Die Zerstörung terrestrischer Metropolen ist bereits so gut wie abgeschlossen - es werden neue (vorgestellte) Metropolen entstehen.
Die sich selbst verlustierende Masse lebt ein Leben in naiver Nachahmung - pseudoreligiös und kollektiv empfänglich.
In warmen Nächten, während sprechende Gemeinschaften Feste feiern, versinkt er gerne in tiefem Schlaf.
Es ist die blinde Lässigkeit, die allerorten so unbeschreiblich forsch auftritt und alle Kritik an sich abprallen lässt.
Die blinde Lässigkeit findet ihren Ursprung in der Gedankenlosigkeit.
Die Stadt: Eine Anhäufung von Menschen, die Annehmlichkeiten der vorgefundenen Infrastruktur genießend.
Tausende flanieren durch die Straßen. Einige Zeitungen machen dies tags darauf zu einer großen Sache.
"Uncle Siggi" sei auch dabei gewesen, heißt es.Ein wildes schönes Mädchen, das in einem modernen Appartmenthaus wohnt, bittet ihn darum, ihm seine mysteriöse Vorgeschichte erzählen zu dürfen, was er mit der Begründung ablehnt, ihre mysteriöse Vorgeschichte unterscheide sich sicherlich in keinster Weise von jenen, aller wilder schöner Mädchen, die er bisher gekannt hatte.
Mit der Gattin eines Kunsthändlers, der vorzugsweise russische Avantgardisten kauft, geht er eine Liaison ein. Er teilt mit ihr das Interesse für die französischen Impressionisten und er respektiert ihren Wunsch, was die Liaison anbetrifft, absolute Verschwiegenheit zu bewahren.
Auflösung einer Familie
Mother and Father and Son II
Bereits im frühen Jugendalter, lange vor dem Tod der Mutter, war ihm klar geworden, dass die Auflösung der Familie kurz bevorstand. Irgendwann, konnte er das gemeinsame Sitzen der Eltern (auch während eines Gewitters) nicht mehr ertragen. Er bemühte sich nicht länger um versöhnliche Gesten gegenüber der Mutter, - im Jugendalter gibt man sich gegenüber der Mutter tendenziell unversöhnlich - und er verließ, noch nicht siebzehnjährig, ohne ein Wort des Abschieds, die elterliche Wohnung. Wie sie es gewohnt waren, hatten die Eltern, nach seinem Weggehen, noch eine Weile von der verbliebenen Restliebe gezehrt. Sie hatten sich, nach überstandenen ernsthaft bedrohlichen Situationen, auch weiterhin aneinandergeklammert, bis die Mutter krank wurde und schließlich an ihrem siebenundvierzigsten Geburtstag starb. Kurz nachdem der Vater seine Trauerarbeit erledigt hatte, begann er damit, erneut jemanden zu suchen, dem er sich unterwerfen konnte. Bald fand er eine alte Frau aus Tansania, die sein unterwürfiges Wesen sehr schätzte, und die ihm sogar sein Flugticket bezahlte. In Tansania ist der Vater auch heute noch. Wahrscheinlich wird der Vater auch in Tansania keine eigene Meinung äußern, so wie er dies auch hierzulande nie getan hatte. Er denkt nicht mehr oft an den Vater. Er empfindet ihm gegenüber nur noch Gleichgültigkeit. Es ist fast so, als hätte er nie einen Vater gehabt. Sartre hatte auch keinen Vater, denkt er. Gelegentlich kramt er noch in seiner Erinnerung nach weiteren Merkmalen für die Schwäche des Vaters und überprüft, ob er diese Merkmale auch bei sich selbst erkennen kann. Nach dem sich die Familie aufgelöst hatte, folgte für ihn eine lange Zeit der Nachdenklichkeit. Während der Zeit der Nachdenklichkeit, einer wichtigen Phase seiner bis heute andauernden Selbsttherapie, schöpfte er die Kraft eine Reihe vorzüglicher Eigenschaften zu entwickeln, die es ihm ermöglichten sich weitgehend von seiner Angst zu befreien, die bis dahin all sein Handeln bestimmt hatte. Während der Zeit der Nachdenklichkeit gelang es ihm erstmalig, sich aus allen moralischen Gemeinschaften, die zur Ausgrenzung und Schadenfreude neigen, hinauszuwenden und niemandem mehr zugehörig zu sein. Er glaubt auch nicht mehr an ein höheres Wesen. Vor Jahren schon wandte er sich von Gott ab, nachdem er gemerkt hatte, dass ihm der Glaube an diesen nicht mehr gut tat. Während der Zeit der Nachdenklichkeit überwand er das Nichtalleinseinwollen, was ihn bald in die Lage versetzte, sich nach und nach in seine zukünftige