Alljährlich versammelt sich eine beachtliche Anzahl bewaffneter Männer mittleren Alters am Rande der offenen Ebene, um mit scharfer Munition auf dort Ansässige zu schießen - aus Lust am Töten, wie sie sagen und um die verspielte Ästhetik der fallenden leblosen Körper zu genießen.
Irgendwo zwischen Minsk und Riga lässt er sich, voller Zuversicht, mit einer ihm ergebenen hispanophilen Fotografin nieder.
Die Landschaft: Auch hier farbenprächtig (wenn die Sonne tief steht).
Telluride, am San Miguel River, ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Keiner ruft einem zu: "To Hell You Ride!"
Mit Kartoffeln zielt er auf einen großen Gong, wie man ihn in China kennt. Immer wenn eine Knolle den Gong trifft, bringt ihm eine halb nackte Ukrainerin ein Glas mit Wodka.
Als er in einem Lagerraum für Kunstbeine erwacht, fühlt er die wieder gewonnene Freiheit des Beinamputierten in sich.
Ungetrübter Genuss geht durch ihn hindurch
Ein Zergehen von Wünschen scheint sich anzubahnen - so wie sie gekommen sind, verschwinden sie wieder.Eine ältere Dame trocknet ihm mit einem billigen Frottiertuch, rot und braun gestreift, die Haare. Sie behauptet von ihm, er hätte Mutterwitz, worauf er mit ihr ein baldiges Wiedersehen vereinbart.
Die Wahlmöglichkeiten verringern sich mit zunehmendem Lebensalter stetig (aufgrund der Altersträgheit).
Der Tag besteht nur noch aus Tätigkeiten, wie dem Aufsammeln von gefallenen Blättern (aufgrund des Altersstarrsinns).
Ein Lastwagen mit einer Ladung grüner Bananen fährt durch die engen Schluchten eines geheimnisvollen Berglabyrinths und verursacht dabei ein verwirrendes Echo von Motor - und Bremsgeräuschen.
Vielbegehrte Kostbarkeiten liegen meist zugeschneit auf unpassierbaren Gebirgspässen herum.
Ist der Körper unterkühlt, wird er träge. Die Bewegungen verlangsamen sich; das noch verbliebene Gefühl, in den Fingerkuppen, lässt nur noch grobmotorische Arbeiten zu - das Schreiben gehört ebenso nicht mehr dazu, wie das Zubereiten feiner Speisen. Aber: Zähigkeit durch Unterkühlung!
Auflösung einer Familie
Mother and Father and Son I
Das Gros der ehelichen Beziehungen - wenn sie nicht ohnehin vorzeitig abgebrochen werden - endet im gemeinsamen Sitzen, also in der "Taten- und wortlosen Zweisamkeit". Auch die Eltern praktizierten das gemeinsame Sitzen. Das gemeinsame Sitzen der Eltern begann nach dem Mittagessen und endete für gewöhnlich mit dem Zubettgehen. Nichts deutete, während der gesamten Kindheit, die er bei den Eltern verbrachte, darauf hin, dass es eine Zeit elterlicher Ekstase gegeben haben könnte, in der sich der Schwanz des Vaters versteifte, und der Vater dann, zusammen mit der warm empfangenden Mutter, einen Zeugungsakt vollzog. Die Mutter hütete ihre Lüste ausnahmslos im Verborgenen - nicht einmal in der von ihr geführten Liste hatte sie Eintragungen über Zeugungsakte, oder ähnliche Vorgänge, gemacht - und der Vater hatte Angst (wovor auch immer). Dennoch musste es, wenigstens ein einziges Mal, jene Nähe (wenn auch nur eine körperliche) zwischen den Eltern gegeben haben, die es möglich gemacht hatte, dass er gezeugt wurde. Es musste diesen Zeugungsakt gegeben haben, auch wenn es kein Akt des freien Willens gewesen war, dem er seine Existenz zu verdanken hat. Die einzige Erklärung, wie es zu diesem, seinem, Zeugungsakt gekommen sein konnte, ist diese, dass unmittelbar vorher eine für die Eltern ernsthaft bedrohliche Situation eingetreten sein musste, die in ihnen das Bedürfnis erweckte, sich nahe zu sein, denkt er. Es hatte diese Momente gegeben, meist während eines Gewitters, in denen auch er, noch nicht sechsjährig, sich am gemeinsamen Sitzen der Eltern beteiligt hatte, weil er annahm, dass die einzelnen Familienmitglieder sich nun nahe seien und er, in der Meinung, auch die Eltern seien sich nun nahe, vor