen mit Elena, den Weihnachtsbaum schmücken zu müssen. Am nächsten Morgen bat ich um meine Entlassung. Ich verlies das Haus Jérômes, der keinerlei Einwände gegen meine Entscheidung hatte; er forderte lediglich, in umständlicher Ausführlichkeit, die von ihm bereits im Voraus ausbezahlte Weihnachtsgratifikation von mir zurück, da ich, wie er mir sagte, gegen den von ihm ausgegebenen Verhaltenscodex verstoßen, und also das harmonische Dahinleben dieser Tage, im Hause Jérômes, auf nicht wieder gut zu machende Weise gestört hätte.

16.12.06


Zweckbeziehungen
oder Unternehmerische Freiheiten zur Weihnachtszeit
von Günter Schweigard

 
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