Lebenswelt hineinzuwenden, in der er, nach seiner Vorstellung, nur noch seiner eigenen kindlichen Moral und niemals mehr der Prinzipienmoral einer Erwachsenenwelt verpflichtet sein wird. Allein sitzt er unter der mit Wein bewachsenen Holzpergola. Er trägt einen leichten sattelbraunen Sommeranzug. Es ist warm. Es ist der Tag seines siebenundvierzigsten Geburtstages. Er schenkt sich Rotwein nach und er ist voller Zuversicht, den heutigen Tag, seinen siebenundvierzigsten Geburtstag, überleben zu können. Die Gene der väterlichen Sippe versprechen immerhin ein langes Leben. Er kann sich nicht daran erinnern, dass irgendjemand aus der väterlichen Sippe gestorben wäre, bevor er das achtzigste Lebensjahr vollendet hatte. Von der kränklichen mütterlichen Sippe bleibt nichts zurück - außer ein Rezept für jenen vorzüglichen Apfelstrudel, den die Mutter zu backen verstand. Die Mutter hatte das Rezept (warum auch immer), wohl kurz vor ihrem Tod, mit schon etwas krakeliger Handschrift, ganz unten auf der von ihr verfassten Liste aufnotiert. Gleich morgen früh, am Tag nach seinem siebenundvierzigsten Geburtstag, wird er das Rezept auf einen Zettel schreiben und die von der Mutter verfasste Liste vernichten, denkt er.Den ganzen Abend lang sieht er sich ihre Schwarz-Weiß-Fotografie an.
Wenn sich plötzlich die Verwandlung der Welt ankündigen würde, wäre es müßig, darüber nachzudenken, warum diese Verwandlung geschehen wird.
Vor allem jene jungen Mädchen, die tagsüber im Lager arbeiten, hören ihm abends gerne zu, wenn er, hoch über der Stadt, in seiner luxuriös ausgestatteten Hotelsuite, wunderbare Geschichten erzählt. Trotz der großen Verunsicherung die sich dabei auf ihren Gesichtern zeigt, sind die jungen Mädchen immer wieder begierig, neues, erstaunliches zu erfahren (auch wenn einige von ihnen dabei nicht selten bis zu zwei ihrer eng anliegenden Seidenblusen durchschwitzen).
Niemals wieder will er sich an vorgegebene Richtlinien halten, denkt er: Ein Fortschritt!
Er interessiert sich für Vorgänge die völlig undogmatisch ablaufen und erwartet dabei den Atemstillstand.
Am späten Abend, bei Kunstlicht, schreibt er noch ein letztes Erwachsenengedicht:
Mein schwachsinniger Schwager kam neulich zu Besuch
Wenigstens seine Alte war nicht schlecht!
Es hinderte mich anfangs die Moral daran
sie zu missbrauchen
und ich hielt es für besser, abzutauchen
in das Meer der Sprachlosigkeit
Doch die Alte meines Schwagers lief mir nach
und ich missbrauchte sie also doch
woraus mir ein Strick gedreht wurdeEs wird sich voraussichtlich auch heute nicht ergeben, miteinander zu schlafen.
In völliger Selbstvergessenheit arbeitet er bis spät in der Nacht.
Gelassen gleitet er in die Schlaflosigkeit hinein - in eine sich leidenschaftslos drehende Gedankenwelt.
Um sich herum bemerkt er einige Frauen, deren Verlangen sich offensichtlich darauf beschränkt, ihn schlafend zu sehen, worauf er sich der Symptome seiner eigenen Müdigkeit gewahr wird und tatsächlich in tiefen Schlaf sinkt. Die Frauen, nachdem sie ihn nun schlafend wissen, greifen begierig auf sein Geschlecht zu und sie jauchzen auf, wenn dieses sich immer wieder aufs Neue zu versteifen beginnt. Die Frauen befriedigen sich mit seinem erigierten Geschlecht und sie helfen sich dabei gegenseitig. Ihre Gesichter sind rotwangig und ihre Augen glänzen fiebrig. In Momenten wie diesen denken die Frauen nicht an ihre älter werdenden Kinder. Sie fühlen sich jung und unwissend, gerade so, als hätten sie sich noch niemals zuvor gepaart, gerade so, als hätten sie noch niemals zuvor gebärend dagelegen (sich krümmend vor Schmerz) und gerade so, als wäre ihnen, in diesen schier unerträglich erscheinenden letzten Minuten des Gebärens, der Lustschrei nicht für immer abhanden gekommen.
Seine Träume haben sich dahin gehend verändert, dass er nicht mehr von seinem eigenen Lachen wach werden kann - was ihm früher gelegentlich noch passiert war.
Fine
Denkwürdigkeiten eines alleingelassenen Sesshaften
von Günter Schweigard
VII