lauter Rührung anfing zu weinen. Doch die Eltern waren sich auch während eines Gewitters nicht nahe gewesen - auch wenn sie, mit ungelenk gefalteten Händen, gemeinsam am Küchentisch saßen und ihr angstvoller Blick unentwegt auf die kleine brennende Kerze gerichtet war, die neben den beiden bereitgelegten Sparbüchern auf dem Küchentisch stand. Sie konnten sich nicht gegenseitig trösten, denn sie wussten im Grunde nichts von der Angst des Anderen. Die Mutter hatte immer Angst, es könnte ein Blitz in das Haus einschlagen und es würde zu brennen anfangen und sie würden alles verlieren. Der Vater hatte immer Angst vor dem Donner - der Vater hatte immer Angst vor Dingen, die überhaupt nicht gefährlich waren. Es musste einer dieser Momente, während eines Gewitters, gewesen sein, denkt er, am Tag seines siebenundvierzigsten Geburtstages, unter der mit Wein bewachsenen Holzpergola sitzend, der seinem Zeugungsakt vorausgegangen war. Seine Zeugung beruht also letztendlich auf dem in ehelichen Beziehungen weitverbreiteten Missverständnis, welches darin besteht, zu denken, dass man sich nach einer gemeinsam überstandenen ernsthaft bedrohlichen Situation besonders nahe sei.Erst spät, im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren, konnte er zu einer einigermaßen ansprechenden Unterschrift finden. In den folgenden Jahren gab er jedoch mehrmals dem Wunsch nach, diese wieder zu ändern.
Ein Spiegel (keiner weiß heute noch, wie groß dieser zu sein hatte) galt über lange Zeit hinweg als ein gerechter Preis für einen Sklaven.
Die Welt der schönen Frauen ist wie eine Goldmalerei auf Rotgrund, denkt er.
Er klebt sich einen falschen Schnauzbart an, damit ihn die Liebesdienerin nicht erkennen kann, und er gibt Acht, dass der falsche Schnauzbart während des Liebesaktes nicht herunterfällt.
Von der Enthemmung getragen greift er zur Flasche, und er meint Ozeane durchschwimmen zu können.
In der Abendsonne sitzend schreibt er einen Dialog:
Ein Mann, Mitte Vierzig, sitzt auf einer Parkbank
Eine sehr magere elegant gekleidete ältere Dame, mit Mops, tritt heran
Warum sitzen Sie hier?
Ich möchte mich entspannen
Darf ich mich zu ihnen setzen?
Ja!
Haben Sie keinen Beruf?
Ich hatte einen!
Sie hatten einen?
Projektemacher!
Welche Branche?
Querbeet! Und Sie?
Gisela Kratzl, Organistengattin!
Ihr Hund hat an mein Bein gepinkelt
Fiffi! Aus! (schlägt nach ihrem Hund)
Sauerei! Sehen Sie sich das an!
Ich bringe das in Ordnung (kniet sich nieder und wischt, mit der bloßen Hand, das Hosenbein ab)
So wird das nichts!
Der Mann, Mitte Vierzig, steht wortlos auf und gibt dem Mops einen Fußtritt
Der Mops ist tot!Vermutlich läuft es doch wieder auf den Tod hinaus. Für unabsehbare Zeit wird es dazu keine Alternative geben.
Unvorstellbar wäre das Gedränge der schier unendlichen Zahl von Seelen, würde man sie im Jenseits alle gewähren lassen, denkt er. Nur Toren glauben, es gäbe dort Platz genug für alle. Selbst wenn das ganze Universum zur Verfügung stünde, hätte sich die Einzelseele vermutlich mit weniger als einem Raummeter zu begnügen - eine geradezu unmenschliche Art, Seelen zu halten. So spricht doch vieles für eine selektive Auswahl bei der Besetzung der verfügbaren Seelenplätze. Je weiter sein Leben fortschreitet, desto öfter stellt er sich die immer dringlicher werdende Frage, was denn nun das Notwendige sei, das zu Lebzeiten getan werden muss, um sich einen dieser verfügbaren Seelenplätze zu sichern oder sich zumindest für einen dieser verfügbaren Seelenplätze zu empfehlen.
Was geschieht mit den seelenlosen Körpern?
Sie verglühen im All!Er stellt sich vor, dem Planeten Jupiter ganz nah zu sein.
Aber: "Ich will nichts gesagt haben!"
Denkwürdigkeiten eines alleingelassenen Sesshaften
von Günter Schweigard
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