In regelmäßigen Abständen, von kaum weniger als einer halben Minute, beugt er sich zu zwei vor ihm liegenden rekordverdächtig großen Aristoteleswelsen hinunter und klopft ihnen, mit einem silbernen Gourmetlöffel, immer abwechselnd, erst dem einen, mit dem schön marmorierten Bauch, dann dem anderen, mit den verklärt dreinblickenden Augen, auf den breiten Kopf.

Er erwacht. Er hatte einen Traum. Er schwitzt beträchtlich an Kopf und Brust. Was es wohl gewesen sein mag, das er im Leben nicht fähig war zu verarbeiten, so dass er es träumen musste? Solange es nicht zu einer näheren Beschäftigung mit der Traumdeutung kommt, denkt er, wird er auch weiterhin gezwungen sein, seine Träume nach dem Erwachen aufzuschreiben - was sie allerdings nicht zu erklären vermag.

Das einzige was er von Freud weiß, ist, dass dieser, eines Abends, "Die Leiden eines Knaben", von C.F. Meyer, gelesen hat - daraufhin auch er.

Freibeuterisch nutzt er die morgendliche Stimmung für einen ersten gehetzten Höhenflug, um dann, übergangslos - mit geradezu schockartiger Wirkung für alle erhabenen Gedanken - ins Konventionelle abzugleiten.

Er ist kein Mensch, der sich mahnen lässt, und so schenkt er allen Mahnungen, bezüglich der Zugänglichkeit jenes abgelegenen Gebietes, welches er heute zu durchschreiten gedenkt (ein Terrain, das nachweislich noch kein Mensch vor ihm betreten hat), keinerlei Beachtung.

Manische Euphorie führt zur Kritiklosigkeit, und diese wiederum, gepaart mit Übereifer, führt (immermehrwollend) in die Katastrophe.

Beharrlich spielt sich das Leben in aller Stille ab (mit Phantasie und Intuition).

Auflösung einer Familie
Mother I
Allein sitzt er unter der mit Wein bewachsenen Holzpergola. Er trägt einen leichten sattelbraunen Sommeranzug. Es ist warm. Es ist der Tag seines siebenundvierzigsten Geburtstages. Er leidet auch heute unter einem ungemein bohrenden Kopfschmerz; einem Kopfschmerz, der umso unerträglicher wird und der umso häufiger einsetzt, je näher er auf die Vollendung seines siebenundvierzigsten Geburtstages zusteuert. Zeitweise hatte ihn der Kopfschmerz sogar schon am Morgen überwältigt, so dass er nicht einmal mehr das ihm zur Gewohnheit gewordene Denken - zumindest nicht bis zur Mittagszeit - ausüben konnte. Wenn er diesen Tag, heute, überleben würde, denkt er, so wie er dies, seit jenem Tag, als die Mutter an ihrem siebenundvierzigsten Geburtstag gestorben war, nachdem sie beachtliche siebzehntausendeinhundertfünfundfünfzig Tage lang gelebt hatte, nie aufhören konnte zu denken und er also nicht auch, so wie einst die Mutter, an seinem siebenundvierzigsten Geburtstag sterben müsste, dann könnte er - befreit von seinem Kopfschmerz - ENDLICH damit beginnen, zu leben.

Wer nichts von der Zukunft erwartet, der erinnert sich.

Bereits im Alter von zehn Jahren hatte er, nur für sich allein, eine besondere Technik entwickelt, um sich die Unendlichkeit vorstellen zu können: Er verkroch sich in die äußerste Ecke des Erwachsenenbettes, in dem er, mangels eines Kinderbettes, gezwungen war zu schlafen und zog sich die Bettdecke über den Kopf - Spuren der Unendlichkeit findet man, wenn überhaupt, dann nur in völliger Abgeschiedenheit. Auch heute noch stellt er sich, in der äußersten Ecke des Erwachsenenbettes liegend und mit über den Kopf gezogener Bettdecke, die Unendlichkeit vor. Beinahe verwandelt er sich dabei in einen Gott. Mehr kann man nicht erreichen!

Zeit für einen Zweizeiler, denkt er:
Bei Nietzsche kann man lesen:
Auch Götter verwesen!

Von Zeit zu Zeit unternimmt er den Versuch, sich gegen die Umstände seines Lebens zu stellen, um nicht in der Selbstsucht oder in der Belanglosigkeit zu versinken.

Es ist unerlässlich sich mit den Methoden des Täuschens vertraut zu machen. Wer nicht täuscht, der ist verloren!

Eine Fotografie zeigt ihn (in jungen Jahren), zusammen mit zwei Freunden, wie sie sich, alle drei, mit sehr gestrecktem Oberkörper, vermeintlich, am höchsten Punkt des Hoch-hüpfens, tatsächlich jedoch bereits wieder an irgend einem Punkt des Niederkommens befinden - die langen Haare schweben noch einen kleinen Moment am höchsten Punkt des Hochhüpfens, während sich die Körper der drei Freunde offensichtlich bereits wieder nach unten bewegen.

     
 
Denkwürdigkeiten I
 
   
   
   
   
   
   
 
 
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Denkwürdigkeiten eines alleingelassenen Sesshaften
von Günter Schweigard

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