Im Alter von siebenundvierzig Jahren stirbt einer der vielversprechendsten Schauspieler im Lande - auch den Besten ist es nicht möglich, alles zu spielen.
Er findet immer weniger Sprachgenossen, denn er schweigt gegenüber den Geselligen.
Ein unabsehbarer Strom von Menschen bewegt sich auf seinen Sitznachbarn zu. Alle wollen sie dabei zusehen, wie dieser sich die Schuhe schnürt.
Oft ist er tagelang nicht zu sehen. Dann sitzt er im Dom und schreibt gotteslästerliche Sätze.
Sätze wie:
Frische Butter essen Asse des Gesangs
oder:
Gut, dass auch Eskimos heute fischenWas bleibt ist das Schwitzen - doch es ist nicht immer Sommer, dann wird es schon gehen.
Angehende Kirchensänger werden, mit Zustimmung der Kurie, auch heute noch gerne kastriert.
Kurzerhand wendet er sich an einen neben ihm stehenden Mönch und bittet diesen, mit ihm einen Termin zu vereinbaren, um zu diskutieren.
Manchmal geht er mit dem Gitarrenkoffer in die Kirche, setzt er sich in die hinterste Kirchenbank und sieht den Frauen zu, die nur wenig älter sind als er selbst, wie sie in den Kirchenbänken vor den Beichtstühlen knien und darauf warten eingelassen zu werden.
Von allen hiesigen Museen ist ihm das Kunsthistorische das Liebste: Die Stoffe der Sitzbänke sind taubenblau und es riecht nach dem Parfüm alter Frauen.
Wegen der großen Nachfrage kann man sich Marmorblöcke sogar frei Haus liefern lassen - man glaubt ja nicht, wie viele Künstler es heutzutage gibt.
Also bleibt er und baut Häuser, weil kein anderer mehr da zu sein scheint, der Häuser bauen könnte.
Wenn die Straße eng wird, beginnt er sich unwohl zu fühlen.
Für alle, die ihn nicht kennen, macht er sich schlank.
Auflösung einer Familie
Father II
Unvorsichtigerweise ließ er es dabei bewenden, sich lediglich allerhand stichhaltige Vorwände auszudenken, um sich der Gesellschaft des Vaters zu entziehen. Der sonntagvormittäglichen Zweisamkeit zwischen Vater und Sohn und somit auch den "Geschichten zum Fürchten" konnte er auf diese Weise nicht entgehen - im Kindesalter führt man während der Sonntage ein trautes Familiendasein. Seit sich die Familie - weniger aus reiflicher Überlegung, als aus Bequemlichkeitsgründen - den regelmäßigen Pflichten des Katholiken, also auch dem sonntagvormittäglichen Kirchgang, mitsamt den Predigten des zur Päderastie neigenden Stadtpfarrers, sowie der demutsvollen Aufnahme des Leibes Christi, entzogen hatte, bestand die Mutter darauf, dass der Vater dem Sohn stattdessen die "Geschichten zum Fürchten" vorlas. Die "Geschichten zum Fürchten", deren Urheberschaft bis heute ungeklärt ist, handelten allesamt von grässlichen Riesengestalten, die aufgrund ihrer einschüchternden Überlegenheit, sowohl an Körperkraft, als auch an Raffinesse, die Schwachen bedrohen. Die Mutter hegte die Hoffnung, - auch dies vertraute sie der von ihr geführten Liste an - dass die "Geschichten zum Fürchten" bei ihm, auch ohne kirchlichen Beistand, mit der Zeit, eine gewisse Demutshaltung gegenüber der Erwachsenenwelt herbeiführen könnten, die es ihm erleichtern würde, ihr die geschuldeten Dankbarkeitsbekundungen darzubringen. Er, der noch nicht Sechsjährige, bemerkte sehr wohl, wie den Vater, während dieser ihm widerwillig die "Geschichten zum Fürchten" vorlas, jedes Mal eine panische Angst packte, die er zwar hinunter zu schlucken versuchte, aber letztendlich doch nicht zu verbergen vermochte. Er fühlte, wie sich die Schwäche des Vaters ungehindert auf ihn zu übertragen begann. Er hatte keinerlei Selbstschutzmaßnahmen gegenüber dem Vater entwickelt und so nahm er die Angst des Vaters (vor was auch immer), Sonntag für Sonntag, in sich auf. Und eben diese Angst ließ auch in ihm ein unangenehmes Gefühl der Schwäche zurück, welches sich seither, nicht nur jeden Sonntagvormittag, sondern dauerhaft, seiner bemächtigte, und welches es ihm, bis heute, kaum möglich machte, eine ernsthafte eigene Meinung zu äußern.Er ist praktisch taub, und doch weigert er sich, ein Hörgerät zu benutzen.
Auf dem Amt erklärt man ihm, seiner Familie würde ein großer Nachteil entstehen, wenn er den Nachweis seiner Loyalität gegenüber den Machthabenden nicht erbringen könne.
Im Kaffeehaus wird er Zeuge eines Gespräches zweier Architekten:
Ich will bauen!
Brauchen Sie eine Behausung?
Nein!
Weshalb wollen Sie dann bauen?
Ich will Bleibendes schaffen
Es wäre besser, Sie würden in vollständiger Bewegungslosigkeit erstarren
Ich kann doch nicht nur herumsitzen und nichts tun
Die Zeiten haben sich geändert!Sehr Vertrauen erregend wirken die Worte nicht, welche aus dem Kreise der Pensionisten zu hören sind.
Er macht sich nicht mehr die Mühe, denjenigen Leuten zu helfen, deren Lebensinhalt lediglich darin besteht, auf fremde Hilfe zu warten.
Stumpfsinnige Feierlichkeiten kehren in unbarmherziger Geburtstagsregelmäßigkeit wider. Davor können nicht einmal Häuser schützen.
Wegen gesundheitlicher Probleme kann er seiner eigentlichen Leidenschaft, blutschwitzende Pferde zu beobachten, nicht mehr nachgehen.
Es sind mindestens drei Frauen, die er, eine nach der anderen berührt, indem er jeweils von hinten an sie herantritt und ihre Brüste umfasst. Wenigstens bei einer der drei Frauen, verspürt er dabei ein sehr starkes Gefühl sexueller Erregung.
Nachmittagslyrik:
Aus welchen Wurzeln nähren?
Gelegentlich unberechenbar sein!Die Flucht zu Pferde ist nicht mehr zeitgemäß.
Unhandliche Mädchen bleiben es oft ihr ganzes Leben lang.
Er stellt sie sich - weil er sie nackt am liebsten sähe - nackt vor.
Ihren fürsorglichen Bemühungen, ihn mit ayurvedischen Berührungstherapien aus seinen gotteslästerlichen Gedanken herauszureißen, widersteht er zaghaft aber ausdauernd.
Jungfernzeugungen sind selten geworden, heutzutage.
Denkwürdigkeiten eines alleingelassenen Sesshaften
von Günter Schweigard
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